P. Saini u.a.: Das Wissen der Hände

Cover
Titel
Das Wissen der Hände / Gestes d'artisans. Die Filme der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde 1960–1990 / Les films de la Société suisse des traditions populaires 1960–1990


Autor(en)
Saini, Pierrine; Schärer, Thomas
Reihe
culture [kylty:r] Schweizer Beiträge zur Kulturwissenschaft (8)
Erschienen
Münster 2019: Waxmann Verlag
Anzahl Seiten
822 S.
Preis
€ 79,90
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von:
Wolfgang Fuhrmann, Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich / Medellín, Kolumbien

Die vorliegende Publikation von Pierrine Saini und Thomas Schärer ist im wahrsten Sinne eine schwergewichtige Arbeit. Das fast tausendseitige Werk, das neben der Printversion auch in open access erhältlich ist, erforscht erstmals systematisch die Filmproduktion der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde (SGV) bzw. Société suisse des traditions populaires (SSTP) in den Jahren 1960–1990.

In der zweisprachig verfassten Arbeit untersucht Pierrine Saini, studierte Ethnologin, die Filme der französischsprachigen Westschweiz, Thomas Schärer, Filmwissenschaftler und Historiker, die der deutschsprachigen Schweiz. Die weiteren Kapitel sind so konzipiert, dass sie gemeinsam die Geschichte nachzeichnen, aber auch eine unabhängige Lektüre auf Deutsch oder Französisch ermöglichen. Mit ihrem interdisziplinären Blick analysieren sie dreißig Jahre Filmschaffen bzw. elf ausgewählte Filme aus einer kultur- und filmwissenschaftlichen sowie historischen Perspektive. Sie liefern damit eine lesenswerte Einzelstudie, die zumindest in der deutschsprachigen Literatur zum volkskundlichen/ethnografischen Film ihresgleichen sucht. Neben der 2011 erschienenen Publikation Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896–1964[1] und Felix Rauhs Arbeit zu den Dokumentarfilmern René Gardi, Ulrich Schweizer und Peter von Gunten[2] liefern Saini und Schärer einen weiteren wichtigen Beitrag zur dokumentarischen Filmarbeit in der Schweiz.

In ihrer Untersuchung geht es dem Autorenteam nicht um die inhaltliche Frage oder Bewertung, wie volkskundlich die produzierten Filme sind[3], sondern: „Die Untersuchung von Wechselwirkungen (oder deren Fehlen) zwischen der filmischen Praxis der SGV und dem wissenschaftlichen Diskurs in der Volkskunde, der Ethnografie der materiellen Kultur und der visuellen Anthropologie verortet die Filme in einem weiteren fachlichen, filmhistorischen und gesellschaftlichen Umfeld.“ (S.19)

Im ersten Teil widmet sich Saini einer methodisch-theoretischen Einbettung des Films in der SGV sowie den technischen Bedingungen und internationalen Einflüssen, Schärer zeichnet den historischen Verlauf der SGV nach und gibt einen Einblick in die Filmarbeit Schweizer Ethnografinnen und Ethnografen. Die beiden verwenden keine einheitliche wissenschaftliche Bezeichnung, wie etwa volkskundlicher oder ethnografischer Film. Sie sprechen zuallererst vom Film und verwenden mit ihrem approche située Zuschreibungen entsprechend den jeweiligen historischen Gegebenheiten (S. 30) – angesichts der Heterogenität der Filmformen der SGV in diesem Zeitraum eine nachvollziehbare Entscheidung, mit der sie auch einer Grundsatzdiskussion entgehen, die sich seit Jahrzehnten im Kreis dreht.

Die 1896 gegründete SGV ist die wichtigste Produzentin von ethnografisch-volkskundlichen Filmen in der Schweiz. Überlegungen zum Einsatz des Films lassen sich bis ans Ende der 1910er-Jahre zurückverfolgen, konkret wurde die Filmarbeit dank dem Basler Ethnologen Alfred Bühler, der 1942 die Abteilung Film in der SGV schuf. Die anfängliche Aufgabe des Films in der SGV entsprach bis in die sechziger Jahre der international weit verbreiteten Idee einer „salvage ethnography“, dem Sicherungs-, Sammlungs- und Dokumentationsgedanken sogenannter „aussterbender Völker“ und/oder heimischer Traditionen.[4] In diesem Sinne wurden SGV-Filme der frühen sechziger Jahre über das aussterbende Handwerk unter dem Begriff „Notfilmung“ geführt.

Für den Untersuchungszeitraum konstatieren Saini und Schärer einen Paradigmenwechsel in der Filmarbeit der SGV, der von „der dokumentierenden Notfilmung über den verstehend-interpretierenden Autorendokumentarfilm bis hin zu universitären filmischen Abschlussarbeiten führte“ (S. 760). Um diesen Wechsel nachzuzeichnen, konzentrieren sie sich auf das Verhältnis von filmischer Form und Repräsentation, das den zweiten und dritten Teil der Arbeit kennzeichnet. Sie behandeln sowohl die Innovationen in der Filmtechnik, die Situation des Schweizer Films als auch das Interesse junger Filmschaffender in der Filmarbeit der SGV und greifen auf schriftliche und fotografische Quellen sowie auf Interviews mit den Beteiligten der Filme (Produzentinnen, Autoren, Technikerinnen, wissenschaftliche Berater, Ethnologen, Handwerkerinnen) zurück. Die Interviews bilden nicht selten ein Gegengewicht zum wissenschaftlichen Diskurs über die Filme und belegen, dass persönliche Entscheidungen die Arbeit mit dem Film maßgeblich beeinflusst haben.

