S. Baumann: …und es kamen auch Frauen

Cover
Titel
... und es kamen auch Frauen. Engagement italienischer Migrantinnen in Politik und Gesellschaft der Nachkriegsschweiz


Autor(en)
Baumann, Sarah
Erschienen
Zürich 2014: Seismo Verlag
Anzahl Seiten
192 S.
Preis
Siegfried Weichlein, Departement Historische Wissenschaften - Zeitgeschichte, Universität Freiburg (Schweiz)

Die Migrationsgeschichte, zumal in der Schweiz, hat bisher einen männlichen bias. Männer wanderten, Männer arbeiteten, Männer politisierten. Dass dies nur die Hälfte der Geschichte war und ist, rückt erst langsam in den Fokus der Geschichtswissenschaft. Dieses Buch der Fribourger Zeithistorikerin Sarah Baumann, das aus einer Masterarbeit entstanden ist, verbindet Migrationsgeschichte und Gendergeschichte, näherhin Frauengeschichte. Sie ist ausserdem ein Beitrag zur Geschichte der Schweizer Frauenbewegung. Sarah Baumann macht die Migration, die Selbstorganisation und die Politik von italienischen Migratinnen in die Schweiz zwischen 1943 und 1979 sichtbar.

Dazu wählt sie den Blickwinkel der Organisations- und Frauengeschichte. Im Mittelpunkt steht die «Federazione delle Colonie Libere Italiane in Svizzera» (FCLIS) und ihre Frauenkommission, deren Quellen im Schweizerischen Sozialarchiv sie auswertet. Hinzu kommen Quellen zu Schweizer Frauenbewegung aus dem Gosteli Archiv. Das Buch besitzt einen Quellenanhang mit zwei bisher nicht edierten Quellen: eine aus dem Kongress der Migrantin 1967 und das Manifest ausländischer Frauen von 1975, aber kein Register.

Sarah Baumann gliedert ihre Geschichte italienischer Migrantinnen chronologisch in fünf Phasen. Zum Wendepunkt ihrer Erzählung wird die Zeit zwischen 1967 und 1974, Aufbruch und Emanzipation (1967−69) folgt der Rückzug in die Familie (1970−1974). Entscheidend ist die Rolle der Migrantinnen in der Öffentlichkeit, was die Autorin anhand des Weges vom «Kongress der Migrantin» 1967 zum Internationalen Jahr der Frau 1975 markant darlegen kann. Für das Empowerment der Migrantinnen stand der «Kongress der Migrantin» 1967, bei dem die FCLIS eine Frauenkommission einrichtete und sich vermehrt Bildungsfragen widmete, um den Migranten bessere Berufschancen zu geben. Neben den Vergleich der Geschlechter tritt die Differenz zwischen italienischer Herkunft und Schweizer Gegenwart. Die Arbeit an den Geschlechterrollen der italienischen Frauen fand an mehreren Fronten statt. Im Zentrum der Politik der italienischen Frauen standen gleiche Löhne für Mann und Frau und verbesserter Mutterschutz, im Ganzen die Stellung der Frau in der Wirtschaft und der Familie. Dabei überwogen die Anliegen der Familie, wie es Rosanna Ambrosi ausdrückte: «Die italienische Frau will keine Arbeitskraft zweiter Klasse sein. Noch viel mehr aber will sie [...] über das grundlegendste aller Rechte verfügen: mit der eigenen Familie zusammenleben zu dürfen.» (76). Der Zugang zur Politik blieb einstweilen durch die Dominanz der Schweizerinnen in der Schweizer Frauenbewegung versperrt, eine Form der Majorisierung von Frauen durch Frauen. Grosse Mobilisierungserfolge auch unter italienischen Migrantinnen blieben aus. Sie liessen sich kaum zur Mitarbeit in der FCLIS gewinnen. 1980 löste sich die Frauenkommission schliesslich auf.

Sarah Baumann macht eine Geschichte italienischer Migrantinnen in der Schweiz sichtbar, die bisher auch methodisch weitgehend marginalisiert war. Was blieb davon erhalten? Die Migrantinnen machten Privates, Themen wie Familie und Schule, zu öffentlichen Themen. Wirtschaftliche und soziale Rechte arbeitender Frauen standen auf der Tagesordnung und können seitdem nicht mehr verdrängt werden. Gleichzeitig richtete sich die Aufmerksamkeit nicht nur auf das andere Geschlecht, sondern mindestens so sehr auf das ethnischkulturelle Anderssein der Frauen. Auch das Anderssein kannte Hierarchien: zuerst Italien, dann die Frau.

Zitierweise:
Siegfried Weichlein: Rezension zu: Sarah Baumann, ... und es kamen auch Frauen Engagement italienischer Migrantinnen in Politik und Gesellschaft der Nachkriegsschweiz, Zürich, Seismo Verlag, 2014. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Religions und Kulturgeschichte, Vol. 109, 2015, S. 458-459.

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