U. Altermatt: Katholizismus und Antisemitismus

Titel
Katholizismus und Antisemitismus. Mentalitäten, Kontinuitäten, Ambivalenzen. Zur Kulturgeschichte der Schweiz 1918-1945


Herausgeber
Altermatt, Urs
Erschienen
Frauenfeld 1999: Huber Verlag
Anzahl Seiten
414 S.
Preis
€ 38,90
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von
Armin Owzar, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Das Thema hat Konjunktur, nicht nur hinter vatikanischen Kathedern, sondern auch in der 'profanen' Historiographie. Mehr als zwei Jahre nach Olaf Blaschkes wegweisender Studie über Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich [1] hat nun der Schweizer Historiker Urs Altermatt eine Arbeit vorgelegt, die zur Enttabuisierung und Aufarbeitung des Antisemitismus Schweizer Katholiken beitragen möchte. Die Relevanz einer solchen Zielsetzung liegt auf der Hand: nicht nur für die von der Nazi-Gold-Affäre gebeutelte Schweiz, deren nationaler Konsens mit jeder weiteren Enthüllung aufzubrechen droht [2], sondern auch für die christlichen Glaubensgemeinschaften, die lieber als Opfer und Widerstehende denn als Kollaborateure angesehen werden möchten.

Von nationalen oder konfessionellen Rücksichten läßt Altermatt sich nicht beirren. Exemplarisch stellt er die Frage nach den Ursachen für die "passive Zuschauerrolle der Europäer" (23), ihrer Regierungen und Kirchen: Warum schwieg die Mehrzahl der Schweizer Katholiken zu den Judenverfolgungen? Warum versagten sie den Opfern die notwendige Hilfe? Welche Rolle spielten dabei Antijudaismus und Antisemitismus? Bei der Beantwortung dieser Fragen läßt er sich von der Hypothese leiten, daß es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen katholischen Antisemitismus gegeben habe, der "in erster Linie auf der Tradition des christlichen Antijudaismus" gegründet habe (26f.). Damit errichtet Altermatt eine "Kontinuitätsbrücke" zwischen beiden Formen der Judenfeindschaft. Altermatt zufolge "lebte der christliche Antijudaismus in neuem Kleid weiter". Zwischen diesem und dem modernen Rassen-Antisemitismus bestanden "enge Verbindungen", jedoch keine Identität. Insofern dieser Wurzeln besaß, "die eindeutig nicht aus der christlichen Lehre stammten und mit den Grundsätzen des christlichen Glaubens letztlich unvereinbar waren", stellte er also "nicht einfach eine geradlinige Fortsetzung dar" (53f.).

Wer die spezifisch katholische Judenfeindschaft analysieren will, der muß deren Elemente, Formen und Funktionen bestimmen. Mit Hilfe eines mentalitäten- und kulturgeschichtlichen Ansatzes versucht Altermatt sich deshalb an einer "Anatomie des katholischen Antisemitismus" (24), um so die Brücke zwischen alltäglichem Denken und politisch relevantem Verhalten zu schlagen. Angesichts des Quellenmaterials kann er das freilich nur bedingt für sich beanspruchen: der aus Broschüren, Gebetbüchern, Lexika oder Periodika rekonstruierte Diskurs erlaubt lediglich vorsichtige Rückschlüsse auf die Mentalitäten und das Verhalten der Durchschnittsbevölkerung - ein Grundproblem diskursanalytisch arbeitender Historiker, dem Altermatt durch eine vielseitige Beleuchtung des Themas zu begegnen versucht. So überprüft er "Die langen Schatten des christlichen Antijudaismus" (Kapitel III) am Beispiel der Karfreitagsliturgie, der Passionsspiele und der katholischen Volksbräuche. Die hierin immer wieder vorgenommene Stigmatisierung der Juden als Christusmörder mußte um so nachhaltiger auf gläubige Katholiken wirken, als alle drei untersuchten Felder einer über Jahrhunderte kontinuierlichen Indoktrination ausgesetzt waren und zugleich die Sinnenwelt besonders intensiv ansprachen.

Im Anschluß daran ordnet er die zum Teil miteinander konkurrierenden, zum Teil miteinander kompatiblen Ideologien in ein Koordinatensystem des katholischen Antisemitismus ein (Kapitel IV). Wie Blaschke unterscheidet er zwischen erlaubtem und verbotenem, christlichem und unchristlichem Antisemitismus, wodurch die ehemals von Historikern bemühte trennscharfe Abgrenzung von religiös motiviertem Antijudaismus und modernem Antisemitismus erneut verwischt wird. So lehnten die Katholiken zwar den modernen Rassen-Antisemitismus, nicht zuletzt aus religiösen Gründen, mehrheitlich ab. Einen sozial, politisch und kulturell argumentierenden Antisemitismus aber pflegten auch sie. Das religiöse Fundament des katholischen Antijudaimus erweiterten sie um judenfeindliche Stereotype, die nicht dem traditionellen Vorrat entstammten. Immer wieder identifizierten sie das Judentum mit den verhaßten 'Ismen', dem Sozialismus, dem Kapitalismus, dem Liberalismus, dem Materialismus, dem Atheismus; immer wieder liefen sie Sturm gegen den jüdischen Einfluß auf die Gesellschaft, auf Presse, Literatur und Theater; immer wieder erhoben sie Protest gegen von Juden geführte Banken, Warenhäuser, Tageszeitungen. Insofern bildete der katholische Antisemitismus vor allem eine "Ersatzideologie für die Kritik an der modernen Gesellschaft" (99). Altermatt wörtlich: "Den katholischen Judenfeinden diente der Antisemitismus als Allerweltsargument, um die Krisenerscheinungen der modernen Gesellschaft mit einem konkreten, allgemein verständlichen Feindbild zu deuten und in einem chaotischen Durcheinander von Ressentiments gegen Judentum und Moderne auszudrücken" (130).

