M. Stotzer: … und draussen herrschte Krieg

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Titel
… und draussen herrschte Krieg. Von Alltag und Allnacht in Büren an der Aare während des Zweiten Weltkriegs


Autor(en)
Stotzer, Martin
Erschienen
Zürich 2016: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
192 S.
Preis
Tobias Kaestli

Dass Erinnerungen durch nachträglich Gehörtes und Gelesenes oft stark abgefälscht werden, ist erwiesen. Und trotzdem sind sie eine wertvolle Erweiterung der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung. Was der 1934 geborene und in Büren an der Aare aufgewachsene Dr. phil. Martin Stotzer vorlegt, ist der geglückte Versuch, das eine mit dem anderen zu verbinden. Er wertet historische Quellen aus, die den Alltag im Berner Landstädtchen Büren in den Jahren 1940 bis 1945 dokumentieren, und erinnert sich dabei an Selbsterlebtes. So gelangt er zu einer präzisen Schilderung des Alltags in den Kriegsjahren. «Grabe, wo du stehst» im besten Sinn also. Schon als Kind legte er Gegenstände in seine persönliche Erinnerungskiste, und jetzt, da er dieses Buch schrieb, konnte er sich auf sein während Jahren gewachsenes Archiv stützen, aber auch auf die Archive der Einwohnergemeinde Büren, der Vereinigung für Heimatpflege Büren und auf das Privatarchiv des Bürener Lokalhistorikers Ulrich Gribi. Zeitungsausschnitte, amtliche Erlasse und vor allem aussagekräftige Fotografien sind dem Text beigefügt.

Büren steht für unzählige andere Orte in der Schweiz, in denen sich das Leben in der Zeit des Zweiten Weltkriegs ähnlich gestaltete: Rationierung, Altmetall- und Papiersammlung, Ährenlesen auf den abgeernteten Kornfeldern, Haltbarmachen von Früchten und Gemüse, kleinere Betrügereien bei der Fleischbeschaffung, Sirenenalarm, Ausbildung von Luftschutztruppen und Ortswehren. Das alles kennt man schon, doch Martin Stotzer begnügt sich nicht mit blosser Aufzählung, sondern schildert eindringlich und genau die für jene Zeit so charakteristischen Vorgänge. Wir erfahren etwa, wie sich die mühsame Suche nach Bucheckern im Wald unter der strengen Aufsicht des Vaters für ihn anfühlte. Viele tausend dieser scharfkantigen Früchtchen brauchte es, um ein kleines Fläschchen Öl daraus zu gewinnen. Man nahm die Mühe auf sich, weil das Öl so rar und teuer war. Die Eltern des Autors – der Vater war Spenglermeister und Kommandant der örtlichen Luftschutztruppe, die Mutter eine tüchtige Hausfrau – hielten es für wichtig, auch unter erschwerten Bedingungen für ausreichende, gesunde und wohlschmeckende Nahrung zu sorgen. Haushalt und Geschäft wurden nach strengen Regeln geführt. Der Autor beschreibt die Arbeit seines Vaters, bei der er manchmal helfen musste, oder den komplizierten Ablauf beim Waschen ohne Waschmaschine, das Prozedere beim Dörren von Obst oder beim Schnapsbrennen. Dabei geht er immer von der Tätigkeit aus, die er selbst als Bub zu verrichten hatte. Das ist historisch-ethnografischer Anschauungsunterricht im besten Sinn.

Büren an der Aare war ein schweizerischer «Normalort» und gleichzeitig ein ganz besonderer Ort, denn hier entstand 1940 das grösste Internierungslager für polnische Truppen, die unter General Bronislaw Prugar-Ketling im Rahmen des 45. französischen Armeekorps am Feldzug gegen die Deutschen teilgenommen hatten. Das Lager im «Häftli», umschlossen von einem toten Arm der Aare, war der Inbegriff eines schweizerischen Konzentrationslagers mit militärischer Bewachung, Stacheldraht und Wachtturm. Der Luzerner Historiker Jürg Stadelmann und Selina Krause haben 1999 eine hervorragende Abhandlung über diese Einrichtung publiziert.[1] Stotzers Erinnerungen sind eine gehaltvolle Ergänzung dazu. Auf den ersten 40 Seiten seines Buches zeigt er in nachvollziehbarer Art, weshalb die Bürener Bevölkerung das Einsperren der Polen als unangemessen empfand, weshalb sie sich ihnen gegenüber umso gastfreundlicher verhielt, warum er selber als kleiner Bub sich mit einem Internierten anfreundete und warum die später ins gleiche Lager eingezogenen Flüchtlinge sein Herz nicht im gleichen Mass erwärmen konnten. Er erzählt von den Nöten der Polen, von der Arbeit, die sie auf den Bauernhöfen leisteten, vom kulturellen Austausch zwischen den Polen und den Schweizern und von Liebesverhältnissen zwischen jungen Schweizerinnen und Polen. Eine Fotografie vom 4. Juni 1942 zeigt den achtjährigen Martin am Tag der Verabschiedung der Polen aus Büren. Er steht vor einem elegant uniformierten polnischen Soldaten, der freundlich zu ihm herunterschaut und mit lässig ans Béret angelegter Hand salutiert, während er selbst zu ihm hochblickt und so stramm wie möglich ebenfalls salutiert.

Das Buch wird viele historisch Interessierte ansprechen, auch wenn es kein streng wissenschaftliches Buch ist, denn es macht eine Zeit lebendig, die sozusagen das Kontrastprogramm zur heutigen Überflussgesellschaft darstellt.

[1] Stadelmann, Jürg; Krause, Selina: «Concentrationslager» Büren an der Aare 1940 – 1946.Das grösste Flüchtlingslager der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Baden 1999.

Zitierweise:
Tobias Kaestli: Rezension zu: Stotzer, Martin: … und draussen herrschte Krieg. Von Alltag und Allnacht in Büren an der Aare während des Zweiten Weltkriegs. Zürich: Chronos 2016. Zuerst erschienen in: Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 78 Nr. 3, 2016, S. 76-74.

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Beiträger
Zuerst veröffentlicht in

Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 78 Nr. 3, 2016, S. 76-74.

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