D. Eugster u.a. (Hrsg.): Das Imaginäre des Kalten Krieges

Cover
Titel
Das Imaginäre des Kalten Krieges. Beiträge zu einer Kulturgeschichte des Ost-West-Konfliktes in Europa


Herausgeber
Eugster, David; Marti, Sibylle
Reihe
Frieden und Krieg. Beiträge zur historischen Friedensforschung 21
Erschienen
Anzahl Seiten
300 S.
Preis
Siegfried Weichlein, Departement Historische Wissenschaften - Zeitgeschichte, Universität Freiburg (Schweiz)

Die Literatur zur Geschichte des Kalten Krieges ist in der Zwischenzeit über die hohe Politik und die Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und der UdSSR hinaus. Seit längerem spielt die Kultur eine wichtige Rolle in den Arbeiten zum Kalten Krieg. Der Kalte Krieg war auch eine Auseinandersetzung der Ideen, der Künste, der Literaturen, der Bilder. Der Kalte Krieg wurde dadurch gewissermaßen virtuell. Das Imaginäre gewann auf beiden Seiten an Bedeutung in einem Krieg, der nicht geführt wurde. Diesem Aspekt wendet sich der vorliegende Band zu, der auf einer Konferenz an der Universität Zürich im Frühsommer 2012 basiert. Die Herausgeber sind Germanisten und Historiker. Die Titelbegrifflichkeit lehnt sich an das «gesellschaftlich Imaginäre» bei Cornelius Castoriadis an, also die «bildlichen Elemente einer symbolischen oder diskursiven Ordnung», wie etwa «metaphorische oder visuelle Verbildlichungen und Konkretionen von abstrakten Begriffen» (5). Einfacher ausgedrückt versuchen die verschiedenen Beiträge dieses Bandes bildliche Muster aus der Vielfalt kultureller Praktiken heraus zu destillieren, die den Konflikt versinnbildlichen und abbilden. Das Imaginäre wird zu einem «produktiven Suchbegriff» oder einem «theoretischen Scheinwerfer». Es soll in verschiedenen Disziplinen die Muster sichtbar machen, mit denen auf den Konflikt zwischen Ost und West geschaut wurde. Entsprechend kommen die Autoren aus der Geschichte, der Literaturwissenschaft, der Kulturwissenschaft, der europäischen Ethnologie und der Soziologie.

Der Band gliedert die Thematik des Imaginären in vier Bedeutungsschichten: Metaphern, Figuren, Emotionen und Simulakren. Zu den wichtigsten kognitiven Rastern, in denen der Kalte Krieg wahrgenommen wurde, gehörte das «Abendland», wie Philipp Sarasin auch anhand statistischer Befunde nachweisen kann. Quinn Slobodian geht der scheiternden Metapher der sozialistischen Brüderlichkeit, Silvia Berger Ziauddin derjenigen des «Bunkers» im atomaren Zeitalter nach.

Eine der Figuren oder cognitive maps, mit denen der Kalte Krieg angeschaut wurde, war die Sozialfigur des Ingenieurs. David Eugster beschreibt dies anhand von Dr. Strangelove und Werner von Braun eindrücklich. Die Pointe dabei ist, dass im Kalten Krieg technisches Wissen wichtiger wurde als vergangene Verbrechen im Nationalsozialismus. Die Expertise des Ingenieurs war eine von Ost und West geteilte Prämisse (109). Der Ingenieur galt als diejenige Sozialfigur, die politische Fern¬ziele mit den dazu notwendigen Mitteln realisierte.

Das Imaginäre im Kalten Krieg war immer emotional besetzt. Das verdeutlichen die Analysen zu Heimatliebe und Patriotismus in Jugendliedern der DDR (Juliane Brauer) und zu Solidaritätskampagnen in der DDR (Sophie Lorenz). Den ganzen Band durchziehen freilich imaginäre Emotionen wie Angst und Bedrohung. Schließlich wurde der Kalte Krieg simuliert, vor allem in der Landesverteidigung und im Zivilschutz. Diese simulacra fingierten nicht, sie ließen das Realitätsprinzip intakt. Wesentlich war, «dass sich in der Simulation die Grenze zwischen Realem und Imaginärem auflöst. [...] Simulationen werden nicht ausschließlich, aber maßgeblich von Imaginationen mit geformt. Simulationen weisen zudem einen performativen Charakter auf, das bedeutet, sie stellen über die mit ihnen verbundene Praxis etwas her», sie konstituieren Wirklichkeit (245). Sie konstituieren das, was sie vorgeben zu simulieren, könnte der Spitzensatz dieser theoretischen Annahme von Baudrillard lauten. Besonders eindrücklich ist der Text von Sibylle Marti zu «Den modernen Krieg simulieren», weil er das Imaginäre an den Militärübungen von 1961 und 1973 und der ausufernden Debatte um den Zivilschutz aufzeigen kann.

Ein wenig überrascht bei einem solchen vielversprechenden und innovativen Unternehmen von Literaturwissenschaft und Geschichte ist, dass gerade die imaginäre Denkfigur des «enemy from within», die in der Spionageliteratur und weit darüber hinaus so prominent ist, in diesem Band höchstens leise angedeutet, nicht aber detailliert behandelt wird. Sie war nicht nur im Kalten Krieg, sondern weit darüber hinaus prominent wie in der Bakteriologie und Virologie, Leitdisziplinen des 20. Jahrhunderts. Franzosen begeisterte in den 1950er Jahren nur wenig so sehr wie «fast cars and clean bodies» (Kristin Ross). Viel¬leicht ist der «enemy from within» sogar das wichtigste Erbe des Imaginären im Kalten Krieg.

Zitierweise:
Siegfried Weichlein: Rezension zu: David Eugster/Sibylle Marti (Hg.), Das Imaginäre des Kalten Krieges. Beiträge zu einer Kulturgeschichte des Ost-West-Konfliktes in Europa (= Frieden und Krieg. Beiträge zur historischen Friedensforschung 21), Essen, Klartext Verlag, 2015. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Religions und Kulturgeschichte, Vol. 109, 2015, S. 425-426.