B. Dietschy u.a. (Hrsg.): Bloch-Wörterbuch

Cover
Titel
Bloch-Wörterbuch. Leitbegriffe der Philosophie Ernst Blochs


Herausgeber
Dietschy, Beat; Doris, Zeilinger; Rainer, Zimmermann
Erschienen
Berlin 2012: de Gruyter
Anzahl Seiten
744 S.
Preis
Richard Albrecht, Bonn

Im Bloch-Wörterbuch (folgend BW) schreibt, was in der deutschsprachigen Blochszene von linksakademisch bis zu linksorthodox Rang und Namen hat über Ernst Bloch (1885–1977), den deutschen «Philosophen der Oktoberrevolution» (Oskar Negt): einträchtig beieinander Beiträge von Martin Blumentritt, Wolfgang Fritz Haug, Hans Heinz Holz†, Gerd Koch, Peter Thompson, Francesca Vidal, Doris Zeilinger, Peter Zudeick.

Der Ende 2012 erschienene Band ist mit seinen etwa 770 Seiten voluminös und mit seinen 1.227 Gramm gewichtig. Er enthält insgesamt 46 teils ausgreifende, alphabetisch sortierte Texte von 22 Autor(inn)en unter anderem zu den (Schlüssel-) Wörtern Ästhetik, Dialektik, Ethik, Heimat, Latenz, Marxismus, Natur, Natursubjekt, Spekulativer Materialismus, Subjekt – Objekt, Ungleichzeitigkeit – Gleichzeitigkeit – Übergleichzeitigkeit (von Mitherausgeber Beat Dietschy verfasst und mit 44 Seiten der längste BW-Text), Utopie. Dieses Dutzend wird ergänzt durch 34 weitere Texte, von denen die Beiträge zu Front und Grund (jeweils drei Druckseiten), Logos-Logikon, Spuren und Zeit (jeweils um fünf Druckseiten) die kürzesten sind.

Das BW soll als «Zielgruppe», so die drei Editoren im Vorwort, «PhilosophInnen und FachwissenschaftlerInnen nicht nur geisteswissenschaftlicher Disziplinen, sondern auch interessierte NaturwissenschaftlerInnen» ansprechen. Anspruch des BW ist es, «die konstitutiven Grundbegriffe der bloch’schen Philosophie aus gegenwärtiger Perspektive in Sicht zu nehmen und sie einer systematischen Explikation zuzuführen.» Damit ist, auch sprachlich im schlechtesten Akademismus ausgedrückt, der BW-Rahmen abgesteckt. Es geht um systematische Kanonisierung des bildhaften «wilden» Denkens und Denkers Bloch als fresh-blood-Zufuhr zum auch nicht erst seit vorgestern erschöpften spätbürgerlichen Wissenschaftsbetrieb.

Bei allem wichtigen im BW aufgespeichertem Wissen und dem anzuerkennenden Engagement verschiedener Beiträger fehlen doch oft weiterführende Bezüge und Beziehungen, etwa zum historischen Expressionismus und zur Dada-Bewegung, deren Sprache Blochs Geist der Utopie (1918) ausdrückt. Systematisch gesehen verweist Blochs Geist der Utopie-Buch auch auf im BW fehlende Beiträge zu Expressionismus, Propaganda, Sprache und Rhetorik; wobei weiter auf politikhistorisch und ideologiepolitisch interessierende Bloch-Texte von Mitte der 1920er bis Mitte der 1940er Jahre verwiesen werden könnte, anstatt weiterer etwa Hitlers Gewalt (1924), Spuren (1930), Erbschaft dieser Zeit (1935), Sokrates und die Propaganda (1936), Kritik der Propaganda (1937), Originalgeschichte des Dritten Reiches (1937), Expressionismus (1938), Zerstörte Sprache – Zerstörte Kultur (1939) und schließlich Freiheit und Ordnung. Abriss der Sozial-Utopien (1947).

Im Personenindex findet sich viel Selbstdarstellung (akademisch Autoreferentielles genannt): Von den eingangs gelisteten Autoren verweisen drei (Holz, Zeilinger, Zudeick) zusammen sechzehn Mal auf sich. Die Namen plebejischer Intellektueller wie Gerhard Zwerenz und Richard Albrecht hingegen finden sich ebenso wenig wie ein Hinweis auf Blochs philosophischen Fachgenossen im USamerikanischen Exil, Gotthard Günter ... personae non gratae?

Der Philosoph und Begründer einer multiplen Logik, Gotthard Günther (1900– 1984), erinnerte noch Mitte der 1970er Jahre Blochs Geist der Utopie aus seinen Studienjahren und Bloch als jemanden, dem «die exakte Logik» nichts bedeutete. Günther lernte Bloch im US-amerikanischen Exil «ganz im Abseits in Cambridge (Mass.)» näher kennen, schätzte und bewunderte Bloch wegen dessen Charakterstärke. Diese hätte auch verhindert, dass Bloch je in einer US-«amerikanischen akademischen Institution heimisch» wurde (Selbstdarstellung im Spiegel Amerikas; in: Philosophie in Selbstdarstellungen II, Hamburg 1975, 1–77).

