S. Berger Ziauddin u.a. (Hrsg.): Der kalte Krieg

Cover
Titel
Der kalte Krieg. Kältegrade eines globalen Konflikts


Herausgeber
Berger Ziauddin, Silvia; Eugster, David; Wirth, Christa
Reihe
Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte 13
Erschienen
Zürich 2017: diaphanes
Anzahl Seiten
203 S.
Preis
€ 30,00
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von
Christian Kehrt, Institut für Geschichtswissenschaft, Technische Universität Braunschweig

Klirrende Kälte, Eis und Schnee waren wichtige Aggregatzustände des Kalten Krieges. Im Fokus des Sammelbandes „Der kalte Krieg“ stehen jedoch nicht begriffsgeschichtliche Studien oder Klima- und Wettergeschichten im engeren Sinne. Vielmehr geht es darum, die vielfältigen Sinnhorizonte, Diskurse und Erfahrungen von Kälte multiperspektivisch zu betrachten. Wie die Herausgeber betonen, verweist Kälte auf einen Zustand der emotionalen, politischen und gesellschaftlichen Erstarrung. Ähnlich argumentiert auch Helmut Lethen, der mit seinem Essay zur Wendezeit den Übergang von einem kalten zu einem dynamisch-wärmeren Gesellschaftszustand rekapituliert.

Der Band greift auf literarische und audiovisuelle Quellen zurück, um die Vorstellungswelten und Narrative des Kalten Krieges mit seiner Kälte- und Hitzemetaphorik zu thematisieren. Zugleich geht es um die Materialität und physische Beschreibung extrem kalter, aber auch heißer, oftmals schwer zugänglicher Orte und extremer Umwelten. Besonders instruktiv ist der Band immer dann, wenn er konkrete körperliche Erfahrungen sowie teilweise vergessene oder geheime Orte behandelt, die wichtige Geschichten über den Kalten Krieg erzählen. Hierzu zählt die sowjetische Hafenstadt Sewerodwinsk am Weißen Meer, deren Geschichte Ekaterina Emeliantseva Koller schildert. Ursprünglich wurde der Ort im Jahr 1936 von Lagerhäftlingen errichtet und im Zweiten Weltkrieg als Kriegshafen und Werft genutzt. Der Ort avancierte dann zu „einem der zentralsten Bestandteile des sowjetischen militärisch-industriellen Komplexes“ (S. 44). Die eigentliche Funktion Sewerodwinsks als Werft für Atom-U-Boote wurde in den öffentlichen Erzählungen jedoch ausgeblendet. Zentral war vielmehr der inszenierte Kampf gegen die Kälte und feindliche Natur als identitätsstiftender Topos einer technikzentrierten, sozialistischen Utopie. Dieser heroische Kältediskurs prägte auch nach dem Ende des Kalten Krieges die Erinnerung und Identität der Bewohner von Sewerodwinsk und federte so den Übergang in die postsowjetische Zeit ab.

Auch Thule in Nordgrönland ist solch ein peripherer und zugleich zentraler Hot Spot in extremer Kälte, dessen Geschichte Kristian H. Nielsen auf Grundlage der Ergebnisse des Forschungsprojektes „Grönland im Kalten Krieg“ zusammenfasst.[1] Er zeichnet einen Bedeutungswandel des Ortes nach, der als Militärbasis im frühen Kalten Krieg durch das US-Militär ausgebaut wurde. Die amerikanischen Radarstationen, Flughäfen und Militärbasen stehen für eine neue technik- und wissenschaftsbasierte Erschließung der Arktis, die den männlich-heroischen Kampf gegen die Kälte ablöste, um durch Konsumartikel und Kerntechnologie eine amerikanische Komfortzone mitten im Eis zu schaffen. In den 1960er-Jahren wandelte sich dann die Bedeutung dieses Ortes. Eiskernbohrungen in Camp Century ermöglichten tiefe Einblick in die Klimageschichte, sodass die mehrere tausend Meter dicken Eisschichten Grönlands zum Indikator eines globalen anthropogenen Klimawandels wurden. Wie Nielsen feststellt, gehört aber auch der im Eis zurückgelassene, zum Teil radioaktive Müll zum Vermächtnis der US-amerikanischen Präsenz in Grönland.

