F. Brandli: Le nain et le géant

Cover
Titel
Le nain et le géant. La République de Genève et la France au XVIIIe siècle. Cultures politiques et diplomatie


Autor(en)
Brandli, Frabrice
Anzahl Seiten
397 S.
Preis
Andreas Affolter

Eine Geschichte diplomatischer Beziehungen zu schreiben, meint der Autor der hier zu besprechenden Studie, mute auf den ersten Blick an wie das Eindringen in einen seit Generationen bis in den letzten Winkel erforschten Garten: Eigentlich scheine alles bereits bekannt und gesagt zu sein. Dass sich ein zweiter, kulturwissenschaftlich geschärfter Blick durchaus lohnen kann, zeigt Fabrice Brandli in seiner 2012 publizierten Dissertation allerdings gleich selbst. Seine Studie zu den Beziehungen zwischen Genf und Frankreich im 18. Jahrhundert fügt sich in eine Reihe jüngerer, innovativer Forschungen ein, die durch die Erprobung neuer methodischer Ansätze unser Verständnis frühneuzeitlicher Aussenbeziehungen um viele Erkenntnisse erweitern konnten.

Brandli fragt in seiner Untersuchung nach den Interaktionsmodalitäten zwischen den beiden sich hinsichtlich Grösse, Macht, Konfession und politischer Kultur stark unterscheidenden, betreffs ihres völkerrechtlichen Status als souveräne Staaten aber, zumindest im Anspruch, gleichen Akteure. In einem ersten Teil werden der rechtliche Rahmen und der politische Kontext der Beziehungen vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis zur Annexion 1798 nachgezeichnet. Brandli spricht sich dabei vehement gegen die Vorstellung aus, Genf sei im 18. Jahrhundert ein französisches Protektorat geworden. Aufgrund der Mediationstätigkeit in den verschiedenen Genfer Revolutionen gelang es der Krone zwar, ihren Einfluss in der Republik im Verlauf des Jahrhunderts auszudehnen, der «multiple Bilateralismus» (Bertrand Badie), den Genf in seinen Aussenbeziehungen pflegte, konnte jedoch bis zuletzt die alleinige Kontrolle durch Frankreich verhindern. So wurde etwa die militärische Intervention Frankreichs von 1782 durch die ultrakonservativen Genfer Magistraten mitgestaltet, von Bern und Sardinien mitgetragen und von Preussen und England zumindest geduldet. Auch im französischen Monopol der diplomatischen Repräsentation in Genf, das bis zur Errichtung einer sardischen Gesandtschaft 1782 bestand, sieht Brandli weniger eine Verwirklichung französischer Hegemonieansprüche, als vielmehr das Resultat konvergenter Interessen des französischen Hofes und der Regierung und Bürgerschaft Genfs.

Im zweiten Kapitel geht Brandli auf das Personal der französischen Gesandtschaft ein, die Residenten, Sekretäre und Kaplane der chapelle. Als Residenten standen die französischen Vertreter in Genf auf einer der untersten Rangstufen der diplomatischen Hierarchie und entstammten meist der bourgeoisie de robe oder dem niederen Adel. Um zum Posten in der Handels- und Finanzstadt Genf zu gelangen, waren neben gut funktionierenden familiären Netzwerken am Hof bisweilen auch wirtschaftliche und finanztechnische Kompetenzen gefragt. Zu Recht relativiert aber Brandli die Rolle der Residenten als Staatsdiener und verweist auf ihre komplexe soziale Identität. So gehörten verschiedene der französischen Vertreter in Genf der République des Lettres an, wurden in die gelehrten Gesellschaften Genfs aufgenommen, pflegten Austausch mit Voltaire und Genfer Gelehrten und betätigten sich als Kunstsammler.

