H. v. Thiessen: Die Kapuziner

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Titel
Die Kapuziner zwischen Konfessionalisierung und Alltagskultur. Vergleichende Fallstudie am Beispiel Freiburgs und Hildesheims 1599–1750


Autor(en)
von Thiessen, Hillard
Reihe
Rombach Wissenschaften, Reihe Historiae 13, hg. von W. Reinhard, E. Schulin, F.-J. Brüggemeier, D. Mertens und P. Waldmann
Erschienen
Freiburg im Breisgau 2002: Rombach
Anzahl Seiten
541 S.
Preis
Ulrich Köchli, Kollegium Karl Borromäus

Im Gegensatz zur Schweiz, wo die Präsenz der Kapuziner erst in neuester Zeit rapide im Schwinden ist und innerhalb von wenigen Jahren ein Grossteil der Niederlassungen mangels Nachwuchs aufgegeben werden musste, waren in Deutschland die Kapuziner bereits seit der Zeit der grossen Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts weitgehend von der religiös-kirchlichen Bildfläche verschwunden. Vorangegangen war eine Phase, in der auch in katholischen Territorien neue Ideen zu einer «katholischen Aufklärung» geführt haben, in deren Verlauf insbesondere die zahlreichen kontemplativen Orden einem rauen Wind des unerbittlichen Nützlichkeitsgedankens ausgesetzt waren, der eine beträchtliche Zahl der klösterlichen Einrichtungen Deutschlands hinwegraffen sollte. Im Visier der landesherrlichen Obrigkeit in ihrem Bestreben, unnütze Einrichtungen auszumerzen, standen auch die Kapuziner, gemäss Selbstverständnis ein Orden, der seit seiner Gründung versuchte, kontemplatives Leben mit seelsorgerlicher Tätigkeit zu vereinen. Hillard von Thiessen untersucht nun in seiner Arbeit über den Kapuzinerorden gerade dieses Bemühen, und zwar zu einer Zeit, als der Orden nördlich der Alpen in kraftvoller Expansion begriffen war, fiel ihm doch in der Phase der katholischen Reform – und der damit einhergehenden Rekatholisierung weiter Gebiete – nach dem tridentinischen Konzil eine eminent wichtige Bedeutung zu.

Von Thiessen geht unter einer doppelten Perspektive an das Thema heran: Auf der einen Seite wird das Selbstverständnis des Ordens erläutert und der Frage nachgegangen, wie dessen Seelsorge dadurch beeinflusst wurde. Auf der anderen Seite steht die Aufnahme des Wirkens der Kapuziner durch die Laien, welche als reaktive wie kreative Akteure im universalen sozialgeschichtlichen Konfessionalisierungsprozess verstanden werden. Die einleitende These des Autors, dass die Kapuziner zwischen Konfessionalisierung und Alltagskultur standen, dem Anspruch nach der tridentinischen Reform verpflichtet, jedoch auf die Aneignungsbedürfnisse der Laien einzugehen hatten, legt von Thiessen am vergleichenden Beispiel der Kapuzinerkonvente in Freiburg im Breisgau sowie in Hildesheim dar. Durch die Auswahl zweier völlig unterschiedlicher Modelle vermeidet der Autor die Verallgemeinerung regionaltypischer Besonderheiten.

Vier breitgefächerte Quellengruppen wurden systematisch untersucht: von Kapuzinern geschriebene Annalen und Beschreibungen herausragender Ordensangehöriger, Akten aus Kapuzinerarchiven, kommunale, landesherrliche und bischöfliche Gerichts-, Verwaltungs- und Kirchenakten, sowie von Kapuzinern verfasste Predigtbände. Deren luzide Auswertung führte zu einem klaren Befund: Im Gegensatz zu den Jesuiten, welche ganz bewusst ein neuartiges Ordensmodell entwickelten, verliessen die Kapuziner nicht die hergebrachten Strukturen der Bettelorden. Gleichwohl leisteten sie den gestiegenen Anforderungen an Intensität und Ausmass der Seelsorge Folge, wie sie Kirche und Staat von der Konfessionalisierung forderten. Während die Jesuiten eher für grossangelegte Rekatholisierungsprojekte geeignet waren, trugen die Kapuziner wesentlich zur quantitativen und qualitativen Ausweitung der katholischen Seelsorge bei, wobei sie gegenüber hergebrachten Formen katholischer Religiosität und den Aneignungsformen der Gläubigen konzilianter waren als etwa die Jesuiten. Die Kapuziner wirkten daher konfessionalisierend im Rahmen der Alltagskultur und hatten gerade dadurch bei den Gläubigen Erfolg.

Zitierweise:
Ulrich Köchli: Rezension zu: Hillard von Thiessen: Die Kapuziner zwischen Konfessionalisierung und Alltagskultur. Vergleichende Fallstudie am Beispiel Freiburgs und Hildesheims 1599–1750 (= Rombach Wissenschaften, Reihe Historiae, Bd. 13, hg. von W. Reinhard, E. Schulin, F.-J. Brüggemeier, D. Mertens und P. Waldmann). Freiburg im Breisgau, Rombach, 2002. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Vol. 56 Nr. 4, 2006, S. 495-496.

Redaktion
Beiträger
Zuerst veröffentlicht in

Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Vol. 56 Nr. 4, 2006, S. 495-496.

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