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Titel
Gurina. Die römische Stadt aus der Zeit der Eroberung Noricums


Autor(en)
Gamper, Peter
Reihe
Kärntner Museumsschriften 83
Anzahl Seiten
799 S.
Preis
Christa Ebnöther

Ausgangspunkt der Publikation bildet der eisenzeitliche und römische Fundplatz Gurina im für seine reichen Eisenerzvorkommen bekannten Südwesten Kärntens. Rund 200 m über dem Talboden gelegen, erstrecken sich die Siedlungsreste auf einer mehrstufigen Terrasse am Verkehrsweg, der das Drautal über den Plöckenpass mit Oberitalien verband.

Die Erforschung des Platzes begann 1867, ein Bild der Siedlungsentwicklung und struktur liess sich jedoch erst nach den grossflächigen Ausgrabungen und geophysikalischen Prospektionen zwischen 2004 und 2008 gewinnen. Das Fundspektrum, inklusive der Altfunde (Jablonka 2001), weist auf eine wohl kontinuierliche Besiedlung bzw. u.a. kultische Nutzung der Gurina zwischen der späten Hallstattzeit und der Spätantike (5. Jh.). Da Verf. die eisenzeitlichen und römischen Kultplätze bereits früher vorgelegt hatte (Gamper 2007), liegt der Fokus der Monographie auf der ummauerten frühkaiserzeitlichen Siedlung und deren historischen Kontext.

Dies kommt im Aufbau der Publikation (Teil I) zum Ausdruck. So folgen einer kurzen Einleitung (Kap. 1: Lage, Topografie, Forschungsgeschichte; S. 14f.) umfang- und weitreichende Ausführungen zum chronologischen Grundgerüst (Kap. 2; S. 17–105). Ausgehend von «fünf chronologischen Säulen» — dem Magdalensberg, Gräberfeldern der Eisenzeit und römischen Zeit in Oberitalien sowie den Militärlagern Dangstetten, Oberaden und Haltern — rollt Verf. die Grundlagen der relativen und absoluten Chronologie der Übergangszeit nach seiner persönlichen Sicht auf. Um deren Konsequenzen zu erfassen, genügt es, einige Ergebnisse seiner chronologischen Untersuchungen anzuführen: So ist z.B. für den Autor das Fundensemble aus Alesia als caesarischer Referenzkomplex nicht verwendbar bzw. Gamper schliesst eine Datierung in augusteische Zeit nicht aus. Des Weiteren datiert er das Ende von Manching in die Okkupationszeit; in dieselbe Zeit, d.h. um 15 v. Chr. setzt er auch den Siedlungsbeginn des Magdalensberges. Man liest dabei — nicht ohne Erstaunen —, dass Nauheimerfibeln, Schüsselfibeln oder Fibeln des Typs Almgren 65 als eine Neuheit im zeitlichen Umfeld des Alpenfeldzuges zu sehen sind (S. 86). Diese Sicht negiert die in den letzten Jahrzehnten — trotz weiterem Diskussionsbedarf — auf einem zunehmend dichten Netz von Grundlagen erarbeitete relative und absolute Chronologie und führt Verf. zu einer klar anderen Interpretation der historischen Prozesse in der ausgehenden Eisen- und frühen Kaiserzeit.

In Kapitel 3 werden auf der Basis des zuvor entwickelten Chronologiegerüsts die Funde von der Gurina antiquarisch behandelt (S. 106–197). Mit Ausnahme der Münzen (Britta Rabe; S. 106–138) und der Amphoren (Bestimmung ohne Kommentar durch Ulrike Ehmig) zeichnet der Verf. verantwortlich. Eine ausführliche Diskussion erfahren dabei die Fibeln, Waffen und weitere Metallfunde, Funde aus Bein sowie die Keramik. In Anbetracht des dem Verf. eigenen chronologischen Ansatzes spielt es letztlich keine Rolle mehr, ob eine Scharnierbogenfibel als Alesia- oder Aucissafibel angesprochen wird (S. 147 mit Abb. 45; S. 226 mit Taf. 35,2) oder dass Amphoren des Typs Dressel 1 (in den Tafellegenden — wie alle Amphoren — als helltonige Gebrauchskeramik bezeichnet) ignoriert werden. Auf eine weitere Diskussion des Kapitels kann verzichtet werden.

Kapitel 4 umfasst nach Ausführungen zur Schichtengenese (S. 198–204) die Vorlage der Befunde nach Grabungssektoren bzw. Häusern, für deren Nachvollziehbarkeit die Faltpläne (Teil 3) und Grabungsfotos beizuziehen, aber nicht immer hilfreich sind. Für die Datierung der Befunde werden «geschlossene» Fundkomplexe herangezogen und diskutiert, die in Teil 2 — allerdings ohne begleitenden detaillierten Fundkatalog — vorgelegt sind (200 Fundtafeln). Soweit beurteilbar, sind die Ensembles oftmals vermischt, d.h. enthalten spätlatènezeitliche/caeasarische wie auch (früh)kaiserzeitliche Funde. Solche durch mehrfache Umlagerungen bzw. Terrassierungen entstandenen vermischten «Fundkomplexe» sind aus anderen in Terrassen angelegten Hangsiedlungen — nicht zuletzt dem Magdalensberg — gut bekannt. Sie umfassen oft weite Zeitspannen und liefern im besten Fall termini ante bzw. post quos für die damit in Verbindung stehenden Baustrukturen.

