I. Drews: "Schweizer erwache"

Cover
Titel
"Schweizer erwache!". Der Rechtspopulist James Schwarzenbach (1967-1978)


Autor(en)
Drews, Isabel
Reihe
Studien zur Zeitgeschichte 7
Erschienen
Frauenfeld 2005: Huber Verlag
Anzahl Seiten
314 S.
Preis
€ 38,90
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von
Christina Späti, Seminar für Zeitgeschichte, Universität Fribourg

Die Rede von der „Überfremdung“ zieht sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts wie ein roter Faden durch die schweizerische Ausländer- und Asylpolitik sowie die gesellschaftlichen und politischen Debatten zu Fragen von Inklusion und Exklusion von „Fremden“. Auffallend ist dabei die erstaunliche Kontinuität des Begriffs, während sich gleichzeitig die Objekte, also jene, die „Überfremdung“ angeblich verursachen, immer wieder gewandelt haben. Richtete sich der Diskurs in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit vornehmlich gegen (Ost-)Juden, so standen seit den 1950er-Jahren zunehmend Italiener im Visier der Überfremdungsgegner.[1] In den 1980er-Jahren kam es zu einem neuerlichen Wandel, indem sich die Überfremdungsdebatten in den Bereich der Asylpolitik verschoben und Asyl Suchende zur Gefahr für die nationale Einheit stilisiert wurden.

Ferner ist auf die Vorläuferrolle zu verweisen, welche die Schweizer Anti-Überfremdungsbewegung als rechtspopulistische Bewegung international gesehen gespielt hat.[2] Als 1965 die „Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat“ (NA) gegründet wurde, welche die Bekämpfung der Anwesenheit von Ausländern in der Schweiz zum Ziel hatte, und 1971 die ideologisch ähnlich ausgerichtete „Schweizerische Republikanische Bewegung“ entstand, ahnte kaum ein zeitgenössischer Beobachter, dass ab den 1980er-Jahren in den meisten westeuropäischen Staaten vergleichbare rechtspopulistische Bewegungen entstehen würden.[3]

Über den bedeutendsten Vertreter und die eigentliche Führerfigur der Schweizer Überfremdungsbewegung in den 1960er- und 1970er-Jahren, James Schwarzenbach, hat nun Isabel Drews ein flüssig geschriebenes Buch vorgelegt, das auf ihrer im Jahr 2000 an der Universität Fribourg angenommenen Lizentiatsarbeit beruht. Schwarzenbach prägte die Debatten zur Ausländer- und Migrationspolitik in dieser Zeit so stark, dass die zweite Überfremdungsinitiative, über welche die Schweizer Stimmbürger 1970, zur Zeit des Höhepunkts von Schwarzenbachs Erfolg, zu entscheiden hatten, „in der öffentlichen Wahrnehmung wesentlich mit seiner Person verknüpft war“ (S. 258), sie hieß denn auch im Volksmund „Schwarzenbach-Initiative“. Die Initiative, die eine drastische Reduktion der Anzahl von Ausländern/innen in der Schweiz verlangte, wurde mit 54 Prozent Neinstimmen an der Urne nur knapp verworfen, wobei beinahe ein Drittel der Kantone der Vorlage zustimmte.

Auch in den Überfremdungsparteien, die sich in dieser Zeit formierten, spielte Schwarzenbach eine bedeutende Rolle. 1967 wurde er als erster Vertreter der NA überraschend in den Nationalrat gewählt. Hier war er, an sich marginalisiert, da er keiner Parlamentsfraktion angehörte, die nächsten vier Jahre bestrebt, sich vor allem durch parlamentarische Vorstöße und Wortmeldungen zu profilieren, wobei er laut Drews konsequent die „Überfremdung“ thematisierte, selbst in Sachfragen, bei denen „materiell gar kein oder kaum ein Zusammenhang existierte“ (S. 154). 1971 trat er aufgrund interner Streitereien vom Ehrenpräsidium der NA zurück und gründete kurz darauf die „Schweizerische Republikanische Bewegung“. Bei den Nationalratswahlen im gleichen Jahr gewann diese Bewegung auf Anhieb sieben Mandate. Danach begann jedoch der politische Abstieg Schwarzenbachs. Weitere von den Republikanern initiierte oder zumindest unterstützte Überfremdungsinitiativen konnten nicht mehr an den Erfolg von 1970 anknüpfen. Bei den nächsten Nationalratswahlen 1975 bestätigte sich der Abwärtstrend, der auch mit den Abspaltungen innerhalb der Bewegung zusammenhing. 1978 trat Schwarzenbach resigniert als Parteipräsident zurück und gab sein Nationalratsmandat ab. Im darauffolgenden Jahr schafften die Republikaner den Sprung in die nationale Legislative nicht mehr, was auf die enge, für rechtspopulistische Bewegungen typische Verknüpfung von Leaderfigur, Bewegung und Mobilisierung hinweist, oder wie es Drews formuliert: „Schwarzenbach war die Republikaner, und die Republikaner waren Schwarzenbach“. (S. 130)

