C. Walda: Ilse Häfner-Mode

Titel
Ilse Häfner-Mode, Bilder im Lebens- und Liebesreigen. Jüdisches Museum in Rendsburg 24. Februar bis 26. Mai 2013


Herausgeber
Walda, Christian
Anzahl Seiten
197 S.
Preis
Richard Albrecht, Bonn

Dieser Ausstellungskatalog wiegt mehr als tausend Gramm. Ist so gewichtig wie gut gestaltet. Kann damit auch nicht als Maxi-Büchersendung für 1.65 € in Deutschland postversandt werden.

Der Katalog ist der Begleitband zur Ilse Häfner-Mode Ausstellung im Jüdischen Museum Rendsburg (Schleswig-Holstein, meerumschlungen). Das Haus wurde nach viermonatiger Umbauzeit und Komplettschließung mit dieser Ausstellung Ende Februar 2013 wiedereröffnet. Präsentiert wurden bis Mai 2013 mehr als hundert Werke der Künstlerin, darunter mehr als dreißig, zumeist privater, Leihgaben.

Zur Eröffnung erinnerte Museumsleiter Christian Walda daran, dass sein Haus seit Bestehen des Museums den Auftrag wahrnimmt, Werke von Künstler(inne)n zu zeigen, die in der faschistischen Nazizeit 1933/45 als Juden verfolgt wurden und deren Werke (zu) oft «vergessen» wurden. Dagegen arbeitet das Jüdische Museum zur Rehabilitierung im Sinne kunstgeschichtlicher Erinnerung.

Diesem Anliegen dient auch die aktuelle Wechselausstellung mit Werken von Ilse Häfner-Mode: Ilse Mode (1902–1973) gehörte zu einer, auch gelegentlich «verschollen » genannten, Generation von Künstlern des 20. Jahrhunderts, die in unruhigen Verhältnissen lebten und nachhaltige Erschütterungen erfuhren durch zwei Weltkriege, zahlreiche gesellschaftliche Umbrüche; die aber auch kulturell geprägt wurden durch die künstlerische Aufbruchsstimmung der «goldenen Zwanziger » in der Weimarer Republik (René König, Zur Soziologie der Zwanziger Jahre oder Epilog zu zwei Revolutionen, die niemals stattgefunden haben, und was draus für unsere Gegenwart resultiert [1961]; wieder in ders., Soziologie in Deutschland. Begründer / Verächter / Verfechter, München, Hanser, 1987, 230–257 [und] 466–468; Peter Gay, Weimar Culture. The outsider as insider, London, Secker & Warburg, 1968, xv/205 p.; dt.spr. Ausgabe unter diesem Titel: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit, 1918–1933. Aus dem Amerikanischen Helmut Lindemann. Einleitung Karl Dietrich Bracher, Frankfurt a. M., S. Fischer, 1970, 256 S.).

Ilse wuchs in Berlin auf, studierte dort an der Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg. 1927/32 erste Ausstellungen. 1928 Heirat des Malers Herbert Häfner (zu H. Häfner [1904–1954]: http://vergangenes. kreativpotential.com/Biografie.html). Ab 1933 keine Ausstellungen mehr. Vielmehr Verfolgung durch die Nazi, die auch ihren «jüdisch versippten» Mann 1937 aus der «Reichskammer für Bildende Künste» ausschlossen und ihn bedrängen, sich scheiden zu lassen. Häfner gibt dem nicht nach, wird 1940 zur Wehrmacht eingezogen und dort bald wegen «Wehrunwürdigkeit » entlassen. Ilse Häfner-Mode wird 1938 ihr neunjähriger Sohn Thomas weggenommen. Herbert und Ilse trennen sich, bleiben aber verheiratet. Thomas kommt zu Ilses jüngerem Bruder Heinz Mode, dem späteren Professor für Orientalische Archäologie in Halle (1948–1978), der Thomas ins damals britische Ceylon in Sicherheit bringt (zu Heinz Mode: www.perlentaucher. de/autor/heinz-mode.html).

