D. Krämer u.a. (Hrsg.): Woche für Woche neue Preisaufschläge

Cover
Titel
Woche für Woche neue Preisaufschläge. Nahrungsmittel-, Energie- und Ressourcenkonflikte in der Schweiz des Ersten Weltkrieges


Herausgeber
Krämer, Daniel; Christian, Pfister; Daniel Marc, Segesser
Reihe
Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte WSU 6
Erschienen
Basel 2016: Schwabe Verlag
Anzahl Seiten
403 S.
Preis
Béatrice Ziegler, Pädagogische Hochschule der FHNW

Bereits im Historisch-Biographischen Lexikon der Schweiz von 1934 (französisch 1926) wird den volkswirtschaftlichen Herausforderungen des Ersten Weltkrieges an die Schweiz, den vermuteten Zusammenhängen zwischen Mangelernährung und dem Ausmass der Grippeepidemie sowie der Heftigkeit der sozialen Auseinandersetzungen Raum gegeben. Spätere Publikationen griffen zwar einzelne dieser Phänomene auf. Das breit rezipierte Narrativ zur Schweiz im Ersten Weltkrieg aber hat die komplexen Zusammenhänge reduziert auf soziale Unrast aufgrund der massiven Teuerung, die in den Landesstreik gemündet habe, ein diesbezügliches Versagen der Behörden sowie die Grippetoten, die es ohne Landesstreik nicht gegeben hätte. Die aktuelle Erforschung der Schweiz im Ersten Weltkrieg bindet neue Erkenntnisse über den politischen Umgang[1] und die politische Nutzung der Wirtschafts- und sozialen Fragen teilweise zu neuen Deutungen zusammen. [2]

Der vorliegende Band von Krämer, Pfister und Segesser nähert sich diesen Themen aus anderer Perspektive. In ihm sind Beiträge zusammengeführt, die fast ausschliesslich aus Qualifikationsarbeiten an der Universität Bern entstanden sind. Er ist in vier Themen gegliedert. Nach einer ersten Sektion zu den klimatischen und ernährungstechnischen Bedingungen des Ersten Weltkrieges welt-weit und in der Schweiz werden drei «Krisen» fokussiert: die Energie-, die Versorgungs- und die Gesundheitskrise. Den Abschluss bildet eine Synthese, in welcher sich Daniel Krämer am Konzept der «Verletzlichkeit» orientiert und auf dessen Folie er die Einordnung der Forschungsergebnisse vornimmt.

In der Einleitung behandeln die drei Herausgeber die bisherige Forschung. Sie konstatieren eine frühe Beschäftigung mit wirtschaftlichen Fragen in den Zwanzigerjahren, aber auch das folgende Desinteresse der Forschung am Ersten Weltkrieg bis in die späten Sechzigerjahre, als unter anderem der sogenannte «Landesstreik» in den Blick genommen wurde. Danach wurde das Verständnis und die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für die Schweiz erst im Rückblick aus hundert Jahren Distanz wieder angesprochen. Der Band reklamiert zu Recht, wenig aufgearbeitete Felder detailliert zu thematisieren, indem er den Blick auf Umwelt- und wirtschaftliche beziehungsweise soziale Themen lenkt, die sowohl der politischen als auch einer Alltagsgeschichte des Ersten Weltkrieges in der Schweiz Impulse zu verleihen vermögen.

Als Erstes trägt Daniel Marc Segesser Erkenntnisse aus der weltweiten Forschung zu den Krisen in der Ressourcenmobilisierung zusammen. Daran wird einerseits die Unterschiedlichkeit der Problemlagen deutlich. Andererseits ist zu erkennen, dass nicht nur für die Schweiz, sondern auch für andere Länder und Regionen noch grosse Forschungsdesiderate bestehen. Christian Pfister weist in seinem Beitrag auf das Zusammenspiel von politischen Fehleinschätzungen der Ernährungskrise und der klimatischen Einflüsse hin. Mit den Auswirkungen der «kleinen Eiszeit» von 1916/17 und der Importengpässe stellt er detailliert die Bedingungen des landwirtschaftlichen Angebots und seiner Preise dar und betont, dass weder die damalige Bevölkerung noch einige der später kommentierenden Historiker fähig gewesen seien, die Situation eines absoluten Mangels an Lebensmitteln vernünftig einzuschätzen. Peter Moser widmet sich der Ernährungsfrage im Landesstreik 1918 und folgert aus seiner Darstellung, dass der Krieg als eine Zeit der Akzeleration von agrarischen Entwicklungen, die schon vor 1914 eingeleitet wurden, und als Inkubationszeit für eine neue agrarpolitische Ordnung interpretiert werden kann, in der man begann, den Agrarsektor «im Sinne eines Service Public» zu regulieren.