Um in extremen Umwelten überleben zu können, mussten künstliche Umwelten geschaffen werden, die den menschlichen Körper vor extremer Kälte, Hitze und radioaktiver Strahlung schützten. Beton war ein wichtiger Baustoff des Kalten Krieges, vor allem wegen der dank ihm schnell, preisgünstig und in großer Zahl erstellten Bunker, städtischen Bauten und vor allem Wohnungen. Auf der symbolischen und ideologischen Ebene sollte Beton, so der Architekturhistoriker Adrian Forty, die Angst vor Atomschlägen dämpfen. Insbesondere in der Sowjetunion setzte man unter Chruschtschow auf Beton. Seit den 1970er-Jahren galten Betonbauten im Westen jedoch als Verkörperung eines inhumanen, sozialistischen und „kalten“ Baustils.

Dass extreme Temperaturen etablierte Formen der Männlichkeit unterlaufen können, zeigt Christa Wirth mit ihrer Analyse des Filmes Apocalypse Now. Hitze steht hier für die Kriegsgewalt eines heißen Krieges und das Scheitern von Machtansprüchen im Kalten Krieg (S. 66). Zur Herausforderung wurden extreme Umwelten nicht nur in tropischen und arktischen Klimazonen, sondern auch in der lebensfeindlichen Umwelt des Weltraums, der als neue frontier des Kalten Krieges den wissenschaftlich-technischen Wettstreit der beiden Supermächte prägte. Wie Jordan Bimm und Patrick Kilian in ihrem Beitrag „The well-tempered Astronaut“ zeigen, wandelte sich im Kontext der Weltraummedizin die Bedeutung von Kälte „from a hostile threat and limit to life to a useful tool to ensure the spread and survival of life […]“ (S. 87). Aufschlussreich ist hier die wissenschaftshistorische Betrachtung deutscher Luftfahrt- und Weltraummediziner wie Konrad Büttner, Bruno Balke und Rudolf Strughold, die die amerikanische Weltraummedizin begründeten und eine direkte Kontinuitätslinie zu den Kälte- und Akklimatisationsversuchen im Dritten Reich darstellten. Brimm und Kilian deuten an, dass hier direkte Bezüge zwischen den NS-Kälteexperimenten und dem Konzept des Cyborgs bestehen (S. 101–102). Letzterer, so die Vision, sollte für längere Weltraumreisen in eine Art Winterschlaf eintreten und Kälte zur Überbrückung von Zeit und Raum nutzen.

Es scheint erklärungsbedürftig, dass gerade die politisch als „Tauwetterperiode“ beschriebenen 1970er-Jahre sich durch eine starke Faszination mit Eiszeiten und Kältediskursen charakterisieren lassen. Eiszeitimaginationen hatten nicht nur aufgrund der Schneekatastrophen im Winter 1977 Konjunktur. Die Hypothese einer kommenden Eiszeit basierte auf der im Kalten Krieg intensivierten geophysikalischen und klimawissenschaftlichen Forschung. Durch die Anhäufung einer großen Zahl von Klimadaten und die Kombination verschiedener Wissensbestände, so Manuel Kaiser, gelangten Wissenschaftler zur Erkenntnis des Klimawandels. Vieles schien dafür zu sprechen, dass Warmzeiten nur die Ausnahme in einer Abfolge von Eiszeiten darstellten. In den 1970er-Jahren erlangte auch das historische Konzept der „Kleinen Eiszeit“ für die Periode von 1400 bis 1800 Prominenz. Sybille Marti deutet das Konzept des „Nuklearen Winters“, das im „zweiten Kalten Krieg“ der 1980er-Jahre Konjunktur hatte, psychohistorisch als Reaktion auf die atomaren Bedrohungen des Kalten Krieges. Dass Kälte schließlich einen thermo-emotionalen Zustand schweizerischer Männlichkeit charakterisiert, zeigt der Germanist Hans Rindisbacher. Am Werk Hermann Burgers, Friedrich Dürrenmatts, Claudia Storz‘ und anderer Autor/innen behandelt er Formen der Beziehungslosigkeit, Identitätskrisen, das Scheitern von Nationalmythen und damit schweizerische Erfahrungen in der Zeit des Kalten Krieges.

Nicht jeder der Beiträge liefert genuin neue Forschungsergebnisse. Durch das offene, interdisziplinäre Format des Buchs fällt dies jedoch nicht allzu sehr ins Gewicht. Der instruktive und recht kurzweilig zu lesende Band schafft es, die Kältemetaphorik auszuloten und dabei insbesondere wissens-, kultur- und umweltgeschichtliche Perspektiven auf den Kalten Krieg zu werfen.

Anmerkung:
[1] Ronald E. Doel / Kristine C. Harper / Matthias Heymann (Hrsg.), Exploring Greenland. Cold War Science and Technology on Ice, New York 2016.