M. Suter: Rechtstrieb

Cover
Titel
Rechtstrieb. Schulden und Vollstreckung im liberalen Kapitalismus 1800–1900


Autor(en)
Suter, Mischa
Erschienen
Anzahl Seiten
332 S.
Preis
Julia Laura Rischbieter, Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz

Kredite sind Zahlungsversprechen über zukünftige monetäre Zahlungsströme. Für eine bestimmte Zeitspanne binden sie Schuldner und Gläubiger rechtlich aneinander. Über diese etwas trockene Definition mag man schnell hinweglesen; in ihr verbirgt sich aber der Reiz, den die Analyse von Kreditbeziehungen für Historikerinnen und Historiker haben kann. Was diesen Reiz ausmacht und welchen Erkenntnisgewinn es eröffnen kann, Kreditbeziehungen zu analysieren, zeigt Mischa Suters Studie Rechtstrieb – Schulden und Vollstreckung im liberalen Kapitalismus auf beeindruckende Weise. Die Studie konzentriert sich dabei auf einen ganz konkreten Moment innerhalb von Kreditbeziehungen. Im Mittelpunkt steht der Konkurs und die sich hieran anknüpfenden sowie konzeptionell mit ihm verbundenen sozialen, rechtsstaatlichen und administrativen Reaktionen, Konzepte sowie Praktiken.

Suter gliedert seinen Stoff ungewöhnlich, aber äusserst überzeugend: Einer in das Thema umsichtig einführenden Einleitung folgt ein erstes Kapitel, welches den Leser*innen vorweg den Fluchtpunkt der Analyse präsentiert und zugleich durch die Geschichte des Rechtstriebs und der Zwangsvollstreckung in der Schweiz bis zum Jahr 1889 marschiert. Suter argumentiert, dass die in der liberalen Schweiz formulierten Konzepte, verabschiedeten Gesetze und vollzogenen Praktiken zweierlei veranschaulichen: Einerseits führte die Homogenisierung des Rechtstriebs zu einer Stabilisierung ökonomischer Transaktionen; andererseits unterschied die juristische und alltägliche Praxis zwischen verschiedenen Schulden und, darauf basierend, unterschiedlichen Verfahrensweisen. Hier stand der professionelle Kaufmann dem nicht im Handelsregister verzeichneten Bürger gegenüber. Durch diese Techniken und Verfahren sei das Artefakt der «modernen Wirtschaft» erst entstanden. Schulden und ihre Regulierung kennzeichneten sich dementsprechend durch eine Homogenisierung der (rechtlichen) Verfahrensweisen, die auf soziale Defragmentierung zugunsten liberaler Konzepte im Dienste kapitalistischer Transaktionen abzielten.

Wie es zu diesen liberalen Konzepten und daran orientierten Regierungstechniken kam, plausibilisiert Suter in den folgenden Kapiteln durch einen stetigen Rückbezug auf den Anfang des 19. Jahrhunderts und den chronologischen sowie thematischen Gang durch ganz unterschiedliche Geschichten zum Schuldeneintreiben und zu Figuren der Insolvenz seit 1800. Den empirischen Fallstudien ist jedoch erst einmal ein Theoriekapitel vorangestellt, welches vier mögliche thematische Schwerpunkte (Subjektivierung, Klassifizierung, Personen und Dinge) als analytische Dreh- und Angelpunkte der Analyse erörtert und so den Gegenstand der darauffolgenden drei Kapitel methodisch vorbereitet. Die nun folgenden zahlreichen lokalen Beispiele, Figuren und Praktiken, die kundig mittels neuester Literatur eingeordnet und auf Archivalien fussend historisch umsichtig kontextualisiert werden, können an dieser Stelle nicht aufgezählt werden. Über seinen Zugang, Schulden als «partikulare Geschichten systemischer Regelungen » zu fassen, gelingt es Suter, zentrale Aspekte der Sozial-, Wissens- und Rechtsgeschichte der Schweiz herauszuarbeiten, die oft schlichtweg übersehen werden. Zugleich weist er dem Scheitern einen plausiblen Platz in der Erfolgsgeschichte des Kapitalismus zu.

Übergreifend erscheint in Suters Beispielen der historische Wandel des Konkurses im Rahmen einer Geschichte des Kapitalismus im 19. Jahrhundert als fragil und stets reversibel. So konzeptualisiert treten sehr plastisch einzelne historische Konstellationen hervor, in denen der Konkurs zum immanenten Teil des Kapitalismus wurde. Dennoch lässt sich diskutieren, inwiefern der Akzent der Interpretation nicht verschoben werden müsste, wenn man das Scheitern nicht nur als immanenten und katalysierenden, sondern auch strukturierenden Aspekt des Kapitalismus versteht: In einer solchen Lesart liesse sich der Durchbruch und Erfolg liberaler Konzepte, kapitalistischer Ordnungen und sozialstaatlicher Disziplinierungen im 19. Jahrhundert besonders gut anhand der Fähigkeit der Gesellschaft zeigen, mit dem massenhaften Fallieren, ökonomischen Scheitern und sozialen Ausscheiden der säumigen Schuldner nicht nur umzugehen, sondern diese Ereignisse in einen leicht zu regelnden Normalfall zu verwandeln. Erst dann konnte der Kredit zum Motor (aber auch zur Achillesferse) des Kapitalismus werden. Zunächst die Industrialisierung und darauf folgend die Finanzialisierung der Wirtschaft mit all ihren sozialen Folgen werden dadurch ermöglicht. Die Gesellschaftsordnung, die dem Kapitalismus die Konturen gibt, erscheint in dieser Interpretation jedoch nicht als besonders brüchig und reversibel. Viele eher strukturieren Kreditbeziehungen und ihr Scheitern, das Fallieren und der Bankrott von Einzelnen, Unternehmen oder Staaten die ökonomische Ordnung und politischen Machtbeziehungen, als dass sie diese bedrohen. Insofern hat der Autor nicht nur eine exzellente geschichtswissenschaftliche Analyse der Schweizer Gesellschaft im 19. Jahrhundert vorgelegt, sondern regt im allerbesten Sinne zum Nachdenken über unsere eigene Gegenwart an.

Zitierweise:
Laura Rischbieter: Rezension zu: Mischa Suter, Rechtstrieb. Schulden und Vollstreckung im liberalen Kapitalismus 1800–1900, Konstanz: Konstanz University Press, 2016. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 67 Nr. 3, 2017, S. 488-490.