Altermatt führt für seine Thesen zahlreiche Beispiele an, die überzeugen. Was indes überrascht: in diesem Kapitel, das er selbst als "Herzstück des Buches" bezeichnet (27), da es den Schlüssel für die Interpretation des katholischen Antisemitismus enthalte, erwähnt er Blaschke, der diesen Deutungsrahmen in die Diskussion eingebracht hat, in diesem Zusammenhang nur beiläufig. Darüber ist es, unmittelbar nach Erscheinen des Buches, zu einem erbitterten Streit gekommen, der weite Kreise zu ziehen beginnt. Schon hat Blaschkes Doktorvater Hans-Ulrich Wehler diesen Vorfall zum Anlaß genommen, die Einsetzung einer nach amerikanischem Vorbild arbeitenden Ethik-Kommission zu fordern. Mutmaßliche Plagiats-Fälle sollen so vor der Öffentlichkeit verhandelt und symbolisch geahndet werden.[3] Nun hat Altermatt ein anderes Buch als Blaschke geschrieben: über ein anderes Land, eine andere Zeit. Doch das sollte ihn nicht daran hindern, die Bedeutung von Blaschkes Studie angemessen zu würdigen und in der zu erwartenden zweiten Auflage den 'Entdecker' des Koordinatensystems beim Namen zu nennen. Fatal wäre es, durch die Nichtbeilegung solcher Zwistigkeiten von der gemeinsam vertretenen These abzulenken. Daß Altermatt durchaus bereit ist, auch mit scharfer Kritik produktiv umzugehen, hat er übrigens durch das Schreiben gerade dieses Buches bewiesen. So war der Freiburger Historiker vom Bundesrat angefragt worden, für die Präsidentschaft über die Unabhängige Expertenkommission "Schweiz - Zweiter Weltkrieg" zu kandidieren. Im Verlauf einer überhitzten Debatte über seine Versäumnisse bei der Aufarbeitung des katholischen Antisemitismus sowie auf politischen Gegendruck hin zog Altermatt damals seine Kandidatur zurück und machte sich daran, das Desiderat zu beheben.[4]

Und das ist ihm gelungen. Im fünften Kapitel beschreibt Altermatt die Ausprägungen des katholischen Antisemitismus in der veröffentlichten Meinung. Dabei konstatiert er innerhalb des grundsätzlich Gültigkeit bewahrenden Koordinatensystems einen eigentümlichen Paradigmenwechsel. Vom Kriegsende bis zu Hitlers Machtergreifung habe sich der Antisemitismus vor allem in Form antikapitalistischer, antisozialistischer oder antizionistischer Verschwörungstheorien manifestiert. In den dreißiger Jahren sei an deren Stelle ein Überfremdungstopos getreten, womit eine Verschweizerung des katholischen Antisemitismus einhergegangen sei. Die Aversion gegenüber den Juden, insbesondere den Ostjuden, fügte sich ein in die allgemeine Ideologie der geistigen Landesverteidigung. Vor ausländischen Juden galt es sich jetzt ebenso zu schützen wie vor Kommunisten oder Faschisten. Im Zuge der Flüchtlingsströme mußte sich eine solche Ideologie auf die Einwanderungspolitik auswirken. So überrascht es kaum mehr, daß die Schweiz mindestens 30 000 um Asyl nachsuchenden Juden die Einreise verweigerte. Altermatt zeichnet dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte nach am Beispiel der Schlüsseljahre während der Judenverfolgung (Kapitel VI). Dabei gelangt er zu einem (scheinbar) paradoxen Ergebnis: wohl kritisierte die Mehrheit der katholischen Schweizer die nationalsozialistische Judenpolitik; gleichzeitig aber unterstützte sie "die offizielle restriktive Flüchtlingspolitik der Behörden" (205f.) - eine Doppelstrategie, die in der verhängnisvollen Unterscheidung von 'gutem' und 'schlechtem' Antisemitismus gründete. Erst im vorletzten Kriegsjahr gaben viele Katholiken diese 'neutrale' Haltung auf und protestierten gegen die Deportation und Ermordung der europäischen Judenheit.

