A. Affolter: Verhandeln mit Republiken

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Titel
Verhandeln mit Republiken. Die französisch-eidgenössischen Beziehungen im frühen 18. Jahrhundert


Autor(en)
Affolter, Andreas
Reihe
Externa 11
Erschienen
Köln 2017: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
455 S.
Preis
€ 70,00
Anuschka Tischer, Institut für Geschichte, Universität Würzburg

In der Frühen Neuzeit waren das politische Ideal und der Normalfall die Monarchie respektive der dynastische Fürstenstaat. Außenbeziehungen wurden mithin primär als Beziehungspflege einer „Fürstengesellschaft“[1] mit ihren personellen und dynastischen Kontinuitäten, klaren Hierarchien, gemeinsamem Ethos und familiären Verflechtungen verstanden. Republiken irritierten in diesem Konzept nicht nur die Theoretiker, sondern insbesondere die Diplomaten der fürstlichen Gemeinwesen, die das Verhandeln mit Republiken „grundsätzlich sehr schwierig“ fanden, wie Andreas Affolter den Stoßseufzer eines französischen Residenten in Genf von 1723 resümiert (S. 404). Dies galt umso mehr, als Republiken wie die eidgenössischen Orte, Venedig oder die Generalstaaten ihrerseits wenig gemeinsam hatten. Für diejenigen, die mit ihnen Beziehungen pflegten, stellte sich die gleiche Frage wie für den modernen Historiker, nämlich inwieweit Erkenntnisse zu den Beziehungen einer Republik generalisierbar waren bzw. sind. Andreas Affolter, der die Beziehungen zwischen Frankreich und der Eidgenossenschaft im frühen 18. Jahrhundert untersucht, muss diese Frage am Ende weiterhin offenlassen. Ein gewisser Zweifel an einer solchen Generalisierbarkeit klingt dabei bereits an.

Im Zentrum der Berner und Pariser Dissertation steht aber, anders als der Obertitel vielleicht vermuten lässt, ohnehin nicht das allgemeine Verhandeln mit Republiken, sondern es geht eben um die im Untertitel präzisierten konkreten Beziehungen. Affolter grenzt seinen Untersuchungszeitraum dabei zeitlich nicht genau ein, doch fokussiert er sie ein Stück weit auf den französischen Botschafter (Ambassador) Claude-Théophile d’Avaray hin, der von 1716 bis 1726 in der Eidgenossenschaft residierte und dessen 4000 Briefe umfassendes Korrespondenzarchiv die Studie in dieser Form erst ermöglichte. Mit Ausblicken auf die Vor- und Nachgeschichte dieser Gesandtschaft ist es im Kern die Zeit vom späten Ludwig XIV. zum frühen Ludwig XV., einschließlich der Régence, die thematisiert wird. Es war eine Zeit der Übergänge und Veränderungen, so dass das ungewöhnliche Quellenkorpus, das d’Avaray zum Teil gegen den erklärten Willen der Schreiber archiviert hat, trotz des relativ gedrängten Zeitraums auch einen Blick auf unterschiedliche Politikstile in der französischen Regierung erlaubt. Aus dem Korrespondenzarchiv ergibt sich überlieferungsbedingt eine gewisse französische Perspektive, aber die Studie steht mit Quellen aus insgesamt 21 Archiven aus Frankreich, der Schweiz, Österreich, dem Vatikanstaat und Großbritannien auf einer beeindruckend breiten Grundlage.

Affolter untersucht die Beziehungen im Hinblick auf den Aspekt der Souveränität, auf das Netzwerk des Ambassadors, auf die Kanäle der Außenbeziehungen und auf die Bündnisverhandlungen. Die Eidgenossen und der französische König erweisen sich dabei als „ungleiche Souveräne“ (Kapitel 2). Der Krone und ihren Vertretern traten als Akteure vor allem die einzelnen eidgenössischen Orte entgegen, welche von Frankreich nicht in vollem Umfang als Inhaber der – grundsätzlich unstrittigen – Souveränität akzeptiert wurden. Auch die Eidgenossenschaft als Ganzes wurde mit zeremoniellen Abstufungen behandelt und unterließ nach einer entsprechenden Erfahrung 1663 weitere Gesandtschaften nach Paris bzw. Versailles, die einzelnen Orte verzichteten später ebenfalls darauf. Eine zeremonielle Gleichbehandlung erreichte die Eidgenossenschaft, deren Vertreter von der französischen Politik grundsätzlich durchaus umworben und mit Gunstbeweisen überhäuft wurden, bis zum Ende des Ancien Régime nicht. Das hierarchische Zeichensystem frühneuzeitlicher Außenbeziehungen erwies sich hier als beständig. Bemerkenswert ist, in welchem Maße die Eidgenossen es mitunter ignorieren, aber auch unterlaufen konnten, ohne ihre politischen Ziele und ihr Selbstverständnis zu gefährden. Ihre Diplomatie nutzte diverse Kanäle und war eine „ohne Diplomaten“, mithin ein entschiedener „Sonderfall“ der Außenbeziehungen im 18. Jahrhundert (S. 251).

