E. Maienfisch: „Das spezifisch frauliche Element…“

Cover
Titel
„Das spezifisch frauliche Element…“. Die Studentinnen des Technikums Burgdorf: eine Spurensuche 1892–2002


Autor(en)
Maienfisch, Edith
Reihe
Geschichte und Bildung 2
Erschienen
Zürich 2012: LIT Verlag
Anzahl Seiten
Preis
Martina Sochin D’Elia

An den Schweizer Gymnasien absolvieren heute mehr Mädchen als Jungen die Matura. Das weibliche Geschlecht hat in den vergangenen Jahrzehnten bildungstechnisch gesehen aufgeholt. Mädchen beziehungsweise Frauen gelten als «Gewinnerinnen der Bildungsoffensive» (S. 13). Nichtsdestotrotz vermerkt Edith Maienfisch in ihrer Einleitung, dass sich in Bezug auf die geschlechtsspezifische Auswahl der beruflichen Ausbildung (noch) nicht viel verändert habe. Noch immer seien Mädchen beziehungsweise Frauen in den technischen Berufen untervertreten.

In ihrer Lizentiatsarbeit, die anfangs 2008 von der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg/CH angenommen wurde und die 2010 den Preis für Frauen- und Geschlechterforschung erhielt, widmet sich Edith Maienfisch am Beispiel der Studentinnen am Technikum Burgdorf einem Desiderat der schweizerischen Geschichtsforschung, nämlich der Geschichte von Frauen in typischen Männerberufen. Sie behandelt damit eine Thematik, die nicht nur für die Geschlechtergeschichte, sondern auch für die Geschichte der Berufsbildung Relevanz hat.

In ihrer Arbeit über die Frauen am Technikum Burgdorf geht Edith Maienfisch nicht nur den Anfängen des Frauenstudiums per se nach, sondern veranschaulicht gleichzeitig auch Veränderungen und Konstanten in der weiblichen technischen Berufsausbildung im 20. Jahrhundert. Da das Technikum Burgdorf zu den ältesten der Schweizer Technika zählt und dort auch alle der klassischen fünf Studienrichtungen wie Chemie, Architektur, Bauingenieurwesen, Maschinentechnik und Elektrotechnik unterrichtet wurden, wählte die Autorin genau dieses zum Untersuchungsgegenstand. Allerdings beinhaltete diese Fokussierung auf das Technikum Burgdorf auch Hindernisse, die erst während den Quellenarbeiten zutage traten. Das Quellenmaterial erwies sich als wenig ergiebig, die ehemaligen Studentinnen des Technikums tauchten in den wenigen noch vorhandenen Archivmaterialien fast überhaupt nicht auf. Edith Maienfisch behalf sich deshalb damit, die geringe Quellenbasis durch eine halbstrukturierte schriftliche Befragung und durch lebensgeschichtliche Interviews von ehemaligen Studentinnen zu erweitern. Diesen Umständen zum Trotz, gelang es der Autorin in akribischer Kleinstarbeit eine Vielzahl an verschiedensten Quellen zusammenzutragen, die von Schulprotokollen, Jahresberichten und Zeugnissen bis hin zu Nekrologen und privat verfassten Lebenserinnerungen reichen.

Die historische Studie, die mit einem sozialwissenschaftlichen Methodenzugang erweitert wurde, umfasst neben der Einleitung und dem Schlusskapitel drei klar strukturierte Hauptkapitel.

Im ersten Hauptkapitel finden sich theoretische Grundlagen zu Geschlecht und Berufswahl, wobei sich die Autorin dabei an Pierre Bourdieus Habituskonzept anlehnt. Bourdieus Habitustheorie spricht von der Geschlechterdifferenz als einer gesellschaftlichen Konstruktion und kann der Autorin zufolge dafür verwendet werden, zu veranschaulichen, «dass das Geschlechterverhältnis ein gesellschaftlich konstruiertes Herrschaftsverhältnis ist und die Unterrepräsentanz der Frauen im technischen Feld daraus resultiert» (S. 41). Die fundierte Aufarbeitung des einführenden Theorieteils wird jedoch leider im Fazit nicht stringent wieder aufgenommen. Wohl verdeutlicht Edith Maienfisch auch im Fazit nochmals das Geschlechterverhältnis als «Herrschaftsverhältnis» (S. 269), nimmt dann aber Bourdieus Habituskonzept zur Erklärung und Konkretisierung der «Veränderungen und Kontinuitäten» (S. 269) in den Lebensläufen und beruflichen Wunschvorstellungen der in insgesamt fünf Generationen zusammengefassten Studentinnen (Pionierinnen bis 1930, 1930er und 1940er, 1950er und 1960er, 1970er und 1980er sowie 1990er und später) nicht mehr auf.

