D. Aeschlimann: Eriz. Zwischen alter und neuer Zeit

Cover
Titel
Eriz. Zwischen alter und neuer Zeit. Geschichte und Geschichten aus dem Leben von 12 Generationen Bauern, Küher und Bergbauern während 400 Jahren


Autor(en)
Aeschlimann, Daniel
Erschienen
Thun-Gwatt 2011: Weber AG Verlag
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
Christoph Zürcher

Ein spezielles Buch, wie Peter Rychiger im erhellenden Vorwort über das stattliche Werk (auch formatmässig: 24,5 x 32,5 cm) schreibt. Der 1937 geborene Erizer Bergbauer Daniel Aeschlimann hatte ursprünglich beabsichtigt, für seine Familie die Geschichte von 12 Generationen und 400 Jahren Bergbauern- und Kühertum im Eriz darzustellen. Im Verlaufe der jahrelangen Arbeit ist wesentlich mehr daraus geworden. Schwergewichtig schöpft der Verfasser aus eigenem Leben und Erleben und aus den Erzählungen und Erinnerungen von Eltern, Grosseltern und anderen Familienmitgliedern. «Solange die Menschheit besteht, hat sich der Alltag innert zwei, drei Generationen noch nie so schnell verändert wie im zwanzigsten Jahrhundert», lautet der erste Satz der Einleitung. Und das wird gleich mit einer träfen Gegenüberstellung illustriert: «Mein Vater fuhr seiner Lebtag nie einen einzigen Schritt weit mit einem Motorfahrzeug, meine Söhne aber noch nie mit einem Leitseil.» Das ist, auf eine kurze Formel gebracht, der epochale Wandel von der traditionellen zur durchmechanisierten Landwirtschaft, von der bäuerlichen Autarkie zur globalen Vernetzung, die auch an der abgelegenen Voralpenlandschaft Eriz nicht vorbeigegangen ist. Aeschlimann verfügt über den weiten Horizont, den er erwarb als Gemeinderat, Präsident der Schwellenkorporation und der örtlichen Raiffeisenbank, als Musiker und als unermüdlicher Leser von historischer Literatur. Das erlaubt ihm, die Fakten zu vernetzen, die persönlichen Erinnerungen in den historischen Kontext zu stellen und Entwicklungen auf gescheite Art zu reflektieren.

Eine Frage, die er immer wieder stellt: wie lebten unsere, meine Vorfahren? Wo der Fluss der familiären Überlieferung dünn ist oder gar versiegt, rekonstruiert er aus der historischen Literatur eine Situation. Dabei gelingen ihm anschauliche und eindrückliche Schilderungen wie etwa die der Wassernoth im Emmental. «Ein Sommer, welchen der Ururgrossätti sicher nicht vergessen konnte, musste der Sommer 1837 und speziell der Sonntag vom 13. August gewesen sein.» Ausgehend von der Schilderung Gotthelfs überlegt er, wie seine Vorfahren den Ausbruch der Naturgewalt in der exponierten Alphütte auf der Honegg erlebt haben könnten, liefert dazu präzise hydrologisch-morphologische Erklärungen und bringt weitere historische Schilderungen und Stellen aus den Gemeindeprotokollen aus dem Eriz bei, die auf die Folgen des Ereignisses Bezug nehmen.

Interessant ist es, die historischen Schwerpunkte aufzuspüren, die ein interessierter Laie bei der Betrachtung von vier zurückliegenden Jahrhunderten setzt. Bauernkrieg und Gnädige Herren, Napoleon und Bundesstaat, zwei Weltkriege und Grenzbesetzungen, Landesstreik und Grippe, Weltwirtschaftskrise und Drittes Reich, General Guisan und Anpasserfiguren: Offensichtlich sind diese Elemente noch heute konstitutiv für das Geschichtsbild eines Schweizers.

Der Band reiht in mehr oder weniger chronologischer Reihenfolge rund 140 Kapitel oder Abschnitte aneinander, welche die verschiedensten Themen aufgreifen. Einige Beispiel: Die Küherfamilie Aeschlimann wird sesshaft – Schrackzaun und Schweifelzaun – Elektrisches Licht kommt in die Bergtäler – Das Landwirtschaftsgesetz von 1954. Viele persönliche Erinnerungen werden in rund 35 Mundartkapiteln vorgetragen. Das Buch ist nicht gemacht, um in einem Zug gelesen zu werden. Aber die interessierten Leserinnen und Leser dürfen aus einer reichen Palette von geografischen, mentalitätsgeschichtlichen, wirtschaftshistorischen, politischen, lokalhistorischen, volkskundlichen oder familienbiografischen Darstellungen und Schilderungen auswählen. Aus dem Mosaik kann durchaus ein lebendiges Bild der Landschaft Eriz und ihrer Bewohner entstehen.

Zitierweise:
Christoph Zürcher: Rezension zu: Aeschlimann, Daniel: Eriz. Zwischen alter und neuer Zeit. Geschichte und Geschichten aus dem Leben von 12 Generationen Bauern, Küher und Bergbauern während 400 Jahren. Thun-Gwatt: Weber AG Verlag o.J. [2011]. Zuerst erschienen in: Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 74 Nr. 2, 2012, S. 165-166.

Redaktion
Zuerst veröffentlicht in

Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 74 Nr. 2, 2012, S. 165-166.

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