D. Weltecke: „Der Narr spricht: Es ist kein Gott“

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Titel
„Der Narr spricht: Es ist kein Gott“. Atheismus, Unglauben und Glaubenszweifel vom 12. Jahrhundert bis zur Neuzeit.


Autor(en)
Weltecke, Dorothea
Reihe
Campus Historische Studien 50
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: Campus Verlag
Anzahl Seiten
758 S.
Preis
Kathrin Utz Tremp, Staatsarchiv Freiburg

Im ersten Kapitel ihres umfangreichen Buches, einer Habilitationsschrift (Universitäten Göttingen und Konstanz), behandelt Dorothea Weltecke die Geschichte des Atheismus, ein Begriff, der etwa um 1500 auftaucht und den man in der Folge auch immer auf das Mittelalter anzuwenden versucht hat. Eine «Wasserscheide» in dieser Diskussion markiert die bekannte Arbeit von Lucien Febvre mit dem Titel Le problème de l’incroyance au XVIe siècle. La religion de Rabelais (1942). In diese Diskussionen wurden auch die Häresiebewegungen des Spätmittelalters einbezogen, doch hat Herbert Grundmann hier gezeigt, dass es sich dabei um religiöse und keineswegs um atheistische Bewegungen handelte (1967, 1978). Auch bei der Häresie vom Freien Geist handelt es sich nicht um Freidenker, sondern um eine mystische Gruppe.

In einem zweiten Kapitel mustert die Autorin die mittelalterlichen Personen und Anekdoten, die immer wieder als Beweis für die Existenz von Atheismus im Mittelalter herhalten mussten; Weltecke spricht von «einer etablierten Ahnengalerie», die angesichts gestiegener Ansprüche an den Atheismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts praktisch ausgeplündert war (104f.). Dabei handelt es sich etwa um die Geschichte des Grafen Johannes von Soissons, der nach Guibert von Nogent (1053–1124) über die Lehren der Passion und der Wiederauferstehung spottete, was sich als reine Verleumdung durch Kleriker herausstellt: es ging darum, den Grafen zu diffamieren, und zwar mit den stärksten möglichen Waffen und Argumenten. Aus dem gleichen Grund behauptete Papst Gregor IX. (um 1170–1241), dass Kaiser Friedrich II. gesagt habe, «dass die ganze Welt von drei Betrügern: Christus, Moses und Mohammed, getäuscht worden sei» (123). Der Satz von den drei Betrügern ist in der «Aufklärungsgeschichte» immer und immer wieder gefeiert worden, noch bis zu Peter Dinzelbachers Buch Unglaube im «Zeitalter des Glaubens». Atheismus und Skeptizismus im Mittelalter (erschienen in 2009, besprochen in SZRKG, 104 [2010], 472f.). Der Satz ist nicht ein Zeichen für aufgeklärten Agnostizismus, vielmehr wird damit eine anarchische Bedrohung heraufbeschworen. Der Agnostizismus Kaiser Friedrichs II. «ist ein Phantom, das durch Bedeutungswandel und neuzeitliche Diskussionen am Leben erhalten und durch Geschichtsschreibung zur Wirklichkeit erhoben wurde» (151). Ähnliches gilt auch für die von Weltecke so genannten «Gelehrten Ungläubigen» wie die Averroisten, die den Satz «Quod Deus non sit» diskutierten. Die Autorin kommt zum vorläufigen Schluss, dass «die Vorstellung von der Geschlossenheit des mittelalterlichen Weltbildes ein Mythos» sei, «der von der katholischen Kontroverstheologie an das Mittelalterbild der Gegenwart weitergegeben wurde», und dass «Lucien Febvre zweifellos irrte, als er annahm, es habe im 16. Jahrhundert noch keine intellektuell überzeugenden Argumente gegen das Christentum gegeben. Aber der Satz, dass Gott nicht ist, scheint von Gelehrten nicht als ernsthafte Position vertreten worden zu sein, wenn sie ihn auch kannten und benannten» (211). Auch die Zweifel an der Transsubstantationslehre, die Aude Fauré aus Merviel (in Südfrankreich), eine von Bischof Jacques Fournier von Pamiers (1317–1325) verhörte Frau, plagten, können laut der Verfasserin nicht als Beweise für Atheismus im Mittelalter genommen werden; Aude habe nicht den Glauben an die Existenz Gottes verloren, sondern nur das Vertrauen auf die Hilfe Gottes (253).

