E. Wayland-Smith: Oneida

Cover
Titel
Oneida. From Free Love Utopia to the Well-Set Table


Autor(en)
Wayland-Smith, Ellen
Erschienen
New York 2016: Picador
Anzahl Seiten
310 S.
Preis
Florian G. Mildenberger, Sprachgebrauch und therapeutische Kommunikation Prof. Dr. Hartmut Schröder, Stiftung Europa Universität Viadrina

Lebens- und Sexualreform, die Verwirklichung des eigenen Selbst in einer Kommune auf dem Land und das langsame Scheitern propagierter Ideale bis hin zur völligen Umkehrung der Handlungsprinzipien sind Themen, die in der mitteleuropäischen Sozialgeschichte den Zeitraum nach 1900 betreffen. Selten spielt die religiöse Erweckung eine wichtige Rolle. Doch die an der University of Southern California tätige Linguistin und Historikerin Ellen Wayland-Smith zeigt auf, dass in den USA die Lebensreformbewegung erheblich früher einsetzte und von anderen gesellschaftlichen Zwängen motiviert wurde als die Akteure in Mitteleuropa.

Nach der Sicherung der eigenen Unabhängigkeit im letzten Krieg gegen Grossbritannien 1812 bis 1814 begann in den USA eine Phase der gesellschaftlichen und insbesondere religiösen Kontrolle. Gegen politische Bevormundung und polizeiliche Überwachung des Privatlebens unter der tätigen Mithilfe zahlreicher religiöser Autoritäten rebellierte ab den 1830er Jahren eine Anzahl jüngerer, gut ausgebildeter und wohl situierter Männer, die gekonnt sexuelle Emanzipationsanstrengungen mit theologischen Begründungen verbanden. Besondere Bedeutung kam hierbei dem an der University of Yale graduierten John Humphrey Noyes (1811–1886) zu. Er gründete mit Gleichgesinnten aus seinem Freundeskreis nach langjähriger Planung 1848 die Oneida Community im Hinterland von New York, die trotz des Titels in keinem Bezug zur gleichnamigen Indian Nation stand.

Von zunächst 87 Mitgliedern wuchs die Gemeinschaft bis 1852 auf 208 Akteurinnen und Akteure und erreichte 1878 mit 306 Mitwirkenden ihren Höhepunkt. Zentrale Werte waren die Vergesellschaftung des Eigentums und die Polyamorie («complex marriage»). Noyes begründete dies mit der Neuinterpretation der Bibel, wonach allein eine umfassende sexuelle Betätigung und uneigennütziges ökonomisches Engagement den Weg ins Himmelreich öffnen würden. Noyes war nicht allein in seinen Überlegungen zur Neubegründung einer Kirche auf amerikanischem Boden. Zeitgleich entfaltete der Prophet Joseph Smith (1805–1844) seine Tätigkeit und gründete die Church of Mormon.

Wie Wayland-Smith herausstellt, handelte es sich bei der «complex marriage» nicht um die Verwirklichung einer Sexkommune, wie sie um «1968» entstehen sollten. Vielmehr sollte so die Mitgliederzahl vermehrt werden. Die Erziehung des Nachwuchses oblag Frauen, die keine Kinder mehr gebären konnten (oder wollten). Als die Theorien Charles Darwins (1809–1882) in den 1860er Jahren rezipiert wurden, entwickelte Noyes das Projekt «Stirpiculture», wodurch die Zeugung von Nachwuchs vor allem als besonders «hochwertig» eingestuften Vätern vorbehalten sein sollte – die übrigen Männer sollten sich im «Coitus reservatus» üben. Über die sexuelle Erziehung des Nachwuchses durch ältere Kommunardinnen und Kommunarden entbrannte in den 1870er Jahren ein Streit, der von einer zunehmend kontrollinteressierten Obrigkeit beobachtet wurde. Längst befand sich die Oneida Community nicht mehr am Ende der Welt wie in den 1840er Jahren, sondern mitten zwischen den im Bundesstaat New York gelegenen aufblühenden Industriestädten Syracuse und Utica. Dadurch stellte sich die Frage, ob eine gesellschaftliche Utopie in Nachbarschaft zu Fabrikschornsteinen überhaupt möglich war. Auch hatte sich durch die Industrialisierung die Haltung bürgerlicher Reformer zu Privateigentum, Kommunalisierung und sexueller Freiheiten erheblich verändert. Davon blieb die Oneida Community nicht unberührt. Schliesslich kam es 1878/79 zur offenen Rebellion innerhalb der Gemeinschaft, als der alternde Gründervater seine Führungsrolle auf seinen (unfähigen) Sohn Theodore übertragen wollte. Als äusserer Anlass diente das Prinzip der «complex marriage» und die damit verbundene Frage nach der Tragweite von sexueller Entfaltung und Sexualerziehung. Um sein Projekt zu retten, empfahl Noyes senior 1879 die Abschaffung der sexualemanzipatorischen Aspekte. Damit war die Oneida aber ihres Alleinstellungsmerkmals beraubt und es kam zu weiteren Absetzbewegungen. Die verbliebenen Angehörigen schlossen konventionelle Ehen und verwandelten die zuvor gemeinschaftlich betriebenen Werkstätten in eine Aktiengesellschaft, die sich bis 1920 auf die Herstellung und Vermarktung von versilbertem Tafelbesteck konzentrierte und darin zum Marktführer avancierte. Die Erinnerung an die eigenen Wurzeln blieb zwar erhalten und wurde konserviert – aber auch zunehmend versteckt. 1947 schliesslich beschlossen die Erben des ersten eugenischen Aufzuchtprojekts in der Geschichte der USA, die Erinnerung an die eigene Herkunft für immer zu vernichten. Das Archiv der Oneida Community wurde verbrannt, ihre Geschichte mit Hilfe eines Soldschreibers umkonstruiert und die Firma als konservatives Produkt eines konventionellen Ostküstenprotestantismus neu präsentiert. Allerdings hatten nicht alle Angehörigen von Oneida ihre Unterlagen an das Kommune-Archiv abgetreten, sodass das vorliegende Buch entstehen konnte. Die Autorin ist eine Nachkommin von John Humphrey Noyes.

Kritisch ist anzumerken, dass Wayland-Smith die zeitgenössischen populären Gesundheitsdiskurse erstaunlich wenig einbezieht, etwa hinsichtlich der Schädlichkeit des Korsetts für Frauen oder der möglichen therapeutische Wirkung von Bädern. Hierüber wurde dies- und jenseits des Atlantiks in Zeitungen und Ärztekreisen gleichermassen debattiert. Auch die Beziehungen zwischen der Oneida Community und den nordamerikanischen religiösen Erweckungsbewegungen werden nicht thematisiert.

Gleichwohl handelt es sich beim vorliegenden Werk um ein wichtiges Buch zum Verständnis von Aufstieg, Glanz und Untergang eines religiös induzierten sozialen Projekts. Gewisse Parallelen zu späteren Ereignissen in der deutschsprachigen Lebensreformbewegung (z.B. die wechselvolle Identitätssuche von Theosophie/Anthroposophie) sind erkennbar, doch zeigen sich auch die grossen Unterschiede zwischen Projekten dies- und jenseits des Atlantiks. Wayland-Smith bedient sich zudem einer gefälligen und gut verständlichen Sprache. Ein umfängliches Register rundet das Werk ab.

Zitierweise:
Florian G. Mildenberger: Rezension zu: Ellen Wayland-Smith, Oneida. From Free Love Utopia to the Well-Set Table, New York: Picador, 2016. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 67 Nr. 2, 2017, S. 280-282.