Während des Zweiten Weltkriegs leben Ilse und Herbert getrennt voneinander in Bösingsfeld/Lippe und in Leopoldshöhe (Ostwestfalen) jeweils unauffällig bei Verwandten. Im September 1944 wird Ilse von der Gestapo festgenommen und ins KZAußen- und Arbeitslager Elben bei Kassel «verbracht». Im Gegensatz zu vielen anderen kann Ilse überleben. Nach Kriegsende wird die Häfner-Ehe im September 1946 «in gegenseitigem Einvernehmen» geschieden. 1948 kommt Thomas zur Mutter zurück und beginnt im Winter 1949/50 an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf zu studieren.

Ab 1950 geht es für Ilse Häfner-Mode künstlerisch wieder aufwärts. Es gibt wieder Ausstellungen in der Schweiz und im Westfälischen Landesmuseum, zuletzt vor allem in Düsseldorf. Dort lebt die Künstlerin, wie ihr Sohn Thomas, seit 1955. Sie arbeitet dort auch als Porträtmalerin für Prominente. Als «ihre» Themen werden «vorzugsweise Menschen in Gruppen und Bewegung, der Karneval, Feste und erotische Aquarelle» genannt. Mitte März 1973 stirbt Ilse Häfner-Mode siebzigjährig. Dies alles und noch viel mehr dokumentiert der Ausstellungskatalog auf den ersten hundertzwanzig Seiten durch knapp siebzig Bilder der Malerin aus gut vierzig Jahren ihrer künstlerischen Arbeit. Diese wird im Zusammenhang von Leben und Werk erinnert von Alexander Pechstein («Ilse Häfner-Mode – Die Freundin meiner Mutter») und kenntnisreich ausgeführt in einem großen Essay von Ditmar Schmetz («Ilse Häfner-Mode – Bilder im Lebensund Liebesreigen») sowie in einer gehaltvollen Marginalie von Christian Walda («Ilse Häfner-Mode – Ein Künstlerkarriere mit Hindernissen»).

Die Ilse Häfner-Mode gewidmete Hauptausstellung wird durch eine zweite – und wenn man so will – Begleitausstellung von Werken Thomas Häfners (1920–1985) ergänzt. Thomas kam mit Hilfe seines damals forschungsreisenden Onkels Heinz Mode (1913–1992) auf der Flucht vor den Nazis als Neunjähriger 1938 nach Ceylon. Und überlebte dort. Es waren dies lange Jahre der Trennung des auf- und heranwachsenden Jungen von der Mutter und Verlust von Heimat zugleich. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland studierte er an der Düsseldorfer Kunstakademie und gehörte zur 1956 gegründeten Düsseldorfer Künstlergruppe der Jungen Realisten, die die abstrakte Gegenstandslosigkeit des damals dominierenden Nachkriegs-mainstream angriff. Thomas Häfner entwickelte in den 1950er und 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Maler selbständige Stilelemente und eine farbige Bildersprache, die auch surrealistische Elemente der Zwischenkriegsperiode einvernahm. Mit «seinen» Themen um Weiblichkeit und Sexualität, Zeit- und Religionskritik, Phantastik und Tod gilt Häfner bis heute als radikaler phantastischer Realist, der in enger Beziehung zur Maler-Mutter stand und doch formal wie inhaltlich wie ihr ästhetischer Widerpart erscheint.

Dem Maler Thomas Häfner, noch lebenden Zeitgenossen der damaligen Düsseldorfer Kunstszene als trinkfest-streitbarer «Tommie» erinnerlich, ist der zweite Teil des Katalogs gewidmet: Wenn ich mich nicht verzählt habe enthält der Band Abbildungen von dreiunddreißig (zum Teil zu stark verkleinerten) Bildern und von neunzehn Objekten sowie zwei Zeichnungen. Ditmar Schmetz, dem Häfners «Bilder und Skulpturen» als «ein Juwel in der Kunst des 20. Jahrhunderts» gelten, gibt eine materialreiche Einführung in Leben und Werk des Künstlers, der über den «kleinen Kreis der Kenner» (Bertolt Brecht) eher unbekannt sein dürfte und auch im Kunstmarkt des gegenwärtigen Ganzdeutschland im untersten Preissegment nistet – im Gegensatz zur anglophonen Welt, in der der Künstler seit Jahren als «phantastischer Realist» netzöffentlich ausgelobt wird und im bekanntesten Netzlexikon inzwischen einen artists-stub-Eintrag erhielt.

