S. Salzborn: Staatstheorie und Staatskritik bei Friedrich Engels

Cover
Titel
«...ins Museum der Altertümer». Staatstheorie und Staatskritik bei Friedrich Engels


Herausgeber
Salzborn, Samuel
Reihe
Staatsverständnisse 47
Erschienen
Baden-Baden 2012: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
198 S.
Preis
Richard Albrecht, Bonn

«Friedrich Engels ist wieder aktuell. Angesichts der globalen Wirtschafts- und Finanzkrisen der letzten Jahre werden die Analysen von Karl Marx und Friedrich Engels wieder öffentlich diskutiert, erleben eines ihrer vielen Revivals in der Geschichte. Es scheint fast so, als würde jede Generation Marx und Engels wieder neu für sich entdecken und ihre Interpretationen mit Blick auf die jeweils gegenwärtigen Transformationen der bürgerlichen Gesellschaft und der kapitalistischen Ökonomie neu reflektieren. Der Band macht sich stark für eine Lesart von Engels, die dessen theoretisch-konzeptionelles Eigengewicht würdigt und es zwar im Marxschen Kontext liest, aber betont, dass gerade mit Blick auf das Thema Staatstheorie und Staatskritik die ‹marxistische› Theorie eigentlich eine ‹engelsche› ist.» Soweit der Klappentext mit seiner scheinbar so eingängigen «Würdigung» von Friedrich Engels (1820–1895). Die hier «theoretisch-konzeptionelles Eigengewicht» genannt wird. Jede «Würdigung» dieses «Eigengewichts» setzt aber unumstößlich etwas voraus: Wissen, was das ist. Der Band enthält neun Beiträge: Fünf im ersten Teil Staatsanalyse und Staatskritik. Vier im zweiten Kontexte und Kontextualisierungen. Beiträger sind mehr oder weniger bekannte, geschichtlich orientierte Sozial- und Politikwissenschaftler.

Der Text zur «Rolle der Gewalt» des HUB-Promipolitologen Herfried Münkler erschien bereits 2002. Die anderen acht Aufsätze sind Originalbeiträge. Buch- und Reihenherausgeber Samuel Salzborn und Rüdiger Voigt schreiben über den «materialistischen Anspruch» in der Engels’schen «Staatstheorie» und über Engels als theoretischen «Kritiker des preußischen Militärsweses» (soziologisch als «Kulturkomplex» beschrieben von Emilio Willems, Der preußisch-deutsche Militarismus. Ein Kulturkomplex im Wandel, Einleitung René König, Köln, Wissenshaft & Politik, 1984, 208 S.). Um «die Spannung zwischen Gleichheit und Autorität bei Engels» geht es Frauke Höntzsch. Ausgreifend und gediegen recherchiert stellt Renate Merkel-Melis die «Staatstheorie im Spätwerk von Friedrich Engels» dar.

Diese spezialistischen Sichten werden auch in den vier Restbeiträgen zur Engels’schen Staatskritik und -theorie nicht aufgehoben: Im zweiten Teil schreiben die hessischen Politologen und emeritierten Professoren Georg Fülberth und Eike Hennig. Sie veranschaulichen beredt, dass schlechter Akademismus nicht dadurch besser und schon gar nicht gut wird, wenn er von links kommt. Den Band beschließen die Rezeptionsskizzen von Ingo Elbe zur Staatstheorie im 20. Jahrhundert und von Hans-Christian Petersen zum vorrevolutionären «russischen Marxismus».