Die Autorin beschränkt sich jedoch nicht nur auf die politische Tätigkeit Schwarzenbachs. Ausführlich und detailreich beleuchtet sie auch seinen biografischen Hintergrund, die ideologischen Grundlagen seiner Überzeugungen und sein weitläufiges persönliches Netzwerk, anhand dessen er über Partei- und Landesgrenzen hinweg nach intellektuellem und organisatorischem Austausch strebte. Als Sohn eines Großindustriellen wandte sich Schwarzenbach 1933 im Alter von 22 Jahren von der kapitalistischen Umgebung des Zürcher Protestantismus, in der er aufgewachsen war, ab und konvertierte zum Katholizismus. In die gleiche Zeit fallen auch seine Aktivitäten im Rahmen der Frontenbewegung; so wurde er beispielsweise 1934 als einer der Rädelsführer bei den antisemitischen Ausschreitungen gegen das Zürcher Kabarett „Pfeffermühle“ verhaftet. Drews gelingt es nachzuweisen, dass Schwarzenbach sich in den 1930er-Jahren als Teil der Frontenbewegung verstand, obwohl er selber dies später stets bestritt. Mehr noch als der Frontismus war es indessen die Geisteswelt des katholisch-konservativen Milieus in der Zwischenkriegszeit, die seine politischen und gesellschaftlichen Überzeugungen entscheidend prägte, wie Drews im spannenden dritten Kapitel überzeugend nachzeichnet. In den Diktaturen in Portugal oder Spanien, die er „ausschließlich als katholisches Bollwerk gegen den Kommunismus und den Liberalismus wahrnahm“ (S. 50), sah er seine politischen Ideale verwirklicht. Im Laufe seines Lebens scheint sich Schwarzenbach dann zunehmend zum integralistischen Katholizismus hingewandt zu haben. Doch ist sein Netzwerk nicht nur bei katholisch-konservativen Intellektuellen zu suchen. Nachweislich unterhielt er auch Kontakte zur extremen Rechten, so beispielsweise zum Neofaschisten Gaston-Armand Amaudruz, sowie zu Protagonisten unter den Vorläufern der Neuen Rechten. Ebenfalls ein wichtiges Netzwerk bildeten für Schwarzenbach schließlich antikommunistische Kreise, mit denen ihn seine ausgeprägten antikommunistischen Verschwörungsthesen verbanden.

In seinen Aktivitäten wies Schwarzenbach die typischen Merkmale eines Rechtspopulisten auf, die von Widersprüchen nicht frei waren. Geschickt instrumentalisierte er die Medien für seine Zwecke, indem er durch Tabubrüche auf sich aufmerksam machte, wobei er insbesondere das in dieser Zeit stark aufkommende Fernsehen zu nutzen wusste. Obwohl er zeitlebens den Habitus eines Großbürgers pflegte und viel Wert auf eine sorgfältige Sprache und seine äußerliche Erscheinung legte, sah er sich als einzig wahren Volksvertreter und berief sich in seinen politischen Forderungen immer wieder auf den angeblichen „Volkswillen“. Mit Vorliebe stilisierte er sich dabei zum Einzelkämpfer, was im Gegensatz zu seinen unermüdlichen Versuchen, sich national und international zu vernetzen, stand. Sodann waren seine öffentlichen Äußerungen stark von einem binären Denken geprägt; zudem untermauerte er sie mit Verschwörungsthesen, wobei er mit den klassischen Feindbildern von Freimaurern, Kommunisten oder Juden operierte.

Insgesamt treten in Drews’ Untersuchung die Konturen von Schwarzenbachs Person und seinen geistigen Referenzen und Wahlverwandtschaften scharf hervor. Etwas weniger überzeugend ist das Kapitel zur Analyse der Ideologie Schwarzenbachs und deren Einordnung in die wissenschaftliche Diskussion. Es wird zunächst der Begriff „Überfremdung“, der sich durch das ganze Buch zieht, erklärt und in einen historischen Kontext gestellt. Die weiteren Ausführungen zu Nationalismus, Rassismus, Xenophobie oder Antisemitismus werden mit Theorieansätzen eingeleitet, die indessen oftmals stark verkürzt wirken. So fragt sich die Rezensentin beispielsweise, was Nationalisierungstheorien von Ernest Gellner über das 19. Jahrhundert zum Verständnis von Schwarzenbachs exklusionistischer Ideologie gegenüber Ausländern/innen beitragen können.

Isabel Drews’ Studie ist in zweierlei Hinsicht verdienstvoll. Zum einen ist ihr ein sprachlich präzises, auch für ein breiteres Publikum zugängliches Buch über eine Person gelungen, welche die Politik der 1970er-Jahre wie kaum eine andere geprägt hat und dennoch bislang nur selten Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden ist. Als Ausnahme ist hier das Buch von Thomas Buomberger zu nennen, das sich indessen in den Passagen über Schwarzenbach teilweise eng an die Studie von Drews anlehnt, die ihm als Lizentiatsarbeit zugänglich gewesen war.[4] Zum anderen verdeutlichen die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Rechtspopulismus und die konsequente Verwendung dieses Begriffs durch die Autorin die auffallende und erst kürzlich aufgearbeitete Tradition und Bedeutung der radikalen Rechten und insbesondere rechtspopulistischer Bewegungen in der Schweiz seit den späten 1960er-Jahren.[5]

Anmerkungen:
[1] Siehe beispielsweise: Kury, Patrick, Über Fremde reden. Überfremdungsdiskurs und Ausgrenzung in der Schweiz 1900-1945, Zürich 2003.
[2] Zu dieser komparativen Perspektive siehe grundlegend: Skenderovic, Damir, The Radical Right in Switzerland. Postwar Continuity and Recent Transformations. A Study of Politics, Ideology, and Organizations, Diss. Universität Fribourg, 2005.
[3] Siehe hierzu u.a.: Betz, Hans-Georg, Radical Right-Wing Populism in Western Europe, New York 1994; Decker, Frank, Der neue Rechtspopulismus, Opladen 2004.
[4] Buomberger, Thomas, Kampf gegen unerwünschte Fremde. Von James Schwarzenbach bis Christoph Blocher, Zürich 2004.
[5] Siehe Skenderovic (wie Anm. 2).

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Veröffentlicht am
14.04.2006
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