Anlaßentspechend geht Schmetz’ gut bebildeter Essay aus von Äußerungen des «anerkannten Malers» Thomas Häfner über seine Mutter, die posthume Ausstellung in Lippstadt (1983) und in Düsseldorf (1995) erfuhr. (Diese Kataloge lagen mir nicht vor.) Geschildert wird dann Häfners eigene künstlerische Entwicklung, unter anderem als Schüler seines Vaters und später als Meisterschüler von Otto Pankok (1893–1966), in Form einer tour d’horizon durch Häfners Werk: «Thomas Häfner, ‹The painter of dreams›, malt seine Bilder aus der Tiefe des Unbewussten wie im Traum. Ohne Vorentwurf fügt er assoziativ die Szenen schöpferisch aneinander und führt sie – auch in ihren Gegensätzlichkeiten – zur Synthesen [...] Die mythologische Welt [...] faszinierte ihn ebenso wie die Erkenntnisse der Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts [...] Thomas Häfner greift gerne auf ikonographische Modelle aus der Geschichte der bildenden Kunst in seinen Bildern zurück [...] Insbesondere im Spätmittelalter häuften sich in der Kunst Darstellungen zu diesem Thema. Die berühmtesten Bearbeitungen sind das Triptychon von Hieronymus Bosch und der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald um 1500 [...] In einem ersten Bild aus dem Jahre 1956 malte Häfner hauptsächlich die Versuchungen durch Lebensfreuden, die der Satan dem asketisch lebenden Antonius vorspiegelt. Es sind z. B. sexuelle Freuden und Reichtum, dörfliche Feste, Familienglück. In überwiegend surrealistischer Darstellung sind in diesem Bild die sexuellen Freuden Mittelpunkt. Die gemalten Schmetterlinge stehen in der Mythologie für Psyche und Amor.»

die (größer reproduzierten) Ölbilder Zeitreise einer alten Dame (1975) und das (leider zu klein reproduzierte) Spätbild Clown, Frau und Tod (1981) als Bestandteile eines «einzigartigen Werks». Exkursen zum «zeichnerischen und druckgraphischen Werk» Häfners folgen Erinnerungen an das 1975 in der Altstadt, Kapuzinergasse 20, von Mouche und Thomas Häfner eröffnete «Schmuck- und Kleinantiquitätengeschäft » Sphinx, das «finanziellen Gewinn brachte: Häfner malte nur noch einige wenige Bilder. Er fand in der Herstellung von Schmuck ein weiteres künstlerisches Betätigungsfeld. Seine in Silber gegossenen Schmuckstücke sind von hoher künstlerischer Qualität.» Schmetz’ Essay, dem achtundzwanzig größere Farbrepros angehängt sind, endet mit dieser Generaleinschätzung des Künstlers Thomas Häfner, der am 30. Januar 1985 in seinem Düsseldorfer Atelier suizidal endete: «Thomas Häfner ist mit seinen Bildern und Skulpturen ein Juwel in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst in ihrer gestalterischen Kraft und in ihrer existenziellen Aussage bleibt aktuell und bedeutsam für das Leben der Menschen auch in der gegenwärtigen und in der zukünftigen Zeit.»

Soweit wichtige Hinweise des Kunstkenners. Dem soll hier nicht widersprochen werden. Als Kunstfreund erkenne ich auch in den Abbildungen zum Werk Thomas Häfners Stetigkeit und Entwicklung zugleich. Diese widersprüchliche Einheit verdeutlichen beispielsweise das frühe Aquarell des jungen Kunststudenten Elefant im Zauberwald und das reife Ölbild des Künstlers Menschen in der Stadt. Beide Bilder lassen sich, wie die genannten Ölbilder Zeitreise einer alten Dame (1975) und Clown, Frau und Tod (1981) auch als farbige Anspielungen, Verwirrund Versteckspiele mit so eigenem wie selbstbewussten Duktus lesen. Und nicht selten versteckt sich ein keck einmontierter Maler(kopf) ganz klein irgendwo inmitten farbenfroh gemalter phantastischer Märchenwelten mit ihren Fabelwesen ...

Zitierweise:
Richard Albrecht: Rezension zu: Ilse Häfner-Mode. Bilder im Lebens- und Liebesreigen. Jüdisches Museum in Rendsburg 24. Februar bis 26. Mai 2013, hg. Christian Walda, Schleswig, Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, 2013. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, Vol. 107, 2013, S. 456-458.

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