Was mich betrifft: ich bin’s als unabhängiger und staatsferner «Sozialwissenschaftsjournalist » (Lars Clausen) seit der Veröffentlichung von Exil-Forschung. Studien zur deutschsprachigen Emigration nach 1933 (1988) nicht nur im Bereich der Bloch-Forschung gewohnt, seit Jahrzehnten in gewissen Feldern und von bestimmten Leuten nachhaltig beschwiegen zu werden: Das gilt für das auf Möglichkeitssinn (Robert Musil) gerichtete Denken geschulte subjektwissenschaftliche Forschungskonzept The Utopian Paradigm (1991) wie für mit «Exil als Lebensform» zusammenhängende Studien («Zerstörte Sprache – Zerstörte Kultur»: Ernst Blochs Exil-Vortrag vor siebzig Jahren: Geschichtliches und Aktuelles; in: Bloch- Jahrbuch, 13 [2009], 223–240) und für die Kurzdokumentation zur «Entschädigung» bzw. «Wiedergutmachung» erfahrenen faschistischen und Nazi-Unrechts durch (altbundesdeutsche) Behörden (Die Entschädigungsakte Bloch: Kurzmemorial zum 35. Todestag; in: soziologie heute, 5 [2012], 24, 34–35). Und was die im BW fehlenden Beiträge über Sprache, Rhetorik, Propaganda und Expressionismus betrifft, so wurde bei mir nicht mal angefragt, ob deren Erarbeitung möglich wäre.

Diese wissenschaftsfremde BW-Praxis wird noch überboten durch die wie’s scheint strategische Ignoranz des inzwischen hochbetagten, freilich immer noch publizistisch regen Berufsautors Gerhard Zwerenz, der seit seiner Zeit als Student bei Bloch in Leipzig (Aristotelische und Brechtsche Dramatik [1956]; wieder in ders., Politische Schriften, Frankfurt a. M. 1975, 10–87) über Bloch veröffentlicht/e. Und der in den letzten Jahren auch in seiner inzwischen abgeschlossen zweiteiligen sächsischen Autobiographie im Leipziger poetenladen an Bloch als Marxisten, der den «alten Menschheitstraum» von Freien und Gleichen «philosophisch subtilisiert zu einer allgemeinen Theorie der Gesellschaft, einer visionären Utopie» (René König) so engagiert wie kundig erinnerte. Auch Zwerenz’ Bloch-Veröffentlichungen sind im «Literaturverzeichnis » nicht aufgeführt. Dass Zwerenz’ Arbeiten über Bloch wie das (gemeinsam mit Ingrid Zwerenz) publizierte Buch und deren politikgeschichtliche Bloch-Thesen (Sklavensprache und Revolte. Der Bloch- Kreis und seine Feinde in Ost und West, Hamburg/Berlin 2004; 12 Bloch-Thesen in: Ossietzky 13/2003: www.sopos.org/aufsaetze/ 3f6b695b432f9/1.phtml) so nachhaltig ignoriert werden konnten und, wie im BW, empirisch erweislich auch wurden – das hatte ich bisher nicht für möglich gehalten. Die publizistische BW-Praxis hat mich eines Schlechteren belehrt.

Ein weiteres Defizit dieses BW liegt zwischen den Einträgen Realisierung des Realisierenden und Revolution – ein Eintrag Religion fehlt. Wohl gibt es einen «mittleren» zum Atheismus Blochs, dessen atheistischer Bibellektüre und ihrer Rezeption und Kritik von Heiko Hartmann, nicht aber zu Blochs Religionsphilosophie selbst; was sowohl angesichts des Prinzip Hoffnung (1959; dritter Band) als auch von Atheismus im Christentum (1964) mit der paradoxen Parallelisierung von Atheist und gutem Christ verwundern mag.

Auch das trägt zur kritischen Bewertung des de Gruyter’schen BW bei. Es ist als sollte nun, nach dem Hannah Arendt-Handbuch (2011), im deutschsprachigen Raum auch der Subjektmarximus Blochs in besonderer Weise so zugerichtet werden, dass nach der im BW erfolgten breiten Kanonisierung nächst auch seine Musealisierung folgen kann – ein «unerhörter Vorgang» (Bertolt Brecht), der Ernst Bloch auf unterwertigen Staatskneteblochismus herunterbringt.

Zitierweise:
Richard Albrecht: Rezension zu: Bloch-Wörterbuch. Leitbegriffe der Philosophie Ernst Blochs, hg. Beat Dietschy/ Doris Zeilinger/Rainer Zimmermann, Berlin, de Gruyter, 2012. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, Vol. 107, 2013, S. 454-456.

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