E. Maienfisch: „Das spezifisch frauliche Element…“

Cover
Titel
"Das spezifisch frauliche Element...". Die Studentinnen des Technikums Burgdorf: eine Spurensuche 1892-2002


Autor(en)
Maienfisch, Edith
Reihe
Geschichte und Bildung 2
Erschienen
Zürich 2012: LIT Verlag
Anzahl Seiten
336 S.
Preis
Kellerhals Katharina, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Bern

Als zweites kantonales Technikum nach demjenigen in Winterthur (1874) wurde 1891 der Bau einer ebensolchen Lehranstalt im Kanton Bern vom Grossen Rat beschlossen und ab 1892 wurde der Lehrbetrieb in den Bereichen Baugewerbliche Abteilung, Mechanisch-technische Abteilung mit Inbegriff der Elektrotechnik und Chemisch-technologische Abteilung aufgenommen. 1976 wurde die Bezeichnung Technikum durch Ingenieurschule ersetzt, 1998 wurde das ehemalige Technikum in die Berner Fachhochschule integriert. Wenig verändert hat sich die Tatsache, dass die klassisch technischen Studienrichtungen Chemie, Architektur, Bauingenieurwesen, Maschinentechnik und Elektrotechnik sozialgeschichtlich eng mit Männlichkeit verbunden sind. Noch bis in die 1980er-Jahre konnte es vorkommen, dass junge Frauen, wenn sie es gewagt hatten, sich in diesem männlich konnotierten technischen Bereich ausbilden zu lassen, von Dozierenden zu hören bekamen: «Sind Sie lesbisch, suchen Sie einen Ehemann oder wieso sind Sie hier?» (S. 225).

Hauptinteressen, die zur vorliegenden quellengesättigten Lizentiatsarbeit als eigentlicher Langzeituntersuchung geführt haben, sind die Gründe, die junge Frauen dazu bewogen haben, eine – auch heute noch – geschlechtsuntypische Ausbildung am Technikum Burgdorf zu absolvieren, und die mit dieser Wahl verbundenen lebensgeschichtlichen Folgen. Die riesige Datenmenge, die dieser sprachlich sehr sorgfältig und klar abgefassten Arbeit zugrunde liegt, bewirkt einerseits gewisse Redundanzen, gewährleistet anderseits aber den weiterführenden inhaltlichen Anschluss nach detailliert erfolgten Ausführungen. Maienfisch unterteilt die weiblichen Studierenden zwischen 1892 und 2002 in fünf Generationen und verfolgt mit unterschiedlichen Methoden die Lebensläufe der Frauen im Rahmen von Bourdieus Habitus-Theorie. Nach reich gestützten theoretischen Ausführungen zur Soziologie des Habitus, zur geschlechterhierarchischen Arbeitsteilung und einer etwas kurz gefassten Darstellung der Geschichte des Technikums Burgdorf wird im zweiten Teil der Beginn des Frauenstudiums an selbiger Institution bis 1930 beschrieben. Es werden für diese erste Phase quantitative Daten aus Jahresberichten und Studierendenkartei ausgewertet. Aus Familienchroniken und Privatarchiven – angereichert mit sogenannten Backgroundgesprächen (Gespräche mit Nachkommen) – konnten die Lebensläufe und Familiengeschichten der ersten Burgdorfer Studentinnen rekonstruiert werden. In einem dritten Teil wird die Auswertung der ausführlichen lebensgeschichtlichen Interviews, mit welchen die Technikstudentinnen nach 1930 bis 2002 schriftlich befragt wurden, präsentiert; ergänzt werden diese Daten durch Zeugnisbücher – hervorgehoben wird der Informationswert der Randnotizen – aus dem Fundus des Technikums. Die Arbeit wird mit einer kurzen Zusammenschau, einer Bibliografie mit weiterführender, sehr anregenden Literaturangaben abgeschlossen. Erwähnenswert ist die beigelegte CD mit systematisch erfassten Tabellen der Studierenden und grafischen Auswertungen der Interviewfragen.

Die Daten und Auswertungen dieser sozialgeschichtlich dichten Studie sind insofern äusserst interessant, als dass die Autorin – immer sorgfältig nachgewiesen – auch Vergleiche, Parallelen und Vernetzungen im In- und Ausland präsentiert.

Ignoriert, belächelt, bekämpft – Ingenieurwissenschaften scheinen sich als männlich konnotierte Bastion zu halten. Frauen wurden erst als «Rekrutierungsreservoir» berücksichtigt, wenn Mangel an technischem Personal – u.a. in den 1980er-Jahren wie auch aktuell – bestand / besteht. 1910 –1912 wird die erste «Architektur»-Studentin und gleichzeitig erste reguläre Studentin überhaupt nachgewiesen. 1916 / 17 folgte die erste Chemie-, resp. «Bauingenieur»-Studentin. Erst im Jahre 1970 / 71 absolvierte die erste Elektroingenieurstudentin und 1981 / 82 die erste Maschineningenieurstudentin ein Studium unter Männern. Viele Anwärterinnen stammten aus der Region, hatten die Mädchensekundarschule, das Progymnasium oder eine Fortbildungsschule besucht. Während die ersten Studierenden der Oberschicht entstammten, öffnete sich dieses Profil im 20. Jahrhundert zunehmend gegen unten. Chemiestudierende – diese Studienrichtung konnte im weitesten Sinne mit zukünftigen hauswirtschaftlichen Tätigkeiten in Verbindung gebracht werden – waren in der Mehrheit, da es für dieses Studium bis 1937 keine Lehre brauchte; ab 1937 wurden nur noch Studierende mit absolvierter Berufslehre aufgenommen, viele der vorausgesetzten Berufslehren wurden aber erst in den 1970er-Jahren für Mädchen zugänglich gemacht. Die Wahl junger Frauen für eine technische Ausbildung wurde vorwiegend befördert über ein Elternhaus, in dem motivierendes Interesse herrschte, über einen väterlichen Betrieb, der sich – auch eine weibliche – Nachfolge sichern wollte, oder durch Väter, welche ihrerseits am Technikum dozierten.

Vorliegende eindrücklich breit abgestützte Arbeit lebt von den individuellen Lebensläufen, ja Charakterstudien zu den wenigen Frauen in technischen Ausbildungsgängen – 1989 / 90 war ihr Anteil mit durchschnittlich 5,7 % der Studienanfängerinnen am höchsten. Curriculare Inhalte am Technikum Burgdorf werden dagegen wenig bis gar nicht erwähnt und folglich erscheinen ausbildungsspezifische Aspekte merkwürdig ahistorisch; eine Folgestudie wäre sehr interessant. Maienfisch zeigt jedoch eindrücklich auf und unterlegt konzis mit Bourdieu, wie im Berufsleben nach wie vor geschlechter spezifisch ausgeschlossen – Stichwort «Anwesenheitskult» – und diskriminiert wurde und wird, was nun mit zunehmender Sensibilisierung endlich auch im öffentlichen Bereich erkannt wird und wozu gerade auch dieses Buch beitragen kann.

Zitierweise:
Katharina Kellerhals: Rezension zu: Maienfisch, Edith: «Das spezifisch frauliche Element ...» Die Studentinnen des Technikums Burgdorf: eine Spurensuche 1892 – 2002. Geschichte und Bildung, Bd. 2. Zürich: LIT Verlag 2012. Zuerst erschienen in: Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 75 Nr. 4, 2013, S. 78-80.

Redaktion
Zuerst veröffentlicht in

Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 75 Nr. 4, 2013, S. 78-80.

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