In der Sektion zur Energiekrise befasst sich Christian Pfister mit der problematischen Kohleversorgung. Vorerst war man praktisch ausschliesslich vom Nachschub aus Deutschland abhängig und dementsprechend erpressbar, was die Regierung zu weitreichenden Konzessionen zwang. Dann gehörten die Winter 1916/17 und 1917/18 zu den kältesten seit 1864, was das Problem der ungenügenden Beheizung der Räume verschärfte. Die Untersuchung der Konsequenzen für den Alltag der Bevölkerung sieht Pfister als Desiderat der Forschung, während er gesamtwirtschaftlich den Kohle- und Gasmangel als Innovationsbeschleuniger einschätzt, indem dieser der Elektrizitätswirtschaft sowohl für Heizung und Beleuchtung als auch für die Elektrifizierung der Eisenbahnen Schub verlieh. Sandro Fehr verfolgt die Konsequenzen aus der zunehmenden Verknappung einer kriegswichtigen Ressource im internationalen Handel, des Stickstoffs, der einerseits als Düngemittel und andererseits für die Munitionsherstellung begehrt war. Er zeigt, wie die Schweiz von einem Importeur von Chilesalpeter dank billiger Wasserkraft zu einem Exporteur von Kalkstickstoff wurde, was nicht zuletzt der deutschen Kriegswirtschaft diente. Der Elektrifizierung der Eisenbahn geht dann Anna Amacher Hoppler nach, indem sie vorerst festhält, dass diese vor dem Ersten Weltkrieg keine technische Herausforderung mehr darstellte. Dann stellt sie am Beispiel der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS) dar, wie wichtige Bahngesellschaften die Elektrifizierung vor den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) in Angriff nahmen, die nur unter grossem Druck erst nach dem Ersten Weltkrieg die Elektrifizierung einleiteten. Die Autorin schliesst, dass die «katalytische Funktion des Ersten Weltkrieges» dazu führte, dass «bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges knapp vier Fünftel des Schweizer Schienennetzes elektrifiziert waren» (S. 169).

In der folgenden Sektion zur Versorgungskrise diskutiert zuerst Maurice Cottier den Ersten Weltkrieg als Wende von einem liberalen Staatsverständnis hin zum Staatsinterventionismus und argumentiert, dass die zögerliche Umsetzung von Massnahmen in der Sozialpolitik mit der zutiefst liberalen Staatsauffassung zusammengehangen habe. Diese Grundaussage wird in den folgenden Beiträgen illustriert. So thematisiert Christian Wipf die Massnahmen zur Steigerung der Kartoffel- und Getreideproduktion, die er als spät realisiert, zu wenig effektiv und auch ohne genügendes Know-how umgesetzt einschätzt. Dem stehen die Massnahmen des Zürcher Stadtrats entgegen, die von Ismael Albertin dargestellt werden. Sein Beitrag macht deutlich, dass grosse Kommunen weit früher und entschlossener für die Versorgung ihrer Bevölkerung sorgten, auch wenn sich zum Teil die zögerliche Haltung des Bundes auf dieser Ebene hemmend auswirkte. Demgegenüber wird im Beitrag von Daniel Burkhard die Milchpreisteuerung als Gegenstand der politischen Polarisierung abgehandelt, wobei es den Sozialdemokraten gelungen sei, die Preissteigerung bei der Milch als mobilisierendes Skandalon einzusetzen. Erstaunlich sei aber, dass dann die Milchpreisdebatte während des Landesstreiks keine Rolle mehr gespielt habe – dies entgegen den tradierten Darstellungen in der Historiographie. Burkhard kritisiert an dieser auch, dass die vermittelnden und pragmatischen Stimmen in der späteren Geschichtsschreibung vernachlässigt worden seien.

