S. Barton: Internment in Switzerland during the First World War

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Titel
Internment in Switzerland during the First World War.


Autor(en)
Barton, Susan
Erschienen
London 2019: Bloomsbury
Anzahl Seiten
225 S.
Preis
£ 85.00
Anja Huber, Historisches Institut, Universität Bern

2014 jährte sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. In diesem Kontext ist in der Schweiz viel Forschung zur wirtschaftlichen, diplomatischen und sozialen Rolle des neutralen Kleinstaates während den Kriegsjahren betrieben worden.[1] Dabei wurden insbesondere die engen Verflechtungen der Schweiz mit den kriegführenden Nachbarländern hinsichtlich Nahrungsmittel- und Energieversorgung, grenzüberschreitender Migration und humanitärer Aktionen offensichtlich. Zu Letzteren gehört auch die Internierung von verletzten Kriegsgefangenen aus den kriegführenden europäischen Staaten in Schweizer Sanatorien, Hotels und Pensionen zwischen 1916 und 1919.[2] Die humanitären und wirtschaftlichen Folgen der sogenannten „neutralen" oder "humanitären Internierung“ wurden in verschiedenen Veröffentlichungen zur Schweiz im Ersten Weltkrieg thematisiert. Eine Monographie zum Thema fehlte bisher jedoch – Susan Barton schliesst diese Lücke.

Das Ziel ihres Buches ist es, durch den Einbezug von verschiedenen Methoden und Ansätzen eine breite Perspektive auf die diplomatischen Aspekte der Internierung, deren Bedeutung für die Schweiz, das Alltagsleben der Internierten und die Auswirkungen der Internierung für die Frauen und Familien der betroffenen Soldaten zu eröffnen. Dazu sollen die Erfahrungen von Internierten aller Nationen (Grossbritannien, Deutschland, Frankreich und Belgien) miteinbezogen werden. Für die theoretische Grundlage ihrer Untersuchung stützt sich die Autorin auf die angelsächsischen Standardwerke zur Forschung über den männlichen Körper im Ersten Weltkrieg von Joanna Bourke sowie zur Internierung von britischen Kriegsgefangenen und dem Alltagsleben in den Internierungscamps von Panikos Panayi und David J. Ketchum. Barton betont vor allem die Wichtigkeit von Routine bezüglich Arbeit, Bildung und Freizeit in den Interniertenlagern sowie die Veränderung der Wahrnehmung der (eigenen) Männlichkeit durch den Krieg und insbesondere die Kriegsverletzungen. Zur Kontextualisierung der Internierung in der Schweiz greift die Autorin auf Studien von Irène Hermann und Cédric Cotter zum IKRK sowie Thomas Bürgissers Arbeit zu den sozialen und diplomatischen Aspekten der Internierung zurück. Hinsichtlich der Rolle der Britinnen und Briten für die Entwicklung des Schweizer Tourismus und die Auswirkungen der Internierung auf diesen schöpft Barton aus eigenen Forschungen zur Tourismusgeschichte der Schweiz und Grossbritanniens. Als Quellengrundlage dienen der Autorin Zeitungen und Magazine, die durch die Internierten der verschiedenen Nationen selbst produziert wurden, Lokalzeitungen, zeitgenössische Publikationen zur Internierung sowie Briefe und Notizen von hauptsächlich britischen Internierten aus dem Imperial War Museum in London. Den diplomatischen Aspekt deckt Barton mit Quellen des britischen Auswärtigen Amtes (Foreign Office) aus den National Archives in London ab.

Im auf die Einleitung folgenden Kapitel zu den Verhandlungen zwischen den kriegführenden Nationen und der Schweiz erfahren die Leser/innen interessante Details aus den britischen Verhandlungen. Barton führt beispielsweise aus, dass die Internierung in der Schweiz von den britischen Militärbehörden anfänglich abgelehnt wurde. Grund dafür war, dass sie die Unterbringung in Hotels und Sanatorien nicht als eigentliche „Internierung“ betrachteten und befürchteten, dass die deutschen Kriegsgefangenen aus britischen Lagern in der Schweiz über zu viel Bewegungsfreiheit verfügen würden. Die wirtschaftlichen und politischen Vorteile der Internierung für die Schweizer Regierung und die Tourismusbranche werden von der Autorin in diesem Kapitel hingegen nur am Rande thematisiert, und sie verzichtet auf Überlegungen, die über den aktuellen Forschungsstand hinausgehen.

In den Kapiteln drei und vier werden die Ankunft der verletzten Soldaten und die Konditionen der Internierung beschrieben. Barton ergänzt hier bereits bekannte Fakten zur Internierung mit zahlreichen Zitaten aus Briefen von britischen Soldaten, Zeitungen und zeitgenössischen Publikationen. Dabei zeigt sie das grosse Interesse der britischen Bevölkerung an dieser humanitären Aktion auf und dass die Internierung von den Behörden und Soldaten sowie der Presse Grossbritanniens als Erfolg beurteilt wurde. Die Autorin legt ausserdem die enge Verbindung von verschiedenen Schweizer Tourismusregionen mit (vermögenden) britischen Touristen dar. In diesem Zusammenhang berichtet Barton von Anschuldigungen gegenüber Schweizer Ärzten, die britische Soldaten in deutschen Kriegsgefangenenlagern aufgrund ihrer Finanzkraft und nicht aus medizinischen Gründen für die Internierung in der Schweiz ausgewählt haben sollen. Leider geht die Autorin hier aber nicht näher auf das Spannungsfeld zwischen Humanität und Wirtschaftlichkeit ein, das die Interessen der Schweizer Regierung und Hoteliers bezüglich der Internierung prägte.