Altermatts Fazit: Im katholischen Weltbild spielte der 'erlaubte' Antisemitismus eher eine untergeordnete Rolle, explizit antisozialistische und antiliberale Argumente dominierten den kritischen Diskurs über die Moderne. Als konstitutives Element fungierte der Antisemitismus nur im Fundamentalismus der Rechtskatholiken; für die breite Mitte war er akzidentiell; bei den Christlich-Sozialen und den Reformkatholiken reichte das Spektrum von völkischen Anschauungen über judenfeindlichen Antikapitalismus bis zum Anti-Antisemitismus. Summa summarum hinterließ der katholische Antisemitismus tiefe Spuren im Denken und Verhalten des katholischen Durchschnittschweizers und trug dazu bei, daß sich die große Mehrheit angesichts der Shoah viel zu lange desinteressiert, feige oder zumindest passiv verhielt.

Dieser Schluß überzeugt. Die Ausprägungen und Auswirkungen, die Ursachen und Funktionen des "partial modernen Antisemitismus aus religiöser Motivation" (309) werden anschaulich, wenn auch nicht gleichgewichtig geschildert. Eine genauere Beschreibung des historischen Kontextes, unter vergleichender Perspektive, könnte dazu beitragen, auch die signifikanten Unterschiede, etwa zwischen Deutschland und der Schweiz, zu erklären. Leider verwendet Altermatt statt dessen (zu) viel Raum für die Beschreibung peripherer Phänomene und überlastet den Haupttext mit biographischen Details. Sehr ausführlich nimmt er auch die helvetische Forschung, darunter selbst ungedruckte Arbeiten, zur Kenntnis, während die Wahrnehmung von Standardwerken und Forschungspositionen gelegentlich unvollständig, ja verzerrend gerät. Das betrifft nicht nur den Umgang mit Blaschkes Studie, mit der Altermatts Buch mehr gemeinsam hat, als es dem Anmerkungsapparat zu entnehmen ist. Das gilt auch für die Einschätzung der funktionalistischen Perspektive, die laut Altermatt "in Deutschland lange Zeit unter linker Führung die Forschungsszene beherrscht" und "die Rolle der persönlichen Verantwortung in der Judenvernichtung verkleinert" hat; damit habe es der Funktionalismus dem einzelnen ermöglicht, "die Verantwortung abzuschieben und das eigene Gewissen zu entlasten". Ein hochkomplexer Interpretationsansatz läßt sich kaum durch eine solche Unterstellung moralischer Implikationen ad absurdum führen. Und so sinnvoll es ist, die unterbelichtete Rolle mentaler Langzeitfaktoren für die Judenverfolgung einzuklagen, so sollte man doch das Erklärungspotential der Funktionalisten ernst nehmen: den Holocaust erklären diese jedenfalls nicht "einfach als Verirrung des sich radikalisierenden Nazis-Staates" (17f.).

Allen Einwänden zum Trotz: Altermatt hat ein lesenswertes, ein beachtenswertes Buch geschrieben. Es zeigt die Folgen xenophoben Denkens auf. Es trägt mit dazu bei, das Schweigen der schweizerischen Geschichtsschreibung zum Antisemitismus zu beenden.[5] Und es reiht sich ein in die vielfältigen Versuche professioneller Historiker wie klerikaler Laien, das schwierige Verhältnis zwischen Antisemitismus und Katholizismus zu erklären. So groß die Unterschiede zwischen dem mea culpa des Papstes, den Schuldbekenntnissen der Schweizer Bischofskonferenz [6] und den Ergebnissen einer kritisch arbeitenden Geschichtswissenschaft auch sein mögen: eine naive Apologie weder der Kirche noch des Katholizismus noch der Katholiken läßt sich in der Öffentlichkeit länger aufrechterhalten.

Anmerkungen:
[1] Olaf Blaschke, Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 122), 2. Aufl. Göttingen 1999.
[2] Siehe dazu etwa Kurt Seifert, Das Ende einer nationalen Legende. Schweizer Mythen und der tabuisierte Antisemitismus <http://www.oeko-net.de/kommune/kommune2-97/ZZSEIFE2.html>.
[3] Siehe Michael Meier, Hat Historiker Urs Altermatt abgekupfert? Der Historiker Urs Altermatt beansprucht, ein neues Deutungsmuster für den katholischen Antisemitismus vorzulegen. Kritiker werfen ihm vor, er habe es einer deutschen Dissertation entnommen, in: Tages-Anzeiger (11. März 2000), zitiert nach: <http://www.smd.ch/cgi-bin/ta/smd_dok.cgi?RA2000031200414>.
[4] Anmerkungen dazu bei Karl-Iversen Lapp, Historikerstreit nach Schweizer Art. In Zeitschriften wird jetzt auch unsere Antisemitismusforschung diskutiert. Vom Rand- zum Streitthema: Schweizer Historiker disputieren neuerdings emotionsgeladen über die Geschichte der christlichen Mehrheit und der jüdischen Minderheit, in: Tages-Anzeiger (27. Juni 1997)/<http://www.tages-anzeiger.ch/archiv/97juni/970627/30699.HTM>.
[5] Siehe in diesem Zusammenhang auch den von Aram Mattioli herausgegebenen Sammelband Antisemitismus in der Schweiz 1848-1960, mit einem Vorwort von Alfred A. Häsler, Zürich 1998.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.07.2000
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