Die Sektion zur Gesundheitskrise schliesslich setzt ein mit einem Beitrag von Christian Sonderegger und Andreas Tscherrig zur Untersuchung der Grippepandemie 1918/19. Er stellt zunächst Verlauf und Ausprägung der Krankheit auch im internationalen Vergleich dar. Dabei zeigt sich, dass die Mortalitätsrate in der Schweiz vergleichsweise hoch war und die Übersterblichkeit von Männern atypisch. Die Autoren diskutieren die Mangelversorgung der Bevölkerung als mögliche verschärfende Ursache für den Verlauf und betonen die mangelhafte Vorbereitung der Armee und die problematische Versorgung der grippekranken Soldaten. Sie kritisieren die einseitig auf die militärischen Grippeerkrankungen konzentrierte Berichterstattung und mahnen eine Untersuchung der Auswirkungen der Grippe auf die zivile Bevölkerung an. In einem weiteren Beitrag trägt Kaspar Staub Körperdaten zusammen, die Auskunft über die gesundheitliche Entwicklung der Schweizer Bevölkerung im Krieg geben können. Es handelt sich insbesondere um das Gewicht Neugeborener im Frauenspital Basel, Wachstum, Körpergewicht und Gesundheitszustand von Berner Schulkindern und Körperhöhe und -form von 19-jährigen Stellungspflichtigen. Die zu diesen Gruppen regelmässig erhobenen Daten erlauben zu zeigen, dass der Erste Weltkrieg und die mit ihm verbundenen Entbehrungen auch in der Schweizer Bevölkerung deutliche Spuren hinterlassen haben. Die Erhebung von Daten insbesondere von Kindern diente in der Zeit auch dazu, sozialpolitische Massnahmen wie Ferienverschickungen und die Speisung von Schulkindern zu begründen.

Die abschliessende Synthese von Daniel Krämer orientiert sich vorerst am Konzept der «Verletzlichkeit», das in seinen unterschiedlichen Ausdifferenzierungen knapp vorgestellt wird. Danach konzentriert er sich darauf, die langfristigen Ursachen der Schwachstellen von Landwirtschaft, Energiewirtschaft und Politik, aber auch auslösende Momente herauszuarbeiten. Dann stellt der Autor die Entwicklung der prekären Verhältnisse diachron dar und diskutiert auf diesem Hintergrund systematisierend die Massnahmen auf den Ebenen des Bundes, der Kantone und der Kommunen, bevor er kurz- und langfristige Auswirkungen skizziert. Insgesamt zeigt sich einerseits, dass die krisenhaften Entwicklungen während des Krieges in vielen Bereichen Folgen früherer Weichenstellungen und langdauernder Überzeugungen waren, so dass von Kontinuitäten gesprochen werden kann. Andererseits aber wird sichtbar, dass in vielerlei Hinsicht (etwa Elektrifizierung, Steuerung der Agrarproduktion, sozialpolitische Massnahmen) während des Ersten Weltkrieges neue Massnahmen und Entwicklungen initiiert oder solche zumindest beschleunigt wurden.

Daniel Krämer unterlässt es nicht zu betonen, dass die meisten Arbeiten des Sammelbandes sich weder auf ein etabliertes methodisches Gerüst noch auf gesicherte Kontextualisierungen abstützen konnten. Sie widmen sich Teilaspekten, die auf punktuell vorhandene Quellenkorpora abgestützt waren. So kann, obwohl jeder Beitrag mit einem auf die allgemeine Fragestellung orientierten Fazit endet, kein abgerundetes Bild entstehen – was ja auch nicht intendiert war. Aber es entsteht eine Schau mehr oder weniger lose verknüpfter Bearbeitungen von Themen, die alle eine Fülle von interessanten Sachverhalten und Fragen beinhalten. In diesem Sinn ist der Band ein wertvoller Ausgangspunkt für notwendige weitere Forschungen in diesem Bereich. Aus den gleichen Gründen konnte es auch nur punktuell gelingen, die hier behandelten Themen auf die Gesamterzählung der Schweiz im Ersten Weltkrieg zurück zu beziehen. Dass diese Möglichkeiten aber genutzt wurden, erhöht den Wert dieses anregenden Sammelbandes.

[1] Florian Weber, Die amerikanische Verheissung. Schweizer Aussenpolitik im Wirtschaftskrieg 1917/18, Zürich 2016 (Die Schweiz im Ersten Weltkrieg 1).
[2] Roman Rossfeld, Tobias Straumann (Hg.), Der vergessene Wirtschaftskrieg. Schweizer Unternehmen im Ersten Weltkrieg, Zürich 2008. Jakob Tanner, Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert, München 2015 (EuropaÅNische Geschichte im 20. Jahrhundert), S. 135–145, 151–152.

Zitierweise:
Béatrice Ziegler: Rezension zu: Daniel Krämer, Christian Pfister, Daniel Marc Segesser (Hg.), «Woche für Woche neue Preisaufschläge». Nahrungsmittel-, Energie- und Ressourcenkonflikte in der Schweiz des Ersten Weltkrieges, Basel: Schwabe Verlag, 2016. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 67 Nr. 3, 2017, S. 495-498.

Redaktion
Beiträger
Zuerst veröffentlicht in

Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 67 Nr. 3, 2017, S. 495-498.

Weitere Informationen