Die folgenden drei Kapitel zum Alltagsleben der Soldaten sind das eigentliche Herzstück von Bartons Studie. Auf gut 90 Seiten wird anhand der britischen, deutschen und französischen Interniertenzeitungen und -magazine aufgezeigt, wie sich die jeweiligen nationalen Gruppen bezüglich Arbeit, Ausbildung, sportlicher Betätigung, Freizeit sowie seelischem und intellektuellem Wohlbefinden organisierten. Dabei betont die Autorin die Bedeutung der Arbeit und Ausbildung für die „moralische Regeneration“ der verletzten Kriegsgefangenen. Im Kapitel zur sportlichen Betätigung der Internierten beschreibt Barton detailliert die verschiedenen Sportarten, die von den Internierten ausgeübt wurden. Dabei macht sie auf die Wichtigkeit der sozialen Komponente von Mannschaftsportarten, Turnieren und Wettkämpfen aufmerksam. Der Sport habe den Internierten ein Stück „Normalität“ zurückgebracht und ihnen geholfen, sich in ihrer Rolle als Männer wiederzufinden: „Sport established itself as an area where soldiers could build and express manliness“ (S. 132f.). Im Hinblick auf andere Freizeitbeschäftigungen weist Barton darauf hin, dass sich die Internierten in der Schweiz im Gegensatz zu denjenigen in Kriegsgefangenenlagern nicht in einem rein männlichen Umfeld befanden, sondern durchaus die Möglichkeit hatten mit Frauen, etwa freiwilligen Helferinnen, Angehörigen und Anwohnerinnen, in Kontakt zu treten.

Das letzte Kapitel verhandelt das Familienleben der Internierten bzw. die Besuche von Familienangehörigen in der Schweiz. Einige Familienmitglieder von internierten Soldaten, die über genügend finanzielle Mittel verfügten, blieben während der gesamten Zeit der Internierung in der Schweiz. Allerdings wurden in den kriegführenden Ländern auch Mittel für weniger vermögende Mütter und Ehefrauen von internierten Soldaten gesammelt, um ihnen den Besuch in der Schweiz zu ermöglichen. Von diesen ungewohnten und teils beschwerlichen Reisen unter der Leitung des Roten Kreuzes berichten einige zitierte Reisebeschreibungen. Laut Barton führten diese Angehörigenbesuche dazu, dass eine neue Gruppe von Besucherinnen in die Schweiz kam, die nicht den vor dem Krieg üblichen Touristen entsprach: „Once in Switzerland, for the women travelling with the Red Cross, the time was spent almost as if it were a holiday, only these visitors were not the usual class of tourist“ (S. 187).

Barton verwertet in ihrer Studie bisher kaum berücksichtigte Quellen, mit denen das Alltagsleben der Internierten und die britische Diplomatie in Bezug auf die Internierung in der Schweiz untersucht wird. Dazu gehören auch eindrückliche Fotografien von Freizeit- und Sportveranstaltungen, die vielfach aus privaten Sammlungen stammen. Damit gelingt es der Autorin, eine neue Perspektive auf die neutrale Internierung in der Schweiz zu eröffnen. Ausserdem entwickelt Barton spannende Thesen zur Auswirkung der humanitären Aktion auf den Tourismus in der Schweiz und die Herausbildung einer neuen Gruppe von Reisenden. Aufgrund der Quellenauswahl fokussiert die Studie aber vor allem die britische Perspektive und löst den Anspruch, die Erfahrungen von Internierten aller Nationen miteinzubeziehen, nur teilweise ein. Ganz allgemein hätte der Untersuchung eine etwas schlankere und klarere Fragestellung gutgetan.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Internierung vor dem Hintergrund der aktuellen Schweizer Forschung zum Thema, die Barton nur teilweise berücksichtigt, zu sehr als Erfolgsgeschichte beschrieben wird. So wird die im Laufe der Kriegsjahre wachsende Kritik an der Internierung seitens der Schweizer Bevölkerung und Regierung bezüglich Nahrungsmittel- und Energieversorgung sowie militärischer Sicherheit kaum aufgegriffen. Nichtsdestotrotz liefert Bartons Studie einen wichtigen Beitrag zur Alltagsgeschichte des Ersten Weltkriegs und der Forschung zur Internierung in einem neutralen Land.

Anmerkungen:
[1] Siehe beispielsweise die im Chronos-Verlag erschienene sechsbändige Reihe zur Geschichte der Schweiz im Ersten Weltkrieg: https://www.chronos-verlag.ch/reihen/2302 (06.05.2020).
[2] Der Begriff der Internierung bezeichnete im Ersten Weltkrieg sowohl die Unterbringung ausländischer Militär- oder Zivilpersonen in von der Armee verwalteten Lagern in kriegführenden Staaten als auch die Unterbringung kranker oder invalider militärischer Kriegsgefangener in neutralen Staaten.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.05.2020
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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