C. Arni: Pränatale Zeiten

Cover
Titel
Pränatale Zeiten. Das Ungeborene und die Humanwissenschaften (1800–1950)


Autor(en)
Arni, Caroline
Erschienen
Basel 2018: Schwabe Verlag
Anzahl Seiten
307 S.
Preis
€ 28,00; CHF 28.00
Janina Wellmann, Leuphana Universität Lüneburg

Die Basler Historikerin Caroline Arni nimmt zum Ausgangs- und wiederkehrenden Referenzpunkt ihres neuen Buches eine Episode aus der französischen Geschichte: Französische Psychiater berichteten Mitte der 1880er-Jahre, dass die während der Zeit der preußischen Belagerung und der Pariser Kommune 1870/71 gezeugten Kinder – les enfants du siège – häufiger durch Anomalien und Entwicklungsstörungen auffielen, als dies üblicherweise der Fall sei. Konkret angeführt und in der Literatur immer wieder aufgegriffen wurde der Fall eines nervenleidenden, bettnässenden, schwindelgeplagten und allgemein als „düster“ charakterisierten Mädchens aus gebildetem Haus, in dem derartige Auffälligkeiten weder zuvor noch bei anderen Familienmitgliedern je aufgetreten waren.

Diese Korrelation von individueller Entwicklungsgeschichte und historischem Moment ist der Referenzrahmen für die Betrachtung des Verhältnisses von Ungeborenem, Entwicklung, Psyche, Mutter-Kind-Beziehungen und historischer Zeit, die die Autorin durch eine Reihe von wissenschaftlichen Disziplinen im Folgenden unternimmt. Neben der Medizin treten vor allem die im 19. Jahrhundert sich ausbildenden und etablierenden Disziplinen der Physiologie und Psychologie, Humanphysiologie oder Psychophysiologie in den Blick.

Arni lässt in ihrem Buch das Ungeborene zum einen historisch daraus erwachsen, „wie im 19. Jahrhundert geschichtliches Geschehen lebenswissenschaftlich verhandelt wurde, aber umgekehrt biologisches Geschehen auch als historischer Prozess verfasst war“ (S. 201). Zum anderen zeigt sie, wie das Ungeborene sich epistemologisch herausschält als „Variation in einer Serie von Antworten“ auf die Frage, was vor der Geburt geschieht (S. 20). Die Geschichte des Ungeborenen und unseres Wissens von ihm, wie Arni sie schreibt, ist eine Geschichte der Verschiebungen, der gegenseitigen Abgrenzungen und Beziehungsstiftungen sowie der immer neuen Verhandlungen zwischen Weisen des Fragens und Praktiken der Untersuchung, dem Einzelnem und der Gesellschaft, dem Normalen und Pathologischen, dem Organischen und Psychischen, dem Vergangenen und Zukünftigen.

Um sich diesen Verhandlungen zwischen den Wissensräumen und Zeiten zu nähern, erläutert Arni zu Beginn des Buches ihr analytisches und historisches Instrumentarium: Das Ungeborene, das im Verlauf des 19. Jahrhunderts zum Pränatalen wird, begreift Arni als einen epistemischen Raum, der die „Ermöglichung von Aussagen“ schafft (S. 22–23). Das Pränatale ist weder ein Objekt, noch eine Theorie oder ein Diskurs (S. 23). Seine Geschichte ist folglich auch nicht die eines „Richtigwerdens von Wissen“ (S. 20). Stattdessen geht es um ein Wissen, das in seinem Fragen ein Tun und daher immer nur als „eine Konstellation von historischer Kontinuität und Diskontinuität beschreibbar zu machen“ ist (S. 24). Durch dieses Geflecht von Konstellationen leitet Arni „ein Zwirn aus Ereignis, Kind und Anomalie. Er führt mich dahin, wo diese drei eine Verbindung miteinander eingingen, indem sich Beobachter von kindlichen Eigentümlichkeiten auf Ereignisse in der Schwangerschaft verweisen ließen und so das ‚Vor der Geburt‘ bedeutsam machten“ (S. 22).