In den folgenden, den Schwerpunkt der Dissertation bildenden Kapiteln wird der Fokus der Untersuchung auf verschiedene Formen der symbolischen Kommunikation gelegt. Nach einem Überblick über die sich im 18. Jahrhundert verstärkende Kritik des Zeremoniells und seiner Behandlung in der zeitgenössischen diplomatischen Traktat- und Völkerrechtsliteratur untersucht Brandli die Konstruktion und Darstellung der staatlichen Würde im Medium des diplomatischen Zeremoniells. Im Falle der Beziehungen zwischen Genf und Frankreich wurde in der zeremoniellen Interaktion zwischen Genfer Magistraten und französischen Residenten einerseits die formelle Gleichheit der beiden Mächte als souveräne Staaten repräsentiert, andererseits aber auch die Präzedenz Frankreichs, sowohl als Monarchie wie später als Republik, bekräftigt.

In der Analyse des Genfer Zeremonienbuchs, einer Kompilation verschiedenster zeremonieller Akte mit Präzedenzcharakter, kann Brandli dann anhand vieler Beispiele zeigen, wie Genf durch die zeremonielle Interaktion mit fremden Gesandten und Amtsträgern sowie Angehörigen des europäischen Adels versuchte, sich in die Ordnung souveräner europäischer Mächte einzugliedern. Die diplomatischen Zeremonielle wie auch die in einem nächsten Kapitel beleuchteten Feste und die Geselligkeitskultur verdeutlichen, wie stark sich das republikanische Genf in dieser Hinsicht an den dominierenden Normen der Adels- und Fürstengesellschaft orientierte. Dass dieser Annäherung Grenzen gesetzt waren, wird im letzten, den diplomatischen Gabentausch behandelnden Teil gezeigt: Dem Geschenk französischer Herrscherporträts hatte Genf als Republik nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen und konnte es deshalb nicht mit einer Gegengabe erwidern, sondern musste es als Zeichen königlicher Gewogenheit entgegennehmen. Der Darstellungsteil wird ergänzt durch ein hilfreiches Verzeichnis der verschiedenen Genfer Räte, eine Auflistung der französischen Gesandten in Genf und ein Namensregister. Weniger zweckmässig, da viel zu klein ausgefallen, sind zwei zeitgenössische Karten der Stadt Genf und ihres Umlandes.

Verschiedene Teile des vorliegenden Werks knüpfen an die veröffentlichte Fassung der Lizentiatsarbeit des Autors an. [8] Dennoch bringt die Studie, hauptsächlich aus kulturhistorischer Perspektive, eine Fülle von neuen spannenden Erkenntnissen und widerlegt überzeugend die These vom französischen Protektorat Genf, indem sie auf die verschiedenen Ressourcen eingeht, die auch einem «Zwerg» in seinen Aussenbeziehungen zur Verfügung standen. Was allerdings gerade in dieser Beziehung nur ungenügend berücksichtigt wurde, sind die personalen Netzwerke der Genfer Magistraten, Kaufleute und Bankiers. Obwohl Brandli die Bedeutung der grenzüberschreitenden Verflechtung wiederholt erwähnt und etwa ausdrücklich auch die französischen Residenten nicht als blosse Staatsdiener versteht, bleibt seine Darstellung letztendlich stark staatszentriert. Offene Fragen bleiben zum Teil auch bei der Anerkennung der Souveränität Genfs durch das diplomatische Zeremoniell. Diese wird zwar postuliert, aber kaum empirisch nachgewiesen. Profitiert hätte das Werk in dieser Hinsicht auch von einer stärkeren Rezeption der jüngeren (deutschsprachigen) Forschung zur symbolischen Kommunikation. Brandlis Ausführungen zur zeremoniellen Interaktion hätten durch die Auseinandersetzung etwa mit den Studien Barbara Stollberg-Rilingers oder André Krischers sowohl an theoretischer Schärfe wie an Anschlussfähigkeit gewinnen können.

[8] Fabrice Brandli, Une résidence en République. Le résident de France à Genève et son rôle face aux troubles politiques de 1734 à 1768, Genève 2007.

Zitierweise:
Andreas Affolter: Rezension zu: Fabrice Brandli, Le nain et le géant. La République de Genève et la France au XVIIIe siècle. Cultures politiques et diplomatie, préf. de Michel Porret, Rennes: Presses universitaires de Rennes, 2012. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 65 Nr. 3, 2015, S. 480-482.

Redaktion
Beiträger
Zuerst veröffentlicht in

Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 65 Nr. 3, 2015, S. 480-482.

Weitere Informationen