R. Hosfeld: Tod in der Wüste

Cover
Titel
Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern


Autor(en)
Hosfeld, Rolf
Erschienen
München 2015: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
288 S.
Preis
Richard Albrecht, Privatgelehrter

Im neuen Buch des Journalisten und wissenschaftlichen Leiters des Johannes-Lepsius-Hauses in Potsdam geht es um einen Genozid: den historischen Völker-mord an den Armeniern während des Erstens Weltkriegs im spätosmanischen Staat. Dieser wird nach wie vor von der Ende Oktober 1923 gegründeten Türkischen Republik, als Nachfolgestaat, grundsätzlich geleugnet. Und auch von der derzeitigen deutschen Bundesregierung als Völkermord nicht anerkannt. Damit ist Hs Grundlinie klar: es geht um geschichtliche Aufklärung auf wissenschaftlicher Grundlage.

Hosfelds Buch erschien wenige Wochen vor dem seit Jahrzehnten von Armeniern und besonders 2015 trauernd gedachten Beginns des von ihnen Aghet (Katastrophe) genannten Ereignisses − der Festnahme von hunderten bekannter armenischer Notablen, Intellektueller und Politiker in Konstantinopel am 24. April 1915. Das Buch ist damit die aktuellste deutsch(sprachig)e Gesamtdarstellung dieses Genozids. Es hat zehn (davon neun chronologische) Kapitel, Danksagungen, Literaturverzeichnis, Anmerkungen, Karte, Bildnachweis, Personenregister. Quellengrundlagen sind sowohl einige eigene Archivrecherchen als auch und vor allem deutsch- und englischsprachige Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen.

Das ersten Kapitel enthält einen anspruchsvollen Problemaufriß. Betont wird: es ging nicht um die behauptete Umsied-lung oder Vertreibung. Sondern um «eine Politik der gezielten Vernichtung». Diese genozidale, letale und klandestine Destruktionspolitik der jungtürkischen Staatsführung und ihrer Gehilfen vollzog sich stufenweise in «Etappen kumulativer Radikalisierung» (s. Ugor Ü. Ügör, When Persecution Bleeds into Mass Murder; in: Genocide Studies & Prevention, 1 [2006] 2, 173−195). Sie wurde als «Exterminierung der armenischen Rasse» von europäischen Diplomaten wie dem österreichisch-ungarischen Geschäftsträger Ende September 1915 als solche erkannt. Im Deutschland der harten Militärzensur wies der sozialistische Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht Anfang 1916 unter Berufung auf Lepsius als erster auf die Ausrottung der «türkischen Armenier» öffentlich hin (s. Rez[ensent], Karl Liebkecht und Genossen; in: Internationale wissenschaftliche Korres-pondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 41 [2005], 3, 310−328).

In den folgenden acht Kapiteln wird der genozidale Prozeß mit seinem Endpunkt während des ersten Großen Krieges als völkermordbegünstiges globales Ereignis historisch ausgreifend seit dem Berliner Kongress 1878 und dessen Thematisierung der «Armenischen Frage» lesbar und anschaulich beschrieben und mit der «Endlösung» genannten Ermordung von zwischen einer und zwei Million/en osmanischer Armenier beendet. Das Schlußkapitel versucht über den polnisch-US-amerikanischen Völkerechtler Raphael Lemkin die «Anfänge des internationalen Völkerrechts» anzusprechen, konnte mich aber ohne Diskussion von dessen Genozidkonzept (s. Rez, Völkermord; in: soziologie heute, 5 [2012], 25, 26−28) nicht überzeugen.

Als journalische Darstellung ist Hosfelds Buch in Inhalt und Form überzeugend. Wer weiterführende Argumente, Dimensionen und Aspekte erwartet, kann auf auch von Hosfeld genannte fachwissenschaftliche Bücher, etwa von Eric Jan Zürcher, Ugor Ü. Ügör, Hans-Lukas Kieser, Hilmar Kaiser, zurückgreifen oder zum theoretischen Verständnis des crimen magnum als «essential prototype of genocide in the twentieth century» (Irving K. Horowitz) entsprechende Zeitschriftenbeiträge lesen (etwa vom Rez, Lebenskultur und Frühwarnsystem; in: Aufklärung und Kritik, 13 [2006], 194−207; Murdering Armenians; in: SZRKG, 108 [2014], 127−149).

Zitierweise:
Richard Albrecht: Rezension zu: Rolf Hosfeld, Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern, München, C.H. Beck, 2015. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Religions und Kulturgeschichte, Vol. 109, 2015, S. 415