Die Hauptkapitel II und III folgen den – zwangsläufig – unterschiedlich gewählten Methodenzugängen. Das zweite Hauptkapitel widmet sich den Anfängen des Frauenstudiums am Technikum Burgdorf und beleuchtet dementsprechend die Zeit bis 1930. Das knapp 100 Seiten starke Kapitel ist in etwa gleich umfangreich, wie das folgende dritte Hauptkapitel, das sich anhand der halbstrukturierten schriftlichen Befragung den Studentinnen von 1930 bis 2002 widmet.

Grosses Verdienst des zweiten Hauptkapitels sind neben der Schilderung der schwierigen Zulassungsbedingungen für Frauen am Technikum Burgdorf die umfangreich recherchierten und detailgetreu nachgezeichneten Lebensläufe von insgesamt acht Frauen, die als sogenannte «Pionierinnen» (S. 85) am Technikum bezeichnet werden können. Auch wenn diese acht Lebensschilderungen der Autorin zufolge «keine statistisch relevanten Aussagen» (S. 85) erlauben, bieten sie einen überaus interessanten Einblick in das damalige Leben von technisch ambitionierten Frauen und veranschaulichen nicht nur deren Beweggründe zum Studium, sondern auch deren familiäres Umfeld und deren spätere Werdegänge.

Die Lebensverläufe von ehemaligen Studentinnen des Technikums sind auch Grundlage des dritten Hauptkapitels. Von gut 65 Prozent aller ehemaligen Studienanfängerinne – dies entspricht 153 retournierten Fragebögen – konnten die entsprechenden Daten erhoben und eine Auswertung in den Kategorien «Elternhaus, Schule und Technikinteresse», «Berufslehr- und Studienwahl», «Studienerfahrungen», «Berufsleben» und «Partnerschaft, Mutterschaft, Hausarbeit» vorgenommen werden. Die Ergebnisse sind interessant, zeigen sie doch den langsamen, aber stetigen Wandel in Bezug auf die Vorstellungen von weiblichen und männlichen Berufen und eine in kleinen Schritten voranschreitende zunehmende Toleranz und Akzeptanz von Frauen in Technikberufen, auch wenn diese auch heute noch zu den Exoten zählen. Den statistischen Vergleichen allerdings fehlt manchmal die Aussagekraft, die durch die teilweise kleinen Fallzahlen – beispielsweise drei Architekturstudentinnen von 1950 bis 1969 – bedingt sind. Die dem Buch beigelegte CD enthält einen knapp 100-seitigen tabellarischen Anhang, mit vielen interessanten und weiterführenden Informationen. Allerdings wäre es gut gewesen, für den Anhang wenigstens ein Inhaltsverzeichnis zu erstellen, damit einzelne Interessensschwerpunkte rascher gefunden werden können. Dies wäre Sache des Verlags gewesen.

Alles in allem ist der zweifache methodologische Zugang der Studie Stärke und Schwäche zugleich. Zum einen wirken die Hauptkapitel II und III aufgrund des unterschiedlichen Zugangs etwas ‘nebeneinandergestellt’ und als Notlösung aufgrund der schwierigen Quellenlage. Zum anderen aber ist gerade dieser unterschiedliche methodologische Zugang äusserst innovativ und bietet einen ungleich breiteren Einblick in das Leben der ehemaligen Studentinnen am Technikum Burgdorf als dies ein rein historischer Zugang vermocht hätte.

Zitierweise:
Martina Sochin D’Elia: Edith Maienfisch: «Das spezifisch frauliche Element…» Die Studentinnen des Technikums Burgdorf. Eine Spurensuche 1892–2002. Zürich, Lit, 2012. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 63 Nr. 1, 2013, S. 158-160.

Redaktion
Zuerst veröffentlicht in

Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Vol. 63 Nr. 1, 2013, S. 158-160.

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