P. Huber: Fluchtpunkt Fremdenlegion

Cover
Titel
Fluchtpunkt Fremdenlegion. Schweizer im Indochina- und im Algerienkrieg, 1945–1962


Autor(en)
Huber, Peter
Erschienen
Zürich 2017: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
Preis
Christian Koller, Direktion, Schweizerisches Sozialarchiv

Die französische Fremdenlegion ist die wohl prominenteste Söldnertruppe der modernen Geschichte. Ganze Büchermassive von Erinnerungsschriften, warnender Propaganda und Abenteuerromanen haben sich mit ihr befasst, ebenso über hundert Kinofilme und verschiedene populäre Schlager. Die dabei transportierten Bilder schwanken zwischen Exotismus und Verteufelung, die Legionäre erscheinen bald als Abschaum Europas, bald als romantische Helden. Im Gegensatz zur abundanten Populärliteratur ist die historisch-kritische Erforschung der Fremdenlegion, bedingt auch durch den restriktiven Archivzugang, noch eher in den Anfängen. Erst wenige Werke mit wissenschaftlichem Charakter haben die französische Söldnertruppe als Instrument des Imperialkrieges, transkulturellen Erfahrungsraum oder Objekt einer transnationalen Medialisierung analysiert.

Das anzuzeigende Buch befasst sich mit den Schweizer Legionären in den Dekolonisationskriegen in Indochina und Algerien. Die von der «Grande Nation» zwischen 1946 und 1954 im vergeblichen Bemühen, Indochina unter ihre Kolonialherrschaft zurückzuzwingen, eingesetzten Truppen stammten in ihrer Mehrheit nicht aus dem metropolitanen Frankreich: Von den total 488 500 eingesetzten Soldaten waren 15 Prozent Fremdenlegionäre (davon über die Hälfte Deutsche) und 38 Prozent afrikanische Kolonialsoldaten; hinzu kamen ab 1950 immer mehr Indochinesen. Im nach dem Desaster von Điện Biên Phủ nahtlos anschliessenden Krieg in Algerien, das Frankreich nicht als Kolonie, sondern als integralen Bestandteil des Mutterlandes betrachtete und das seit der Gründung der Fremdenlegion im Jahre 1831 auch deren ‹Heimat› darstellte, kamen prozentual weit weniger Legionseinheiten zum Einsatz als in Indochina. Sie spielten aber eine berüchtigte Rolle, etwa bei den Folterungen von Einheimischen oder beim Generalsputsch von 1961, der die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung De Gaulle und dem algerischen Front de Libération Nationale torpedieren wollte. Im Anschluss an die algerische Unabhängigkeit war die Weiterexistenz der Fremdenlegion für mehrere Jahre in der Schwebe, bis sie schliesslich in zahlenmässig reduzierter Form in eine Eliteeinheit neuen Typs transformiert wurde.

Die Quellenlage zur Erforschung der Schweizer Legionäre zwischen 1945 und 1962 gestaltet sich trotz des fehlenden Zugangs zum Legionsarchiv für unabhängige Forscherinnen und Forscher ausgesprochen günstig: Da die Schweizer Militärjustiz seit 1928 den unerlaubten fremden Militärdienst systematisch verfolgte, existieren für die untersuchte Periode von allen Schweizern, deren Legionseintritt bekannt wurde, militärgerichtliche Dossiers mit umfangreichen biographischen Angaben und teilweise Briefkopien und Verhörprotokollen. Insgesamt sind im Bundesarchiv für die untersuchte Periode Dossiers zu nicht weniger als 2120 Schweizer Legionären verfügbar, wobei ihre Zahl Mitte der 1950er Jahre ihren Höhepunkt erreichte. Zur Erstellung einer Kollektivbiografie dieser Gruppe hat Peter Huber jedes fünfte der alphabetisch geordneten Dossiers ausgewertet. Die quantitative Auswertung wird dabei immer wieder durch das Aufzeigen individueller Schicksale ergänzt, sei es im Haupttext, sei es durch eingestreute Quellenauszüge oder durch die 38 Fallbeispiele am Ende des Haupttextes.

