C. Schürer: Der Traum von Heilung

Cover
Titel
Der Traum von Heilung. Eine Geschichte der Höhenkur zur Behandlung der Lungentuberkulose


Autor(en)
Schürer, Christian
Anzahl Seiten
320 S.
Preis
59,00 CHF
Christina Vanja, Fachbereich Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen, Landeswohlfahrtsverband Hessen

Seit dem späten 19. Jahrhundert symbolisieren die Schweizer Berge die Heilkraft der Natur in besonderer Weise. Licht, Luft und Sonne, aber auch Alpenkost und Bewegung stehen für eine gesunde Welt, welche die Zerstörungen der urbanen Industriegesellschaft an Leib und Seele nicht zu kennen scheint. Im Gegenteil, so bereits Johanna Spyri in ihren beiden „Heidi“-Romanen, erweist sich die Schweizerische Alpenwelt sogar als Arznei im umfassenden Sinne. Oder wie es die Zürcher Ausstellung im Landesmuseum 2010 betitelte: Besonders die Schweiz galt seit den Zeiten der Lebensreform als „Kraftraum und Sanatorium“.[1] Auch andere alpine Regionen wurden durch Bergbahnen zur Fahrt in die „Sommerfrische“, später auch zum Wintersport, erschlossen. Die Schweiz, insbesondere Graubünden, gewann jedoch um 1900 eine spezielle Attraktivität für Menschen aus dem Tiefland: Die Angebote der Höhenkur für Tuberkulosekranke. Zu Behandlungszentren entwickelten sich in erster Linie Davos und Arosa, Orte, die bis heute dank ihrem „einzigartigen Hochgebirgsklima“ Besserung bei Atemwegs- und Hauterkrankungen versprechen.[2] Beide Orte verband Thomas Mann in seinem 1924 erschienenen Roman „Der Zauberberg“ meisterhaft, um, nicht ohne Augenzwinkern und kritische Seitenhiebe, die Welt der Kranken „da oben“ vorzustellen. Die Geschichte des Hans Castorp, der nach dem Willen seines Autors sieben Jahre in Davos lebte, endet mit dem Ersten Weltkrieg; tatsächlich setzte sich die Höhenkur für Lungenkranke jedoch bis in die späten 1950er-Jahre fort. Noch der 1955 erschienene Roman „Das Sanatorium in der Schweiz“ der englischen Autorin Phyllis Bottome verweist im ersten Absatz auf „herrlich reine und trockene Luft“.[3] Wenig später konnte der Tuberkelbazillus in jeder städtischen Arztpraxis mit Antibiotika bekämpft werden.

Zur literarischen Darstellung der Tuberkulose liegen zahlreiche Veröffentlichungen vor, unter anderem durch die regelmäßig stattfindenden „Davoser Gespräche“. Dagegen fehlte bislang eine genauere Analyse des wissenschaftlichen Diskurses der Mediziner und anderer mit dem Höhenklima befassten Naturwissenschaftler. Diese nun kenntnisreich und äußerst differenziert vorzustellen und zu diskutieren, ist Verdienst der Zürcher Dissertation von Christian Schürer. Dank seiner journalistischen Tätigkeit als Redakteur beim Schweizerischen Rundfunk gelingt es ihm dabei, die vielfach recht trockene Materie auch für medizinische Laien lesbar und, da er immer wieder die beteiligten Menschen mit ihren Biographien bekannt macht, streckenweise spannend darzustellen. Auf zwei Kapitel sei dabei besonders verwiesen: Zum einen auf den Exkurs über die Nazis und das Höhenklima (S. 251–257): Der tuberkulosekranke Nationalsozialist Wilhelm Gustloff, Führer der Landesgruppe Schweiz der NSDAP, wurde 1936 in Davos ermordet. Und zum anderen auf den Epilog „Der allererste Fall“ (S. 292–298), in dem die Erfahrungen einer jungen Patientin im Davos der späten 1940er-Jahre geschildert sind, die sowohl die mit der Kur verbundene permanente Langeweile als auch das Erfrischende der schönen Bergwelt herausstellte.

Schürer beginnt seine „grand tour“ mit dem Arzt Hermann Brehmer, der 1853 die Heilbarkeit der Lungentuberkulose in ihrem frühen Entwicklungsstadium postulierte und ihre Behandlung an höher gelegenen „immunen“ Orten empfahl. Wenig später ließ er sich im 560 Meter hoch gelegenen schlesischen Görbersdorf nieder und eröffnete dort 1863 ein Lungensanatorium. An sein diätetisches Programm (insbesondere reichhaltige Nahrung und frische Luft) konnte der aus Mannheim stammende politische Flüchtling und Arzt Alexander Spengler in der Davoser Landschaft unmittelbar anknüpfen. Dass seine Behauptung, in den Graubündner Alpen gebe es natürlicherweise keine Lungenerkrankungen, bald widerlegt wurde, tat der nun folgenden Erfolgsgeschichte der Schweizerischen Höhenkur keinen Abbruch. Neben der medizinischen Werbung in Fachzeitschriften ebenso wie in Magazinen für Laien trug die Geschäftstüchtigkeit der Sanatoriumsärzte wie weiterer Investoren zur raschen Prosperität des Kurlebens in Höhenlagen über 1.500 Meter bei. Zwar wies Robert Koch 1882 den Tuberkelbazillus nach, doch blieben angekündigte Heilmittel ohne Erfolg, sodass insbesondere für zahlungskräftige Patientinnen und Patienten die Höhenkur erste Wahl blieb. Allerdings führte der allgemeine Durchbruch der Hygiene als Leitwissenschaft der Medizin auch in den Lungenheilstätten zu Veränderungen, sodass die Ansteckungsgefahr gesenkt werden konnte. Zur sterilen Innenausstattung der Sanatorien passte das strenge physisch-moralische Regiment, das mit dem Namen des deutschen Arztes Karl Turban verbunden ist. Auch der Höhenflug der Chirurgie, die durch Narkose und Antisepsis zum zentralen medizinischen Fach wurde, schlug sich in der Tuberkulosebehandlung nieder. Bereits um 1890 wurden lungenchirurgische Maßnahmen durchgeführt; Ferdinand Sauerbruch persönlich kam nach Davos.