Es ist weder Zufall noch bloßer error. Sondern systemischer bias und Folge dieses (wie sowas früher 68er-Kritiker nannten) fachidiotischen Herangehens an die in seiner Zeit revolutionäre Wissenschaftlerpersönlichkeit Engels, dass der real-existiert habende Engels weder als homme des lettres noch als bonvivan (vide Friedrich Engels, Von Paris nach Bern [1848]; in: Marx-Engels-Werke, Bd. 3 [= MEW 3], Berlin, Dietz, 1959, 463–480, besonders III. Burgund: 475–480) zur Kenntnis genommen wird: nun gut. Dass Engels als exzellenter Publizist, Pamphletist und Polemiker (oft auf wissenschaftlicher Grundlage, vide Friedrich Engels, In Sachen Brentano contra Marx wegen angeblicher Zitatsfälschung. Geschichtserzählung und Dokumente [1891]; in: MEW 22, Berlin 1963, 93–185) ausgeblendet wird: weniger gut. Aber dass Engels nicht einmal aspekthaft als «German Socialist philosopher» (Encyclopædia Britannica) «gewürdigt» wird – das ist schlechter als schlecht. Damit ist jedes tiefere Verständnis des und jeder angemessene Zugang zum Intellektuellen Friedrich Engels als empirischer Sozialforscher, Ideologiekritiker und Dialektiker (auch der Natur) auf der philosophischen Spur dessen, «was die Welt im Innersten zusammenhält» (Johann Wolfgang Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil [1808], 382/383), verstellt: Staat, Gewalt und Militär waren sicherlich wichtige Felder der Interessen und Intellektualität von Engels. Aber Engels Intellektualität und Interessen sind viel, viel mehr als Militär, Gewalt und Staat.

Um hier nur anstatt weiterer einige Arbeiten und Studien von Engels zu nennen: Ausgeblendet wurden das mit Ludwig Feuerbach verbundene «Erbe» der klassischen deutschen Philosophie (1886/88). Unbeachtet blieb ein besonderer, mit Handarbeit verbundener, Aspekt der «Menschwerdung des Affen» (1876). Draußen vor blieben auch die erst posthum (1925) unter dem Titel Dialektik der Natur veröffentlichten Textfragmente. Und exkludiert wurde schließlich auch der Anti-Dühring (1877). Dies sind wichtige Engelstexte, die heuer weniger bekannt und schon gar nicht anerkannt sind – im Gegensatz etwa zum «frühen» Engels, dessen kulturwissenschaftliche Grundlagenstudie zur empirischen Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen 1845 in Buchform veröffentlicht wurde.

Insofern bleibt mir unverständlich, was im heutigen wissenschaftlichen Ganzdeutschland abgeht: namhafte Sozial- und Politikwissenschaftler veröffentlichen ein Buch über Friedrich Engels, ohne sich auf die seit 2009 vorliegende ‹große› Engelsbiographie von Tristam Hunt rückzubeziehen (vide Tristam Hunt, The Frock-Coated Communist: The Revolutionary Life of Friedrich Engels [Der Kommunist im Gehrock. Das revolutionäre Leben von Friedrich Engels], London, Allen Lane, 2009, 442 p.; die US-Ausgabe erschien unter dem Haupttitel: Marx’s General, New York, Metropolitan Books, 2009, xii/430 p.; dt. Ausgabe udT. Friedrich Engels. Der Mann, der den Marxismus erfand. Aus dem Englischen von Klaus-D. Schmidt, Berlin, Propyläen/Ullstein Buchverlage, 2012, gebunden, 576 p. [sowie unpaginiertem Bildteil, schwarz-weiß, 16 p.]; vgl. Richard Albrecht, Schau nach bei Engels … Tristam Hunts Friedrich-Engels-Biographie, in: Aufklärung und Kritik, 19 [2012], 4, 262–267), genauer: Allein Merkel-Melis, freie Mitarbeiterin der MEGA-Arbeitsstelle an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, zitiert eine Einzelheit aus der Originalausgabe im hier rezensierten Buch über Engel).

Nur folgerichtig, dass herauskam, was Friedrich Engels sarkastisch «eklektische Bettelsuppe» nannte.

Zitierweise:
Richard Albrecht: Rezension zu: «...ins Museum der Altertümer». Staatstheorie und Staatskritik bei Friedrich Engels, hg. Samuel Salzborn, Baden-Baden, Nomos, 2012. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, Vol. 107, 2013, S. 449-451.

Redaktion
Beiträger
Zuerst veröffentlicht in
Weitere Informationen
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit