M. Hettling: Politische Bürgerlichkeit

Titel
Politische Bürgerlichkeit. Der Bürger zwischen Individualität und Vergesellschaftung in Deutschland und der Schweiz von 1860 bis 1918


Autor(en)
Hettling, Manfred
Reihe
BÜRGERTUM. Beiträge zur europäischen Gesellschaftsgeschichte 13
Erschienen
Göttingen 1999: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
XII + 424 S., 41 Tab.
Preis
€ 52,00
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von
Gunilla-Friederike Budde, AVG, Freie Universität Berlin

Mit dem schon von Arthur Schopenhauer glücklich gewählten Gleichnis einer Gesellschaft von Stachelschweinen, die sich wärmesuchend zusammendrängen, um bald darauf, die gegenseitigen Stacheln spürend, wieder auseinanderzustreben, führt Manfred Hettling plastisch ein in das Leitmotiv seiner Geschichte des Bürgertums: das Wechselverhältnis von Individualität und Vergesellschaftung. Eben die daraus resultierende Ambivalenz, Spannung und Dynamik kennzeichneten die Bürgerliche Gesellschaft. Stets im Werden und Verändern begriffen konstituierte sich das Bürgertum seit dem 18. Jahrhundert nicht nur als soziales Phänomen durch Marktlagen und ständische Schätzungen, sondern auch durch kulturelle, höchst variable Deutungssysteme und Kommunikationsmuster. "Bürgerlichkeit bezeichnete immer etwas zukünftiges, doch zugleich konstituierte sich durch die Verständigung über diesen Entwurf, durch die Praktiken der Interaktion eine neuartige kulturelle - und soziale - Figuration: das Bürgertum." (13) Die Fragmentierung und Heterogenität des Bürgertums, gleichzeitig Ergebnis und Irritationspunkt eines Großteils der mittlerweile äußerst weitreichenden und fundierten Bürgertumsforschung, soll, so die Absicht von Hettlings Studie, als Eigenart explizit akzeptiert und akzentuiert werden.

In den drei - ungleich gewichteten - Hauptteilen seiner Studie geht Manfred Hettling der Frage nach, ob sich das Bürgertum im 19. Jahrhundert in diesem ständigen Vergesellschaftungsprozeß als politische Handlungseinheit konstituierte.

Im ersten Großkapitel untersucht er akribisch, durch eine Vielzahl von aussagekräftigen Tabellen angereichert, die Sozialstruktur der politisch Aktiven im Rahmen zweier Stadtstudien. Mit dem vergleichenden Blick auf Breslau und Basel geht es ihm darum, den Liberalismus, der mit seiner parallelen Ausrichtung auf Einzelpersönlichkeit und freiwilligem Zusammenschluß als idealtypische Ausgestaltung politischer Bürgerlichkeit fungierte, sozial differenzierter zu beschreiben. Dazu werden die einzelnen Sozialformationen der ausgewählten Städte nicht nur mit Hilfe von Berufsbezeichnungen sozial eingeordnet, sondern im Vergleich der Kategorien Beruf, Einkommen, Konfession, Alter und politische Orientierung analysiert. Dabei erscheint, so ein Ergebnis des komparativen Ansatzes, das Schweizer Bürgertum nicht zuletzt aufgrund von nicht existenten aristokratischen, militärischen und bürokratischen "Gegenwelten" sowie der weitgehend fehlenden Trennung von Staat und Gesellschaft als sozial homogener und dominanter als sein Pendant im deutschen Kaiserreich. Als Gemeinsamkeit zeigte sich, daß der liberale Aktivist und Anhänger in beiden Ländern in der Regel ein wirtschaftlich selbständiger Bürger war.

Im zweiten Teil werden liberale Aktionsformen und Organisationsmuster untersucht, in denen sich politische Bürger zusammenschlossen. Bis zum Ersten Weltkrieg sieht Hettling in den liberalen politischen Organisationen, die primär auf den Erhalt des Status quo zielten, eher Beispiele bürgerlicher Honoratiorenvereine und nicht Ausgestaltungen moderner Parteiapparate (187). Die Spaltung von Nationalliberalen und Linksliberalen in den späten 1890er Jahren polarisierte den Liberalismus in zwei Richtungen, die bereits - konservativ bzw. sozialdemokratisch - besetzt waren und somit den deutschen Liberalismus "tendenziell funktionslos" machten (260). In der Schweiz dagegen kam es zwar ebenfalls zu einer Polarisierung. Doch aufgrund des hier eng verwobenen und verbindenden Vereinsnetzes (am Beispiel der Schützenfeste eindringlich belegt) wirkte sie auf das Bürgertum nicht fragmentierend, sondern ließ es in einem starken einheitlichen, aus Freisinn und Konservativen bestehenden "bürgerlichen Lager" gegen die Sozialdemokratie zusammenfinden. Folglich kamen Diskussionen über die Krise des (bürgerlichen) Individuums, in Deutschland vor 1914 heftig und kontrovers ausgetragen, in der Schweiz später auf und waren hier Thema einer nur kleinen Minderheit.

Die in der Schweiz ausgeprägtere Stabilität der politischen Bürgerlichkeit als vorherrschendes Kulturmuster zeigte sich auch, wie Manfred Hettling in seinem letzten Teil betont, in diversen Spielarten der kulturellen Repräsentation. Am Beispiel von Denkmälern, Romanen und Festspielen, die sich um den politischen Bürger rankten, bestätigen sich die Befunde der beiden ersten Kapitel. In beiden Ländern konnten in der zweiten Jahrhundertshälfte auch Bürger, als Vorbilder gedacht, den Denkmalssockel erklimmen. Im deutschen Kaiserreich jedoch waren es weniger politische, als vielmehr wissenschaftliche oder kulturelle Verdienste, die einen Bürger denkmalswürdig machten, während in der Schweiz der in Stein gemeißelte wirtschaftlich erfolgreiche und politisch aktive Bürger mit der Aktentasche unter dem Arm - so ein Beispiel des liberalen Politikers Richard Kissling - die Ankömmlinge am Züricher Bahnhof begrüßte und auch sonst zentral plaziert wurde. In den Bildungromanen von Goethe über Freytag bis Thomas Mann spielte der politisch aktive Bürger keine, bestenfalls eine marginale Rolle. Im Gegenteil zeigte sich dort echter Bürgersinn, wo Politik den bürgerlichen Lebensentwurf nicht störte. In der Schweiz hingegen bot nicht nur aber vor allem Gottfried Kellers "Grüner Heinrich" "literarische Bilder für das freisinnige Modell einer politischen Bürgerlichkeit" (312). Die prekäre Rolle des deutschen Bürgers als politisch Aktiven zeigte sich auch in zwei exemplarisch vorgestellten, äußerst unterschiedlich verlaufenden Festspielgeschichten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Scheitern auf deutscher Seite spiegelte das Fehlen eines konsensualen bürgerlichen Ordnungsentwurfs wider, wünschte man doch im Festspiel eine Einheit darzustellen, die man in der politischen Praxis alltäglich destruierte (329).

Der in allen drei Teilen mehr oder weniger symmetrisch durchgeführte Vergleich mit der Schweiz erweist sich als sinnvoll und gelungen. Das systematische Fragen nach Ähnlichkeiten und Unterschieden klärt die Sicht auf beide Länder gleichermaßen. Es zeigen sich keine defizitären Sonderwege, sondern Varianten und Spielräume der bürgerlichen Praxis. Daß die Ergebnisse kaum überraschen, ist dabei nicht unbedingt ein Manko. Bekannte Annahmen, wie etwa die kaum existente Trennung von Gesellschaft und Staat in der Schweiz gegenüber einer stark ausgeprägten Spannung zwischen bürgerlicher Selbstorganisation und staatlicher Kontrolle in Deutschland als ein die bürgerliche Praxis stark berührender Unterschied, finden eine eindringliche Bestätigung.

Hier drängt sich, bei allen einleuchtenden Erklärungen, die Hettling bietet, wie auch in anderen Studien zum Schweizer Bürgertum [1] einmal mehr die Frage nach Brüchen dieser anscheinend so intakten und starken Bürgerlichkeit auf. Die stärkere Berücksichtigung sozialer Ungleichheiten dürften, so die Annahme, dieses Bild differenzieren, von den geschlechtsspezifischen Differenzen ganz zu schweigen. Es stellt sich überdies die Frage, ob, gerade wenn man das Schweizer Bürgertum als Vergleichsfolie heranzieht, die so deutlich (groß)städtische Perspektive der Untersuchung angebracht ist, da in der Schweiz, wie frühere Studien gezeigt haben, die Bedeutung des städtischen Umfelds bzw. der Landbevölkerung für die Herausbildung eines Bürgertums keineswegs gering eingeschätzt werden dürfen. Der deutsch-schweizer Unterschied hinsichtlich der städtischen bzw. stadtfernen Orientierung des Bürgertums wird zwar am Rande thematisiert und kontrastiert, hätte aber vielleicht durch den bislang noch weitgehend fehlenden Blick auf das kleinstädtische und ländliche Bürgertum in Deutschland sicherlich an Kontur gewonnen.

Deutlich innovativ fällt der dritte abschließende Teil aus. Vor allem die Untersuchung des Bildungsromans als genuin bürgerlicher Selbstverständigungstext bedurfte in der Tat einer Entdeckung durch die Geschichtswissenschaft. Hier führt Manfred Hettling meisterhaft vor, wie Historiker Belletristik als historische Quelle nicht nur zu illustrativen Zwecken nutzen können und sollten. Doch in Relation zum Gesamttext fällt dieser Teil verhältnismäßig knapp aus und mutet damit gleichsam als kulturhistorische Kurzkür nach einem sozialhistorischen Pflichtprogramm an. Überdies hätte man sich eine genauere Einordnung dieser kulturellen Inszenierungen in den bürgerlichen Lebenshaushalt, vielleicht mittels autobiographischer Zeugnisse, gewünscht.

Hier auch besonders, wo der Akzent auf Kulturinszenierungen und Kommunikationsmuster liegt, fällt das nahezu gänzliche Fehlen weiblicher Bürger in der Studie, abgesehen von einer kurzen Erwähnung des Leipziger Denkmals für Louise Otto-Peters und seiner Initiatorinnen, besonders auf. Bürgerinnen erscheinen bei ihrem Kurzauftritt lediglich als Kräfte, die mit ihren Vorstellungen zur weiteren Fragmentierung der bürgerlichen Praxis beitrugen. "Die große Mehrheit der Bürger im 19. Jahrhundert läßt sich" eben nicht "beschreiben als wirtschaftlich selbständig Tätige" (345), will man nicht Frauen generell ihr Bürgersein absprechen. So richtig und wichtig es ist, den Aspekt der bürgerlichen Praxis ins Zentrum einer Untersuchung zu stellen und konsequent durchzuspielen, so wenig leuchtet es ein, die Geschlechtsspezifik dieser Praxis, die mittlerweile in einer Reihe von Studien vorgeführt worden ist [2], gänzlich außer acht zu lassen. Daß die politische bürgerliche Praxis eine durch und durch männliche Inszenierung war, bedarf einer fundierten Analyse, für die die "Männergeschichte" mittlerweile ein vielfältiges Instrumentarium bereitstellt.

Doch ungeachtet dieser Einschränkungen stellt Manfred Hettlings ambitionierte Studie über die politische Bürgerlichkeit mit ihrem praxisorientierten, dynamischen Impetus einen durchaus innovativen und weiterführenden Ansatz vor, der die so schillernde Sozialkategorie, in ihrer Spannung zwischen Individualität und Vergesellschaftung konsequent und gut lesbar vorführt.

Anmerkungen:
[1] Beispielhaft dafür etwa Albert Tanner, Arbeitsame Patrioten - wohlanständige Damen. Bürgertum und Bürgerlichkeit in der Schweiz 1830-1914, Zürich 1995. Mit deutlich anderen Akzenten dagegen: Andreas Würgler, Unruhen und Öffentlichkeit. Städtische und ländliche Protestbewegungen im 18. Jahrhundert, Tübingen 1995.
[2] S. hierzu etwa Ute Frevert (Hg.), Bürgerinnen und Bürger. Geschlechterverhältnisse im 19. Jahrhundert, Göttingen 1988; dies., "Mann und Weib, und Weib und Mann". Geschlechter-Differenzen in der Moderne, München 1994; Gunilla-Friederike Budde, Auf dem Weg ins Bürgerleben. Kindheit und Erziehung in deutschen und englischen Bürgerfamilien, 1840-1914, Göttingen 1994; Anne-Charlott Trepp, Sanfte Männlichkeit und selbständige Weiblichkeit. Frauen und Männer im Hamburger Bürgertum zwischen 1770 und 1840, Göttingen 1996; Rebekka Habermas, Frauen und Männer des Bürgertums. Eine Familiengeschichte (1750-1850), Göttingen 2000.

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Veröffentlicht am
07.01.2000
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