H. Weck u.a.: Jura et Jura bernois pendant la Première Guerre mondiale

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Titel
Jura et Jura bernois pendant la Première Guerre mondiale.


Autor(en)
De Weck, Hervé; Roten, Bernard
Erschienen
Delémont 2017: Editions D+P
von
Jürg Stüssi-Lauterburg

Der Kanton Bern grenzte von 1871 bis 1918 sowohl an Frankreich als auch an Deutschland. Bei Beurnevésin ist der Dreiländerstein noch zu sehen, die Borne des trois Puissances. Gut fünf Kilometer östlich liegt Le Largin, Gemeinde Bonfol. Von hier zog sich, nach einer ephemeren französischen Offensive in den ersten Kriegstagen, die Front bis 1918 bis zum Meer. Kein Wunder, räumen Hervé de Weck und Bernard Roten in ihrer dem Berner Jura samt dem Laufental gewidmeten Monografie dem Militärischen viel Platz ein. In 15 Kapiteln von der Analyse der Bedrohung bis zu Krieg und Kultur prä-sentiert das Werk den Berner Jura mehr thematisch als chronologisch. Zahlreiche kleine Skizzen geben er Arbeit Charakter: Das andwerk des französischen Nachrichtendienstes von seiner Académie de Réchésy aus, der Zentrale an der Schweizer Grenze, wird ebenso zum Leben erweckt wie die Bundesfeier von 1916 des schweizerischen Postens von Le Largin mit Applaus für die Militärmusik sowohl aus den französischen als auch aus den deutschen Schützengräben. General Ulrich Wille besuchte Laufen. Schweizer und Franzosen sprachen sich ab für den Fall eines deutschen Angriffs. In allem ist die Durchdringung des Themas durch die beiden Autoren, von denen der eine in Porrentruy, der andere in Laufen verwurzelt ist, zu spüren.

Von besonderem Wert sind die Passagen über die verschiedenen Aspekte des Wirtschaftslebens im Berner Jura der Kriegszeit. Dass Munitionskönig Jules Bloch aus La Chaux-de-Fonds – vollkommen legal – Zünder für Frankreich auch in Moutier Delémont und Biel fabrizieren liess, war durchaus zeittypisch. Dass er im Verlaufe des Kriegs nicht ärmer wurde, liegt auf der Hand, und dass Leute, die damals reicher wurden, ins Visier der öffentlichen Meinung gerieten, ebenfalls. Möglicherweise auch zeittypisch war, dass er als «juif et maître de loge maçonnique» (S. 259) von der Justiz härter angefasst wurde als andere. Jules Bloch hatte tatsächlich einem Beamten Geld gespendet (siehe zum Beispiel Le Nouvelliste Valaisan, 23. Januar 1919), und auf Bestechung scharf zu reagieren, war Schweizer Brauch. Die eigentliche Persönlichkeitszerstörung des tüchtigen, frankreichfreundlichen Industriellen Bloch geschah aber nicht ohne aktives Zutun der deutschen Gesandtschaft in Bern. Es war halt Krieg. Und Krieg bedeutete noch ganz andere Angriffe auf die Produktionskapazitäten des Neutralen, etwa die Luftangriffe auf die für Frankreich arbeitende Fabrik Theurillat & Cie. in Porrentruy 1917 und 1918. Dabei scheint es sich im ersten Fall um einen – irrtümlichen – französischen Luftangriff gehandelt zu haben, im zweiten Fall um einen deutschen. «Scheint», denn der Nebel des Kriegs – auch das machen de Weck und Roten vollkommen klar – bleibt trotz aller Bemühungen selbst im Land des Neutralen hängen.

Eine besondere Stärke ist die differenzierte Herausarbeitung von Wahrnehmungen. Ein Beispiel: Franz Baumgartner, Redaktor der konservativen Nordschweiz in Laufen, regte sich einerseits 1915 über Kritik aus der Deutschschweiz auf, die nicht nur den Laufentalern vorwarf, die 100 Jahre der Zugehörigkeit des Juras zum Kanton Bern nicht gebührend gefeiert zu haben. Die Laufentaler seien gute Schweizer und hätten es bewiesen. Als in Lausanne 1916 die herausgehängte Flagge des deutschen Konsulats heruntergerissen wurde und sich an den Kommentaren der harte Gegensatz zwischen Romandie und Deutschschweiz offenbarte, missbilligte Baumgartner die übertriebene Kritik an der deutschsprachigen Schweiz durch die welsche Presse. Das trug ihm in Delémont den Ruf ein, deutschfreundlich zu sein, was freilich keineswegs verhinderte, dass die deutschen Amtsstellen im Elsass die Nordschweiz verboten ... Würde Baumgartner die Feder noch führen, man hätte Lust, auf die Artikel eines so unabhängigen Geistes abonniert zu sein.

Was seine sich selbst gestellte Aufgabe betrifft, den Berner Jura während des Ersten Weltkriegs darzustellen, lässt das Buch keine Wünsche offen. Dort, wo die Schweizergeschichte generell berührt wird, sind allerdings einzelne, dem heutigen Zeitgeist geschuldete, kleinere Schwächen auszumachen. So würde eine – tatsächlich und mit her-ben Worten geübte[1] – Kritik an der These vom angeblichen Einfluss der Sowjets auf den Weg der Schweizer Linken zum Generalstreik von 1918 und die Behauptung von Fälschungen fast schon voraussetzen, dass die Autoren die beiden echten Leninbriefe vom 14. August und vom 18. Oktober 1918 an den Chef der Sowjetdiplomatie in Bern, Jan Antonovic Berzin, wenigstens zur Kenntnis genommen hätten. Richard Pipes hat sie in den russischen Archiven gesichtet und 1996 publiziert.[2] Doch wie gesagt: Die wenigen und unerheblichen Schwächen des Buches betreffen keineswegs seinen Kerngehalt. Dieser ist vielmehr ein dichtes, glaubwürdiges Gesamtporträt des Berner Juras von 1914 bis 1918 und gehört so sehr zur Berner Geschichte wie das Denkmal zum Gedächtnis an die Grippetoten von Lajoux zum Jura gehört. Unter den Namen finden sich dort Charles von Graffenried aus Bern, Hermann Moser aus Biglen, Hans Bühlmann von Beatenberg und Hans Gottlieb Schläppi von der Lenk. An sie und an ihre ganze Generation erinnern Hervé de Weck und Bernard Roten in ihrem gediegenen Band, der auf absehbare Zeit bleiben dürfte, als was er konzipiert ist, das Standardwerk zum Thema.

[1] «On déplore que Martin Nicoulin [...] reste scotché [...] à la version véhiculée par ce faux», 307.
[2] Pipes, Richard (Hrsg.): The Unknown Lenin. From the Secret Archive. New Haven and London 1996, 53, 59, 60.

Zitierweise:
Jürg Stüssi-Lauterburg: Rezension zu: De Weck, Hervé; Roten, Bernard: Jura et Jura bernois pendant la Première Guerre mondiale. Delémont: Editions D+P SA 2017. Zuerst erschienen in: Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 80 Nr. 4, 2018, S. 68-70.

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Zuerst veröffentlicht in

Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 80 Nr. 4, 2018, S. 68-70.

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