Im dritten Kapitel macht die Autorin sich auf die Suche nach «Konzeptionen des Zweifels und der Verneinung Gottes» im Mittelalter (257), und untersucht dabei Begriffe wie lat. infidelitas, dt. «Unglauben» sowie dt. «Zweifel» und lat. acedia, murmur und impatientia. Gerade infidelitas «bezeichnet zunächst keine Meinung oder religiöse Position, sondern das Gegenteil von Treue, von Zugehörigkeit zu einer Bindung» (268f.). Für Thomas von Aquin bedeutet infidelitas aber nicht nur Untreue, sondern auch Häresie und

Apostasie, und die Häresie gilt ihm als die schlimmste Form der infidelitas. Trotzdem gehört diese während des ganzen Mittelalters, angefangen mit der Psychomachia des Prudentius (5. Jh.), nicht zu den sieben Hauptsünden. Die deutsche Übersetzung für infidelitas ist «Unglauben», die zunächst auch noch die superstitio einschliesst (das deutsche Wort «Aberglauben» ist erst im 15. Jahrhundert belegt). Gerade in der Bedeutung «Unbarmherzigkeit», «Lieblosigkeit», spielt sich «Unglauben» aber durchaus mitten in der christlichen Gemeinde ab, und keineswegs nur an ihrem Raum, obwohl «Unglauben» auch Häresie bedeuten kann. Eine positive Einstellung zum «Zweifel» entwickelt sich erst in der Neuzeit, in der Aufklärung, doch steht bereits das Mittelalter dem Zweifel nicht nur negativ gegenüber. Mit der «Häresie» verbindet die Verfasserin nicht ganz klare Ansichten, wenn sie meint, dass für Häresie immer und überall die Todesstrafe vorgesehen gewesen sei (321, siehe auch 286, wo heretica pravitas im Genetiv gebraucht wird). Interessant ist, dass sie die Inquisitorenhandbücher daraufhin durchschaut, ob darin von «Unglauben» (im Sinn von Atheismus) die Rede sei (was nicht der Fall ist), aber dabei den Quellenwert der Handbücher völlig verkennt (333, 339ff.).

Ergiebiger sind die Untersuchungen von lat. acedia (dt. «Trägheit des Glaubens»), «Anfechtung» und «Blasphemie des Glaubens»; sie ergeben, dass ernsthafte Zweifel am Glauben im Mittelalter durchaus möglich waren, dass darüber aber anders geredet wurde als in der Neuzeit (410f.). Auch die Untersuchungen der Begriffe murmur und impatientia ergeben bemerkenswerte Ergebnisse, und das «Murren» (lat. murmur) kann durchaus als Teil der acedia und der invidia gelten (425f.). Das Murren kann letztlich als «ohnmächtiger Protest der Laien» verstanden werden: «Das Murren ist geradezu ein ständiges Rauschen im Hintergrund dieser Jahrhunderte, in denen Erfahrungen von Gewalt, Unrecht, Wetterkatastrophen und Krankheit zweifellos immer wieder zum prekären Alltag gehörten.» Es war vielmehr die Gelehrsamkeit, «die ernsthafte Befragung der Allmacht und Güte Gottes angesichts des Leidens geradezu verhinderte» (431). Es gibt sogar den Satz «Gott ist tot», aber er bedeutet nicht, dass es keinen Gott gäbe, sondern dass er gerade nicht hier sei, also seine «subjektive Anwesenheit (bzw. Abwesenheit!) für den Sprecher ». Wenn die Scholastiker vom Nichtsein Gottes sprachen, so erwiesen sie sich nicht als dissident, sondern von den Möglichkeiten des logischen Denkens fasziniert (440). Deshalb ist auch einer der Schlüsse, welche Dorothea Weltecke zieht, dass die Gelehrten selbst «für die im Verhältnis verzögerte philosophische Entfaltung des Atheismus in der lateinischen wissenschaftlichen Welt» verantwortlich waren. «Daher scheint es, dass man die Suche nach der intellektuellen Avantgarde des Atheismus in der philosophischen Literatur einstellen kann. Stattdessen könnte man sich mit Gewinn der spirituellen Literatur widmen, weil hier zweifelnde, murrende und gleichgültige Gefühle und Gedanken tatsächlich beschrieben werden» (465f.).

Zitierweise:
Kathrin Utz Tremp: Rezension zu: Dorothea Weltecke, «Der Narr spricht: Es ist kein Gott». Atheismus, Unglauben und Glaubenszweifel vom 12. Jahrhundert bis zur Neuzeit, Frankfurt/New York, Campus Verlag, 2010. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, Vol. 105, 2011, S. 539-540.

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