E. Locher: Natürlich, nackt, gesund

Cover
Titel
Natürlich, nackt, gesund. Die Lebensreform in der Schweiz nach 1945


Autor(en)
Locher, Eva
Erschienen
Frankfurt am Main 2021: Campus Verlag
Anzahl Seiten
426 S.
Preis
45,00€
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von:
Bernadett Bigalke, Religionswissenschaft, Universität Leipzig

Die (trans-)nationale Fallstudie der Zeithistorikerin Eva Locher schließt eine seit langem konstatierte Forschungslücke, indem sie die Entwicklung der Lebensreform in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg rekonstruiert. Lange Zeit haben sich die Arbeiten zur Lebensreform vornehmlich auf Deutschland fokussiert. In den letzten 15 Jahren erscheinen nun zunehmend Fallstudien zu anderen europäischen Ländern, die die multiplen synchronen und diachronen Verflechtungen untereinander sichtbar werden lassen.[1] Lochers Studie leistet hierzu einen zentralen und sehr gelungenen Beitrag.

In ihrem Buch fokussiert die Autorin auf transnationale Transferprozesse und Interaktionen zwischen „älteren“ Lebensreform-Aktivist:innen und Vertreter:innen der „jüngeren“ Alternativkultur[2] in der Schweiz und nimmt damit generationenspezifische Aspekte des Gegenstandes in den Blick. Dabei sind sowohl diachrone wie auch explizit synchrone Transferprozesse zwischen beiden sozialen Formationen zu beobachten. Locher identifiziert insbesondere die 1970er-Jahre als eine Periode des Übergangs für die Lebensreform: Praktiken und Ideen diffundierten aus einer gesellschaftlichen Nische erst in das weitere alternative Milieu und von dort in breite gesellschaftliche Kreise hinein. Während aber die Ideen und Wertvorstellungen ein verstärktes Interesse erfuhren, begannen die organisationalen Strukturen der Lebensreform in den 1980er-Jahren sukzessive zu schwinden. Mitgliedschaft oder gar aktives Engagement in Vereinsvorständen stieß bei den Jüngeren auf wenig Interesse.

Locher illustriert diese Entwicklung anhand der drei „klassischen“[3] und auch ihre Arbeit strukturierenden Lebensreformströmungen Ernährungsreform und Vegetarismus, Naturheilkunde sowie Freikörperkultur. Deren Hauptprinzipien und -praktiken wie der Verzicht auf Fleisch, Alkohol und Tabak sowie das Streben nach einer Verbesserung des „Selbst“, die sich im späten 19. Jahrhundert etabliert hatten, wurden nach 1945 immer noch als gültig erachtet. Die Begründungen diversifizieren sich allerdings durch das Anknüpfen an neue kulturelle, politische und soziale Kontexte. Themen, wie die Nutzung der Kernenergie, chemischer Schadstoffe und andere drängende Umweltfragen trugen zur (Re-)aktualisierung älterer lebensreformerischer Ideen und Praktiken bei. Locher arbeitet aus dem Quellenmaterial drei Komplexe typischer Bezugsmerkmale heraus: Zum einen den Bereich „Natur“, „Umwelt“ und „Natürlichkeit“, einen, der „Körper“ und das „Selbst“ umfasst, und schliesslich die Kritik an Massenkonsum und Technik. Lebensreformer:innen und die Mitglieder des Alternativmilieus teilten viele Ideen und Werte, wie den Glauben an den Zusammenhang von persönlichem Konsum, individuellem Lebensstil und gesellschaftlichem Wandel, den Wunsch nach einem „natürlichen“ und ökologischen Lebensstil, den Glauben an die Selbstheilungskräfte des Körpers und an die Einheit von Körper und Seele. Besonders erfolgreich war der Wissenstransfer von den Reformer:innen in das alternative Milieu über die Praktiken des ökologischen Gartenbaus und die neuen Formen der Landwirtschaft („Bärglütli“) (S. 50–58). Diskrepanzen und Ambivalenzen blieben bei der Haltung zu regelmäßigem Drogenkonsum (S. 93) und bei der Frage der Selbstorganisation. Wenn es um die Lebensmittelbranche ging, wurden beide gar zu Konkurrenten, wie die Schwächung der Reformhaus-Bewegung zeigt (S. 130–133).

Die historische Forschung zu den Lebensreformgruppen um 1900 arbeitet häufig mit dem soziologischen Begriff der Bewegung, um den sozialen und kulturellen Wandel dieser Zeit zu verstehen und zu erklären. Locher verwendet dagegen das Konzept des sozialen Milieus in Anlehnung an Dieter Rucht[4] und konzentriert sich damit auf den Alltag und die gemeinsamen Erfahrungs- und Kommunikationsräume, die die Werte und Handlungen der Milieumitglieder prägten. Sie interessiert sich für die Formen der sozialen Interaktion, das Aushandeln gemeinsamer Wertvorstellungen und der damit verbundenen Lebenspraktiken sowie die zu beobachtenden Transferprozesse. Das Konzept des sozialen Milieus hilft ihr dabei, Überschneidungen und Abgrenzungen zugleich in den Blick zu nehmen. Naturheilkunde, Freikörperkultur und Ernährungsreform werden dementsprechend als Teilmilieus des breiteren Lebensreformmilieus gefasst.

Auch den psychotherapie- und religionsgeschichtlichen Dimensionen des Lebensreformmilieus wird Aufmerksamkeit geschenkt. Locher bettet bestimmte Beratungspraktiken, soziale Settings und Kommunikationsmodi in die existierende Forschung zur therapeutischen Kultur und zum „Psychoboom“ der 1970er-Jahre ein. Dabei arbeitet sie fruchtbar mit der theoretischen Perspektive der Gouvernementalitäts-Studien, die auf Technologien des Selbst, Normalisierungspraktiken und den sogenannten healthism fokussieren. Denn ähnlich wie schon im fin de siècle hing die erfolgreiche Verbreitung und Plausibilität der lebensreformerischen Grundprinzipien unter anderem von überzeugenden Konversionsnarrativen, von Geschichten über Krankheit, Heilung und Erlösung ab. Zudem engagierten sich manche der beschriebenen Akteur:innen in New-Age-Gruppen, im Mazdaznan, in Leonhard Ragaz` religiösem Sozialismusprojekt, im New Thought, in Human-Potential-Gruppen und in der Transpersonalen Psychologie. Locher arbeitet diachrone und synchrone religiöse Wissenstransfers – insbesondere religiöse Importe aus den USA – heraus. Diese sind aus Sicht der Rezensentin als Teil einer zweiten und dritten Welle transatlantischer esoterischer Transferprozesse in den 1960er- und 1970er-Jahren zu betrachten, die das europäische esoterische Feld diversifizierten und von dort aus auch die Diskurse im lebensreformerischen und alternativkulturellen Milieu beeinflussten.

Die politischen Dimensionen der Wissenstransfers und des interpersonellen Austauschs werden von Locher in jedem der drei genannten Submilieus herausgearbeitet, so etwa die kulturkonservativen Netzwerke um die ernährungsreformerisch aktive Familie Bircher-Benner samt entsprechendem Publikationsorgan (S. 48–49), in denen ehemals nationalsozialistisch motivierte Zivilisationskritik weiterführt wurde (S. 61), oder die Prozesse semantischer Umcodierungen (z.B. wird „Neue Deutsche Heilkunde“ zu „Ganzheitsmedizin“). Auch der diskursive Bezug zur Eugenik blieb in der Publizistik nach 1945 vielerorts – mehr oder minder sichtbar – bestehen. Und einige ehemalige kulturkonservative oder völkische Lebensreformer aus Deutschland, manche davon hatten im Nationalsozialismus Karriere gemacht, fanden nach dem Krieg eine neue Plattform im Lebensreformmilieu der Schweiz, z.B. als Autoren, Referenten und Experten. Reflexive, öffentlich betriebene Vergangenheitsbewältigung wurde auch in der Schweiz in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg nicht betrieben.

Was sich im Vergleich zur Lebensreform der Vorkriegszeit ebenfalls nicht geändert hat, ist die soziale Trägerschaft des Lebensreformmilieus und die traditionellen Geschlechterrollen. Die Lebensreform in der Schweiz war auch nach 1945 immer noch ein hauptsächlich bürgerliches Projekt, das von Männern geführt wurde (Autoren, Vereinsvorsitzende, Referenten), mit aktiven Frauen in der zweiten Reihe (Kochkursleiterinnen, Haushälterinnen, Organisatorinnen, Fotoobjekte). Und wie in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende basierten die Ideen und Praktiken der Lebensreform nicht auf einem klaren Gesellschaftsbegriff und konnten daher von linken und rechten Akteur:innen gleichermaßen aufgegriffen werden – so Lochers Hypothese: Auf der einen Seite das linksalternative Milieu und auf der anderen Seite ältere deutsche Lebensreformbefürworter mit teilweise völkischer oder kulturkonservativer Vergangenheit. Die Metapher der „transnationalen Plattform“ ist von Locher klug gewählt und ermöglicht es ihr, die wachsende Rolle der Schweizer Lebensreform nach dem Krieg aufzuzeigen, während die Lebensreformer:innen in der Bundesrepublik und der DDR mit den vielfältigen Auswirkungen des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und der Spaltung in Ost- und Westdeutschland zu kämpfen hatten.

Trotz vieler inhaltlicher und personeller Überlappungen und Kontinuitäten stellt Locher auch grundlegende Verschiebung fest: Während die frühe Lebensreform eindeutig auf die Reform des Individuums abzielte und die utopische Vorstellung vertrat, dass sich dadurch nach und nach die gesamte Gesellschaft verändern werde, zielten die Befürworter in den 1950er-Jahren explizit auch auf die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen ab und engagierten sich dafür politisch. An dieser Stelle wäre zurückzufragen, ob diese Feststellung möglicherweise ein zeitliches Spezifikum der Schweiz im Vergleich zu Deutschland ist. In einigen deutschen lebensreformerischen Submilieus hatten sich bereits zwischen den 1900er- und 1930er-Jahren Strömungen herausgebildet, die aktiv und programmatisch auf die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen abzielten, z.B. die Lobbyarbeit für die Aufnahme von Naturheilverfahren in den Krankenkassenkatalog oder für die Etablierung naturheilkundlicher Lehrstühle an Universitäten.[5]

Lochers Quellenmaterial ist vielfältig und trägt wesentlich zum Reiz der Arbeit bei. Sie hat Zeitschriften, Ego-Dokumente aus Privatarchiven, Oral-History-Interviews und Fotografien ausgewertet. Die Arbeit zeichnet sich also aus durch Materialreichtum, im Weiteren durch Stilsicherheit und verlässliche Leserführung – und das alles eingebettet in ein innovatives Forschungsdesign. Sie ist daher Zeithistoriker:innen, Kulturhistoriker:innen und Vertreter:innen der sozialen Bewegungsforschung sehr zu empfehlen.

Anmerkungen:
[1] Stephen Harp, Au Naturel. Naturism, Nudism, and Tourism in Twentieth-Century France, Baton Rouge 2014; Sylvain Villaret, Naturisme et Éducation Corporelle. Des Projets Réformistes aux Prises en Compte Politiques et Éducatives (XIXe-Milieu XXe Siècles), Paris 2006; James Gregory, Of Victorians and Vegetarians. The Vegetarian Movement in Nineteenth-Century Britain, London 2007; Nemeth Andras (Hrsg.), Lebensreform und Reformpädagogik in Österreich und Ungarn, Frankfurt am Main 2017; Marc Cluet (Hrsg.), „Lebensreform“. Die soziale Dynamik der politischen Ohnmacht / La Dynamique Sociale de l'Impuissance Politique, Tübingen 2013.
[2] Zur Alternativkultur: Sven Reichardt / Detlef Siegfried (Hrsg.), Das alternative Milieu. Antibürgerlicher Lebensstil und linke Politik in der Bundesrepublik Deutschland und Europa 1968–1983, Göttingen 2010; Sven Reichardt, Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Berlin 2014.
[3] Wolfgang Krabbe, Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform. Strukturmerkmale einer sozialreformerischen Bewegung im Deutschland der Industrialisierungsperiode, Göttingen 1974.
[4] Dieter Rucht, Linksalternatives Milieu und Neue Soziale Bewegungen in der Bundesrepublik. Selbstverständnis und gesellschaftlicher Kontext, in: Cordia Baumann (Hrsg.), Linksalternatives Milieu und Neue Soziale Bewegungen in den 1970er Jahren, Heidelberg 2010, S. 35–59.
[5] Marina Lienert, „Naturheilkunde ist keine Wissenschaft!“ Naturheilvereine, Ortskrankenkassen und Parteien in den Auseinandersetzungen um die Errichtung eines Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Universität Leipzig (1894–1924), in: Martin Dinges (Hrsg.), Medizinkritische Bewegungen im Deutschen Reich (ca. 1870–ca. 1933), Stuttgart 1996, S. 59–78; Cornelia Regin, Selbsthilfe und Gesundheitspolitik. Die Naturheilbewegung im Kaiserreich (1889–1914), Stuttgart 1995.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.01.2022
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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