Die Filmanalysen im zweiten Teil, der chronologisch nach den jeweiligen Leitern der Abteilung Film strukturiert ist, folgen nahezu einheitlichen Analysekategorien, was die Vergleichbarkeit erleichtert: Recherchen, Dreharbeiten, Filmstruktur, Mise en scène: Lichtführung, Cadrage, Montage: Einstellungsdauer, Ton/Information, Gesamtbetrachtung, und Rezeption. Exemplarisch für die breite und intensive Betrachtung der Filme sei hier auf die Diskussion über Hans-Ulrich Schlumpfs Film Guber – Arbeit im Stein (1979) und der Encyclopædia Cinematographica (EC) des Göttinger Instituts für den Wissenschaftlichen Film (IWF) verwiesen. Schlumpfs Film, der der „Tradition des (Deutsch-) Schweizer sozialkritischen Autoren-Dokumentarfilms“ (S. 415) folgt, fand keine Aufnahme in die Encyclopædia aufgrund seiner künstlerischen Ausgestaltung (Einsatz von Musik und Emotionalisierung). Dies widersprach der positivistischen Filmarbeit des Instituts, mit der es sich aber zunehmend ins internationale Abseits schob. Die Beziehung der SGV zum IWF und der EC wird in verschiedenen Kapiteln aufgegriffen, womit die Publikation en passant auch einen wichtigen Einblick in den deutschen wissenschaftlichen Dokumentationsfilm gibt, der leider noch immer seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung harrt.

Mit Blick auf den gesamten Filmkorpus der SGV werten Saini und Schärer in den beiden letzten Teilen ihre Analysen aus und zeigen, welche Inszenierungsstrategien während den Produktionen (z.B. Kameraarbeit, location, setting) und in der Postproduktion durch Schnitt, Musik und Narration zu erkennen sind und die filmische Repräsentation der Wissensvermittlung der SGV-Filme kennzeichnen. Sie schließen ihre Studie mit einer Diskussion über diese Filme in Bezug auf den Topos der Wissenschaftlichkeit. Filme wurden „innerhalb der SGV – im Gegensatz zum IWF – nicht per se als ‘wissenschaftlich‘ bezeichnet, sondern als mögliches Ausdrucks-, Darstellungs- und indirekt auch als Erkenntnismittel innerhalb (meist aber am Rande) des Fachs verstanden“ (S. 716). In der „Diskussion um Wissenschaftlichkeit [ging es] neben den intrinsisch fachlichen Interessen sowohl in der SGV wie im IWF immer auch darum, Terrain zu besetzen, zu verteidigen und die jeweilige Position zu etablieren, zu institutionalisieren“ (S. 715).

Das Buch bietet eine Reihe von wichtigen Einblicken in die Schweizer Filmlandschaft – und zwar mehr als nur in Form der reinen Lektüre. Sehr zu begrüßen und bei filmwissenschaftlichen Arbeiten aus rechtlichen Gründen leider eine Ausnahme ist die Möglichkeit, die im Buch analysierten Filme online anzuschauen (archiv.sgv-sstp.ch/collection/sgv_01). Die Seite bietet zudem eine Reihe von weiteren Angeboten und Information zur audio-visuellen Arbeit der SGV. Im Anhang des Buches, der in einer erweiterten Form auf der Verlagsseite heruntergeladen werden kann, finden sich weitere Detailinformationen: Neben einer SGV-Filmografie im Zeitraum 1960–1990 etwa auch die jeweiligen Einstellungsprotokolle mit Kontaktbögen der analysierten Filme.

Die Zweisprachigkeit des Buches ist für den Schweizer Kontext eine kluge Entscheidung und wird Interessierte hoffentlich nicht von der Lektüre abschrecken. Es wäre interessant gewesen, mehr über die Konzeptgestaltung des Buches und die gegenseitige Reflektion über die Arbeit innerhalb des Autorenteams zu erfahren. Angesichts von über zweitausend Fußnoten hätte sich eine Straffung empfohlen, allerdings bietet der Apparat für Forschende unzählige wichtige Quellenhinweise.

Das schmälert aber die außergewöhnliche, detailreiche Arbeit von Pierrine Saini und Thomas Schärer nicht, mit der sie zweifellos einen wichtigen Beitrag zur Schweizer, der deutsch- und französischsprachigen Volkskunde wie auch zur Schweizer Filmgeschichte geleistet haben. Für die Analyse, Erforschung und Aufarbeitung der Geschichte des Films in der Volkskunde/Ethnografie/Anthropologie setzt ihr Buch einen Maßstab, an dem sich künftige Publikationen messen lassen müssen.

Anmerkungen:
[1] Yvonne Zimmermann (Hrsg.), Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896–1964, Zürich 2011.
[2] Felix Rauh, Bewegte Bilder für eine entwickelte Welt. Die Dokumentarfilme von René Gardi, Ulrich Schweizer und Peter von Gunten in der Schweizer Entwicklungsdebatte, 1959–1986, Zürich 2018.
[3] Vgl. Walter Dehnert, Fest und Brauch im Film. Der volkskundliche Film als wissenschaftliches Dokumentationsmittel. Eine Analyse, Marburg/Lahn 1992.
[4] Craig J. Calhoun, Dictionary of the Social Sciences, New York 2002, S. 46.

Redaktion
Veröffentlicht am
29.09.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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