R. Dubach: Verhütungspolitik

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Titel
Verhütungspolitik. Sterilisationen im Spannungsfeld von Psychiatrie, Gesellschaft und individuellen Interessen in Zürich (1890–1970)


Autor(en)
Dubach, Roswitha
Erschienen
Zürich 2013: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
351 S.
Preis
Martina Akermann

In den letzten Jahren geriet die Eugenik vermehrt in den Fokus der Schweizer Forschungslandschaft. An Universitäten und in historischen Publikationen erfreute sich die Thematik grosser Beliebtheit, der Kanton Zürich veranlasste eine Studie und das breit angelegte Nationale Forschungsprogramm NFP 51 «Integration und Ausschluss» ergründete den Einfluss der Eugenik auf Psychiatrie, Medizin und Soziale Arbeit. Nun erschien mit Roswitha Dubachs «Verhütungspolitik » eine ebenfalls im Rahmen des NFP 51 entstandene Dissertation, welche das Zusammenspiel von Diskurs und Praxis der Zürcher Psychiatrie anhand der psychiatrischen Universitätspoliklinik Zürich (hier kurz: psychiatrischen Poliklinik) über die Zeitspanne von ihrer Entstehung bis in die 1970er Jahre genauer beleuchtet und dabei Erstaunliches zutage fördert.

Bisher wurde in der Erforschung der zürcherischen Psychiatrie und deren Haltung und Praxis bezüglich Sterilisationen das Augenmerk hauptsächlich auf das Burghölzli, die psychiatrische Universitätsklinik in Zürich, und ihre Direktoren August Forel und Eugen Bleuler gelegt. Die von der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich in Auftrag gegebene und 2007 erschienene Studie «Zwangsmassnahmen in der Zürcher Psychiatrie, 1870–1970» von Brigitta Bernet, Gisela Hürlimann und Marietta Meier kam hingegen zum Schluss, dass ein Grossteil der psychiatrischen Sterilisationsgutachten hauptsächlich an der psychiatrischen Poliklinik erstellt worden waren, ein bedeutender Quellenfundus, der bislang keine Beachtung gefunden hatte und nun in Dubachs Untersuchung erstmals ausgewertet wird. Die Autorin stellt diesen Quellenfundus in Bezug zu den Kranken- und Verwaltungsakten des Burghölzli und wertet zudem gedruckte Quellen aus diesem Umfeld umfassend aus.

Roswitha Dubach löst dabei die Sterilisationsthematik aus dem rein eugenischen Fokus heraus und stellt sie in den Kontext von bevölkerungspolitischen und sozialmedizinischen Bemühungen wie Geburtenregelung und Abtreibungspolitik. Die Untersuchung über den Einfluss eugenischer Motive auf die Sterilisation wird dabei nicht vernachlässigt. Weiter interessiert sie, wie weit die Praxis von Zwang geprägt war und wie die Geschlechterbias (es wurden grossmehrheitlich Frauen sterilisiert) zu erklären ist. Michel Foucaults Diskursbegriff sowie der akteurbezogene Ansatz in Anlehnung an die Historische Anthropologie und die

Mikrogeschichte sollen dazu beitragen, «die komplexen Handlungskonstellationen und Motivgeflechte in der Sterilisationspraxis aufzuzeigen» (S. 32) und die Interaktion zwischen diesen beiden Elementen deutlich zu machen. Darüber hinaus wird Foucaults Gouvernementalitätskonzept fruchtbar eingesetzt, um die komplexen Fremd- und Selbstlenkungspraktiken aller Akteure und Akteurinnen offen zu legen und damit die vielfältigen Zwangsmomente in der Sterilisationspraxis zu erfassen. Den Untersuchungszeitraum unterteilt Dubach in drei Phasen – 1890 bis Anfang der 1920er Jahre (Ausdifferenzierung der Sterilisationsindikationen und der Aufstieg der eugenischen Indikation), 1920er Jahre bis 1941 (Ausweitung und «Sozialisierung» der Sterilisationspraxis) und 1942 bis Ende 1960er Jahre (Individualisierung der Sterilisationspraxis) – und analysiert dabei die jeweiligen Sterilisationsdiskurse sowie institutionelle, politische, rechtliche, soziokulturelle und situative Rahmenbedingungen und schliesslich die Praxis in beiden Institutionen.

Ähnlich wie die Studie über die Basler Psychiatrische Klinik und psychiatrische Poliklinik von Regina Wecker, Sabine Braunschweig, Gabriela Imboden und Hans Jakob Ritter (Eugenik und Sexualität, 2013) vermag Dubachs Auswertung des bisher unbeachteten Quellenmaterials der zürcherischen psychiatrischen Poliklinik wie auch des Burghölzli aufzuzeigen, wie die Sterilisationsthematik, Diskurs wie Praxis, spätestens ab den 1920er Jahren zunehmend marginal eugenisch motiviert war. Vielmehr dominierten seither vor allem Argumente um Abtreibung und Geburtenregelung. Die grosse Mehrheit der untersuchten Sterilisationen bezog sich auf Frauen, die meist aus sozialen und finanziellen Gründen um Abtreibung und die anschliessende Sterilisation ersuchten. Die Gutachter schätzten diese Frauen mehrheitlich als psychisch gesund ein, wodurch sie weniger in das eugenische Blickfeld gerieten. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Psychiater die Sterilisation häufig den abtreibungswilligen Frauen aufdrängten, beziehungsweise sie zur Bedingung machten und dadurch ein deutliches Zwangselement festzuhalten ist. Dieses Zwangselement löste sich im Laufe des Untersuchungszeitraums zunehmend auf, auch das Geschlechterverhältnis pendelte sich ab den 1950er Jahren von ursprünglich 1:10 auf 1:5 ein.

Roswitha Dubach legte ihre Studie ehrgeizig an und bestimmte eine schier unüberschaubare Zahl von Quellen. Das ehrgeizige Ziel vermag sie zu erreichen: Akribisch wertet sie diesen Fundus aus, verknüpft die Ergebnisse gewinnbringend mit den theoretischen Ansätzen und vermittelt die Ergebnisse in dichter, doch lesefreundlicher Sprache. Einen ergiebigen und für die Zürcher Sterilisationspraxis äusserst relevanten Quellenkorpus, der bisher in der Forschung noch nicht berücksichtigt worden war, hat die Autorin zudem erstmals umfassend analysiert und damit neue Zugänge zur Sterilisationsthematik geschaffen. Die Zürcher Sterilisationspraxis erscheint neu als eine komplexe, nicht nur rein eugenisch motivierte, sondern zunehmend im Kontext von Geburtenkontrolle und Bevölkerungspolitik fussende Praxis.

Zitierweise:
Martina Akermann: Rezension zu: Roswitha Dubach, Verhütungspolitik. Sterilisationen im Spannungsfeld von Psychiatrie, Gesellschaft und individuellen Interessen in Zürich (1890–1970), Zürich: Chronos Verlag, 2013. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 64 Nr. 3, 2014, S. 513-514.

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Beiträger
Zuerst veröffentlicht in

Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 64 Nr. 3, 2014, S. 513-514.

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