Dem Kampf um das Zeremoniell wiesen die Eidgenossen keine Priorität zu. Bei der Durchsetzung ihrer Souveränität in jurisdiktionellen Fragen waren sie hingegen beharrlich, zum Teil sogar gegen anerkanntes Völkerrecht. Während die Eidgenossen im Innern ihre Souveränität mitunter überbetonten, war die Asymmetrie nach außen durchaus im Interesse vieler Orte, die von den französischen Geldzahlungen und Patronagebeziehungen profitierten. Geld war das wichtigste Mittel der französischen Diplomatie gegenüber den Eidgenossen. Wo dieses Mittel versagte, namentlich gegenüber dem reichen Bern, war es zumindest innerhalb der Eidgenossenschaft möglich, auch eidgenössische Vorstellungen durchzusetzen.

Von konsistenten eidgenössischen Außenbeziehungen konnte keine Rede sein. Die einzelnen Orte hatten unterschiedliche Voraussetzungen und Interessen, aber auch wechselnde Handlungsstrategien. Erkennbar ist eine gewisse konfessionelle Differenzierung, bei der sich die katholischen Orte stärker an Frankreich anlehnten, die reformierten hingegen auf Distanz gingen und insbesondere individuelle Patronagebeziehungen der Bürger zu Frankreich unterbanden. Erkennbar ist zudem, dass die unterschiedlichen Konflikte der Eidgenossen mit Frankreich, die immer auch ein Ausdruck der Asymmetrie waren, ein republikanisches Selbstbewusstsein stärkten.

Der französische Ambassador, der in Solothurn Hof hielt, residierte entsprechend der eidgenössischen Struktur nicht bei der Eidgenossenschaft, sondern musste die französischen Beziehungen zu den Orten und zur Eidgenossenschaft als Ganzes in einer für einen Gesandten ungewöhnlichen Weise aus der Ferne koordinieren. Es ist genau das, wovon d’Avarays Korrespondenzarchiv zeugt. Persönliche Netzwerke, die gezielt in den Dienst der Diplomatie gestellt wurden, waren dabei ein zentraler Faktor der französisch-eidgenössischen Beziehungen.

Affolters Studie zeigt, dass die französisch-eidgenössischen Beziehungen im 18. Jahrhundert noch weit entfernt waren von moderner Diplomatie und bestätigt damit Hillard von Thiessens These der „Diplomatie vom type ancien“.[2] Allerdings waren die eidgenössischen Außenbeziehungen gerade auch nicht typisch für die Diplomatie des 18. Jahrhunderts. Als Gemeinwesen und als außenpolitischer Akteur – bzw. auch Nicht-Akteur – war die Eidgenossenschaft im politischen System ein Sonderfall. Affolters Studie entfaltet ein breites Panoptikum, das jedoch wenig Thesen oder Ansätze zu Verallgemeinerungen bietet. Sie hinterlässt den Leser damit vielleicht ein wenig ratlos. Hier wäre es hilfreich gewesen, den Untersuchungsgegenstand anhand der zahlreichen Literatur zu frühneuzeitlichen Republiken und Republikanismus stärker zu schärfen, oder auch, ihn besser in den jeweiligen historischen Kontext einzubetten. Insgesamt ist der disparate Eindruck allerdings nicht dem Autor geschuldet, sondern dem Gegenstand, der nicht von ungefähr schon 1723 den französischen Residenten in Genf irritiert hat.

Anmerkungen:
[1] Lucien Bély, La Société des Princes, XVIe–XVIIIe siècle, Paris 2000.
[2] Hillard von Thiessen, Diplomatie vom type ancien: Überlegungen zu einem Idealtypus des frühneuzeitlichen Gesandtschaftswesens, in: ders. / Christian Windler (Hrsg.), Akteure der Außenbeziehungen. Netzwerke und Interkulturalität im historischen Wandel, Köln 2010, S. 471–503.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.02.2018
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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