Insgesamt hatte die Außendarstellung der Höhenkur bei Lungentuberkulose trotz Kritik sowie einer nicht unerheblichen Sterberate Erfolg; auch der Erste Weltkrieg leitete keinen langfristigen Niedergang ein. Dies ist, wie Schürer zu Recht herausstellt, erstaunlich, denn die heilsame Wirkung des Höhenklimas konnte letztlich nicht nachgewiesen werden. Es gelang den Beteiligten aber frühzeitig, die praktische Behandlung und Versorgung der Kranken derart mit wissenschaftlicher Forschung zu verbinden, dass die Sanatoriumsorte Davos und Arosa gleichsam Klinikcharakter erhielten: Zunächst durch Tagungen und wissenschaftliche Schriften, dann 1922 mit der Gründung des „Instituts für Hochgebirgsphysiologie und Tuberkuloseforschung“ durch Davoser Behörden und Ärzte. Als Leiter konnte der renommierte Berliner Physiologe Adolf Loewy gewonnen werden, der von der Heilwirkung des Höhenklimas überzeugt war. Ihm standen namhafte Professoren aus der Schweiz und dem Ausland im Beirat zur Seite. Ein zentrales Argument spielte fortan die – allerdings nur in bestimmten Höhenbereichen – nachweisbare Zunahme der roten Blutkörperchen. Insbesondere führte die Nutzung der Sonnenstrahlen als Lichttherapie bei Tuberkulose der Knochen und Gelenke – die „Höhensonne“ fand schließlich als künstliche Lichtquelle auch im Flachland ihren Einsatz – tatsächlich zu Behandlungserfolgen. Für die Therapie der Lungentuberkulose, die am Anfang der Höhenkur stand, blieb der exklusive Standort der Sanatorien allerdings fraglich. Es war, wie Schürer mit einem Zitat von Roland Barthes betont, eine „Behandlung ohne Heilung“. Und Katia Mann, die Davos und Arosa bestens kannte, erklärte das dortige Klima in ihren „ungeschriebenen Memoiren“ als gut gegen ebenso wie für die Krankheit (beide Zitate S. 291).

Wissenschaftsgeschichtlich leistet Christian Schürer mit seiner Studie, die vor allem auf der Auswertung zahlreicher Beiträge in Fachzeitschriften sowie Fachbüchern basiert, eine Pionierarbeit, die auch für andere medizinische Fachgebiete als Vorbild dienen kann. Deutlich wird, dass Mediziner eine Therapieform empfehlen, die letztlich (natur-)wissenschaftlich nicht begründet werden kann. Dieses Ergebnis trifft allerdings auch für andere Sparten des Heilstättenwesens zu, bei denen es ebenfalls um den Umgang mit chronischen Erkrankungen geht. Zum Beispiel bei den psychiatrischen und Nervenheilanstalten, in denen Ärzte in ähnlicher Weise herkömmliche Diätetik und klinische Therapien verbinden.[4] Schürer hat seine Sanatorien nicht mit anderen Heilanstalten verglichen. Die Analyse der Problematik einer ärztlichen Tätigkeit bei chronisch Kranken, die nicht durch Medikamente oder chirurgische Eingriffe geheilt werden können, bietet jedoch einen Ansatz, um das Handeln von Lungenärzten besser zu verstehen, als es der Verweis auf ihre Geschäftstüchtigkeit leistet, die Schürer in seiner Arbeit zwar mehrfach herausstellt, aber letztlich nicht untersucht. Auch der kritische Blick Schürers, dies aus einer schulmedizinischen Warte, auf die diätetischen Ansätze der Lungensanatorien (Nahrung, Ruhe, Bewegung und Unterhaltung) überzeugt nicht, wenn er andererseits zu Recht auf den Rückgang der Tuberkulose durch wachsenden Wohlstand und bessere Wohnverhältnisse verweist. Bis heute spielen nicht ohne Grund die seit der Antike behandelten Fragen nach einem „gesunden“ Tagesablaufs in Kureinrichtungen eine große Rolle.

Im Ergebnis hat Christian Schürer eine wichtige und anregende Arbeit vorgelegt, die verdientermaßen den Spezialpreis der Schweizerischen Stiftung für Tuberkuloseforschung erhalten hat. Wie die Ergebnisse seiner minutiösen Forschung zu bewerten sind, sollte jedoch in einem breiteren Rahmen weiter diskutiert werden.

Anmerkungen:
[1] Felix Graf / Eberhard Wolff (Hrsg.), Die Schweiz als Kraftraum und Sanatorium, Baden 2010.
[2] Webseite der Hochgebirgsklinik Davos, URL: http://www.hochgebirgsklinik.ch/169-0-Gesundes-Reizklima.html>
(09.09.2017).
[3] Phyllis Bottome, Das Sanatorium in der Schweiz. Roman, Hamburg 1955, S. 5.
[4] Christina Vanja, Plädoyer für eine Geschichte der Heilanstalten, in: Historia Hospitalium. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte 27 (2011), S. 95–104.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.11.2017
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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