Die quantitative Auswertung zeigt, dass der typische Schweizer Legionsfreiwillige jung (um die 20 Jahre), ledig und (zumeist wegen Bagatelldelikten) vorbestraft war. Etwa 70 Prozent von ihnen stammten aus Arbeiter- oder Handwerkerfamilien; je etwa ein Drittel hatte keine Berufslehre begonnen oder dieselbe vorzeitig abgebrochen. Weit überdurchschnittlich vertreten waren Scheidungsund Waisenkinder, Männer mit Anstaltserfahrung und ehemalige Verdingbuben. Allein aus der Erziehungsanstalt Tessenberg (BE) entwichen in der untersuchten Periode 40 Zöglinge in die Fremdenlegion. Das Gros der Schweizer Fremdenlegionäre entstammte damit einer Unterschichtsgruppe, an der der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit relativ spurlos vorbeigegangen zu sein scheint. Der Verfasser identifiziert eine ganze Liste von (teilweise überlappenden) Motiven für den Legionseintritt: dem Anstaltsleben entfliehen, Flucht vor laufendem Strafverfahren, Suche nach Kameradschaft, Suche nach Abenteuer und Exotik, Marginalisierung auf dem Arbeitsmarkt, Streit und Gewalt im Elternhaus, Flucht vor Schulden, Freude am Militär. Der Deal, den die Fremdenlegion diesen Männern anbot, war bedingungsloser Gehorsam und Treue zum Männerbund Legion und ihren teilweise verbrecherischen Aktivitäten im Austausch zu einem Lernkontrakt und einem Erlebnis, das die individuelle Lebenskrise überwinden und meistern helfen sollte.

Nach einer sehr detaillierten Analyse von Herkunft und Eintrittsmotiven der Schweizer Legionsfreiwilligen richtet Huber in weiteren Kapiteln das Augenmerk auf den Legionsalltag und die Kriegserfahrung. Hier interessieren etwa der Blick auf die Einheimischen in den französischen Kolonien und der retrospektive Umgang mit Zeugenschaft, Mitwisserschaft oder gar Täterschaft bei Folter und anderen Kriegsverbrechen der französischen Kolonialmacht. Ein weiteres Thema sind Kontakte zu Frauen, die vom Besuch in den offiziellen Legionsbordellen über temporäre Ehegemeinschaften mit einheimischen Frauen in Indochina bis zur Vermählung mit Französinnen oder der Anbahnung einer Heirat nach der Rückkehr durch Annoncen reichten. Der den meisten Legionären gemeinsame Traum von Aufstieg und Anerkennung durch den Dienst in der Söldnertruppe er füllte sich für einige, die die Unteroffizierslaufbahn einschlugen, während manch andere ihren Dienst durch Desertion vorzeitig abbrachen oder durch Verletzung, Erkrankung oder gar Tod ausschieden. In einem separaten Kapitel analysiert Huber das Leben nach der Legion. Während die meisten Ex-Legionäre in die Schweiz zurückkehrten und dort mehrheitlich beruflich Fuss fassen konnten, liessen sich einige in Frankreich oder, zumindest vorübergehend, in Algerien oder Indochina nieder. Zahlreiche Ex-Legionäre betrachteten im Rückblick ihre Dienstzeit als harte, aber nützliche Lebensschule und sprachen, trotz teilweise harscher Kritik an der Legion und ihren Methoden der Kolonialkriegsführung, mit Stolz über ihren Dienst.

Insgesamt verknüpft das Thema der Schweizer Fremdenlegionäre der Nachkriegszeit damit zwei in der aktuellen Forschung intensiv diskutierte Felder: das System von Fremdplatzierungen und administrativen «Versorgungen» von Angehörigen der untersten Gesellschaftsschichten (der Verfasser spricht in diesem Kontext überzogen von einem «helvetischen Archipel Gulag») sowie die unter dem Label «(post)koloniale Schweiz» diskutierten Verstrickungen des Landes in den europäischen Kolonialimperialismus. Zu diesen beiden Feldern einen empirisch gut abgestützten und methodisch überzeugenden Beitrag geleistet zu haben, ist das Verdienst von Fluchtpunkt Fremdenlegion.

Zitierweise:
Christian Koller: Rezension zu: Peter Huber, Fluchtpunkt Fremdenlegion. Schweizer im Indochina- und im Algerienkrieg, 1945–1962, Zürich: Chronos Verlag, 2017. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 67 Nr. 3, 2017, S. 503-504.

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Zuerst veröffentlicht in

Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 67 Nr. 3, 2017, S. 503-504.

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