Neben den hallstattzeitlichen Befunden, u.a. einem Ständerbau mit zahlreichen Tonringen (Webgewichten), liessen sich über stratigrafische Indizien drei jüngere Siedlungshorizonte herausarbeiten, deren ältester, laut Verf. spätlatènezeitlich zu datierender im Befund wenig Spuren hinterlassen hat. Die erste, auch baulich gut fassbare Besiedlung mit drei Bauten datiert Gamper in mittelaugusteische Zeit. Während zwei aus gemörteltem Mauerwerk errichtet wurden, war Haus 1 als Ständerbau (auf Trockenfundamenten) erbaut und vom Verf. als spätlatènezeitliches Gebäude interpretiert, das in der Okkupationszeit «von den römischen Besatzern als Unterkunft genutzt wurde». Den Ausbau der Siedlung zu einer befestigten Stadtanlage von etwa 4 ha Innenfläche setzt gemäss Verf. kurz nach der Zeitenwende ein. Kaum eine Generation später, «spätestens in frühtiberischer Zeit» (2. Jahrzehnt), wurde sie bereits wieder aufgegeben; wie einzelne Funde, v.a. aber die Altfunde (Jablonka 2001) zeigen, wurde der Ort aber bis in die Spätantike aufgesucht.

Topografisch dominiert wird die frühkaiserzeitliche Siedlung von einem auf der obersten Kuppe angelegten Umgangstempel. Seine Erbauung wird über einen terminus post quem in augusteische Zeit datiert. Mit Wandmalereien (2. Jh.?) ausgestattet, wurde er gemäss dem Fundspektrum bis ins 4./5. Jh. aufgesucht. Bei den übrigen Bauten handelte es sich um halb in den Hang eingetiefte und deshalb teils gut erhaltene Steinbauten, von welchen einige wenige untersucht, andere nur durch die geophysikalischen Prospektionen bekannt sind. Sowohl bezüglich Grösse wie auch Grundriss sticht das Haus 4 ins Auge, das mit dem praetorium des Lagers in Oberaden verglichen wird und entsprechend als Verwaltungs- und Wohnbau des möglicherweise militärischen Verwalters der Siedlung auf der Gurina interpretiert wird. Die topografische Lage, die Struktur und die Situation der Siedlung innerhalb eines Gebietes mit reichem Eisenerzvorkommen veranlassten den Autor zu einem Vergleich mit der ebenfalls in Hügellage situierten städtischen Siedlung in Munigua in der Baetica, deren wirtschaftliche Grundlage desgleichen der Bergbau bildete und deren Zentrum monumental, u.a. mit einem Terrassenheiligtum, ausgestattet war. (
Nach weiteren Ausführungen zur Bedeutung der Gurina in römischer Zeit und zu deren Umland, rollt Verf. in Kapitel 5 (S. 289–346) und Kapitel 6 (S. 347–359) anhand der (in)schriftlichen und der bzw. seiner Interpretation und Datierung der archäologischen Quellen den Ablauf der römischen Eroberung Noricums und dessen Romanisierung auf. Seinem oben skizzierten chronologischen Ansatz folgend, kommt der Autor zu Ergebnissen, die zu den bisherigen und aktuellen Forschungen im Gebiet zwischen Gallien über dem (Vor)Alpenraum bis nach Slowenien in erheblicher Diskrepanz stehen. Wenn letztere aufzeigen konnten, dass die Eroberung des Alpenbogens und der Gebiete nördlich davon als Abschluss eines längeren und vielschichtigen Prozesses zu verstehen ist, dem schliesslich die Provinzialisierung folgte, erkennt der Autor — und dies letztlich allein aus methodischen Gründen — keine Spuren vor- und frühaugusteischer Aktivitäten auf der Gurina bzw. im Südostalpenraum; Bedeutung und Wendepunkt der Geschichte Noricums misst Gamper allein der militärischen Okkupation im Jahre 15 v.Chr. zu.

Dass auf der Gurina in der frühen Kaiserzeit eine befestigte Siedlung erbaut wurde, die vielleicht von staatlichem Interesse war, ist nicht von der Hand zu weisen. Im Falle eines Verwaltungssitzes hätte man allerdings doch gerne die Siedlung von einem Podiumstempel dominiert gesehen — falls das Heiligtum nicht überhaupt erst später erbaut wurde (dazu Gamper 2007). Wenngleich die durch die frühkaiserzeitlichen Bauaktivitäten wohl zerstörten Befunde kaum Aussagen über die Struktur, Ausdehnung und Bedeutung der späteisenzeitlichen/caesarischen Besiedlung zulassen, ist letztere im reichlichen (frühkaiserzeitlich umgelagerten) Fundmaterial doch klar zu erkennen. Um ihre Intensität beurteilen und gegebenenfalls den frühesten Siedlungsspuren auf dem Magdalensberg chronologisch wie auch funktional vergleichend gegenüberstellen zu können, müsste man allerdings das Fundmaterial nochmals kritisch, v.a. auch durch eine «andere Brille» betrachten und beurteilen. Insgesamt hat der grosse Einsatz leider zu einem wenig überzeugenden Ergebnis geführt.

Zitierweise:
Christa Ebnöther: Rezension zu: Peter Gamper, Gurina. Die römische Stadt aus der Zeit der Eroberung Noricums. Mit Beiträgen von B. Rabe, A. Galik und A. Giumlia-Mair. Kärntner Museumsschriften 83. Klagenfurt 2015. Zuerst erschienen in: Jahrbuch Archäologie Schweiz, Nr. 100, 2017, S. 306-307.

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Zuerst veröffentlicht in

Jahrbuch Archäologie Schweiz, Nr. 100, 2017, S. 306-307.

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