Der erste Teil des Buches ist mit „Lebewesen“ betitelt und widmet sich dem biologischen Wissen über das Ungeborene, während der zweite Teil sich dem „Seelenleben“ zuwendet und den sich herausbildenden Organismus in seiner Beziehung zur Mutter bzw. insbesondere deren Einfluss auf die kindliche Entwicklung betrachtet. Hier durchmisst Arni die Jahrhunderte von den Ideen der Einbildungskraft im 17. und 18. Jahrhundert, den Vorstellungen vom mütterlichen Fühlen im 19. Jahrhundert, bis zur zeitgenössischen, epigenetisch geprägten Wende von hormongesteuerten, zumal durch Stress bedingten Einflüssen auf die maternale Umwelt des Ungeborenen, die als zentrale Faktoren das werdende Leben prägen. Der Schluss des Buches geht nochmals auf die enfants du siège ein, nunmehr aber mit Blick auf diese Kohorte von Kindern nicht als Individuen, sondern als eine Generation, mithin auch als „aktuelle Realisierung einer überzeitlichen Einheit, die in diesem Fall die Nation war“ (S. 194). Während diese Generation das Narrativ der heroischen Nation einerseits mit konstituierte, bedrohte sie es aufgrund ihrer Entwicklungsanomalie aber zugleich auch.

Kunstvoll schlingt Caroline Arni in ihrer Studie in der Figur des Ungeborenen Räume und Zeiten ineinander, indem sie gleichsam mit jeder Drehung ihres „Zwirns“ die Perspektiven wendet, miteinander verwebt und wieder auflöst. Die Facetten und Verwicklungen, die sie dabei herausarbeitet, sind zahlreich, intellektuell reizvoll und auf diese Art historisch bisher nicht in den Blick genommen worden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist Entwicklung ein noch weithin unverstandenes Konzept kontinuierlicher zeitlicher Veränderung. Im Schutze des Körpers der Mutter bleibt das Ungeborene zudem räumlich dem ärztlichen Blick und zumal wissenschaftlichen Zugriff verborgen. Der Leib der Mutter ist indes nicht nur ein Ort des Schutzes, sondern auch des Ausgesetztseins. Ohne ihn kann das werdende Leben nicht gedeihen, gleichwohl ist er der Raum, in dem dieses Leben zerstört oder zumindest empfindlich beeinträchtigt werden kann, wenn äußerer Einfluss oder über die eigene Lebenszeit von Mutter und Kind fortgetragene Erbkrankheiten sich als Entwicklungsstörungen auswirken. Ein Denken, das zwischen der Entwicklung des einen im Körper der anderen, zwischen der Zeit und dem Raum, den beide für sich einnehmen sowie miteinander teilen, der sie eint und trennt, eine Brücke schlägt, eröffnet das 19. Jahrhundert schließlich im Konzept der Generation. Es stiftet Kontinuität durch Zeiten und Räume, nicht nur diejenigen von Mutter und Kind, sondern über Nationen und gesellschaftliche Milieus, entfernte Vergangenheiten und Zukünfte hinweg. Diese Brücke ist ein weitaus verschlungeneres Gebilde als eine definierte Wegstrecke zwischen zwei getrennten Ufern. Vielmehr arbeitet Arni analytisch sorgsam und gedankenreich in den Schlingen ihres Zwirns das Ungeborene als das raum-zeitlich Einmalige im menschlichen Dasein heraus. Als solches erweist es sich den klassischen Operationen wissenschaftlichen Denkens und Handelns immer wieder als widerständig.

Die Autorin führt uns durch die Geschichte der enfants du siège, indem sie beständig unseren Blick weitet: Sie zeigt uns, dass historische und epistemische Zeiten und Räume nicht sind, sondern gedacht und gemacht werden; dass sie zusammengehören, da sie sich beständig ineinander verkehren und gegenseitig spiegeln. Nicht zuletzt verstehen wir mit Arnis Geschichte, dass sich in diesen Facetten und Verflechtungen auch unser eigenes, gegenwärtiges Denken als nur ein Punkt in Zeit und Raum wiederfindet.

Redaktion
Veröffentlicht am
29.04.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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