D. Ficker: Karl Barth und Markus Feldmann im Berner Kirchenstreit

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Titel
Karl Barth und Markus Feldmann im Berner Kirchenstreit 1949–1951.


Autor(en)
Ficker Stähelin, Daniel
Erschienen
Anzahl Seiten
160 S.
Preis
€ 13,80
Peter Lehmann

Inmitten der Auseinandersetzungen in der Frühphase des Kalten Krieges beschäftigte eine hitzige Diskussion die Schweizer Öffentlichkeit, an der sich eine Vielzahl von Journalisten, Politikern, Theologen und Philosophen beteiligte und die als Berner Kirchenstreit in die Geschichte einging. Die Kontroverse entzündete sich an der Frage nach der Stellung der Kirche zum Kommunismus, es ging aber auch um das Verhältnis zwischen Kirche und Staat, um Fragen der politischen Ethik, des Menschenbildes sowie des Bekenntnisses und der Toleranz in der bernischen
Volkskirche.

Die eigentlichen Gegenpole in der Kontroverse waren der Basler Theologieprofessor Karl Barth und der bernische Regierungsrat und Kirchendirektor Markus Feldmann. Barth, der in der bernischen Pfarrerschaft zahlreiche Anhänger hatte, zählt zu den bekanntesten Theologen des 20. Jahrhunderts. Er hatte in Bern, Berlin, Marburg und Tübingen Theologie studiert und war 1921 als Honorarprofessor nach Göttingen berufen worden. Später lehrte er bis 1934 in Münster und Bonn. Von den Nationalsozialisten von seiner Stelle suspendiert, wurde er 1935 als Dogmatikprofessor nach Basel berufen, von wo aus er sich aktiv gegen Hitlerdeutschland
engagierte.

Sein Gegenüber, Markus Feldmann, war Jurist und viel geachteter Journalist.
Wie Barth stammte er aus pietistischem Haus, hatte sich jedoch im Laufe der Jahre vom christlichen Glauben teilweise entfremdet, verstand sich aber durchaus noch als Christ. 1935 errang er für die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) einen Sitz im Nationalrat. Als energischer Gegner von Nationalsozialismus und Kommunismus setzte er sich vordringlich mit Fragen des Staatsschutzes und der Landesverteidigung auseinander. 1945 wurde Feldmann in den Berner Regierungsrat gewählt, wo er nebst der Erziehungs- auch die Kirchendirektion übernahm. Nach seiner Meinung sollte das Christentum auch als Schutzwall gegen den Kommunismus dienen und die Kirche sich deshalb klar gegen die Ideologie des Ostblocks stellen und sich für die Stärkung der westlichen Demokratie einsetzen.

Barth allerdings wehrte sich gegen eine politische Instrumentalisierung des Evangeliums und weigerte sich daher auch, in den ideologischen Kampf gegen den Kommunismus eingespannt zu werden. Vielmehr stellte er sich auf den Standpunkt, dass die Kirche auch gegenüber dem demokratischen Staat eine kritische, wachsame Distanz bewahren müsse und sich nicht von diesem vereinnahmen lassen dürfe. Sie habe sich nicht für die Sache des Westens einzusetzen, sondern müsse vielmehr einen eigenen Weg gehen und sich für die Sache des Friedens und gegen den Kalten Krieg engagieren. Feldmann bezichtigte Barth, mit seinen Äusserungen den Widerstandswillen der Schweiz zu schwächen, und warf ihm vor, die demokratischen, freiheitlichen Grundlagen des Staates nicht zu achten. Der Kirchenstreit erreichte seinen Höhepunkt, als Markus Feldmann seinen Briefwechsel mit Karl Barth veröffentlichte. Die beiden hatten kontrovers über die Fragen der Stellung des Christentums zum Kommunismus und dem Verhältnis von Kirche und Staat korrespondiert, brachen aber den Kontakt wegen mangelndem Konsens rasch wieder ab. Feldmann spielte den Briefwechsel der Presse zu, welche in der Folge zu einer regelrechten Hetzjagd gegen Barth anhob. Die Kontroverse ebbte erst ab, als Feldmann Ende 1951 in den Bundesrat gewählt wurde.

Mit dem Berner Kirchenstreit von 1949 bis 1951 rückt Daniel Ficker Stähelin ein Thema in den Mittelpunkt, das bisher noch nicht detailliert aufgearbeitet worden ist. Das Buch folgt einer klassischen Gliederung, indem zuerst die Hauptpersonen vorgestellt und die Voraussetzungen innerhalb der bernischen reformierten Landeskirche dargestellt werden, die zum Konflikt führten. Danach werden die Ereignisse des Berner Kirchenstreites ausführlich behandelt, wobei den Argumentationen der beiden Gegenpole, Feldmanns und Barths, das Hauptgewicht zukommt. Im Anschluss daran werden die Positionen Feldmanns und Barths im weiteren Verlauf des Ost-West-Konfliktes nach dem Kirchenstreit beleuchtet. Den Abschluss des Buches bilden zwei Kapitel zum theologischen Hintergrund der Auseinandersetzung und zur politischen Ethik Barths im zeitgeschichtlichen Zusammenhang. Der klassische Aufbau der Monographie erlaubt es auch einem mit der Materie nicht vertrauten Leser, dem Ereignisablauf und den Argumenten beider Seiten ohne grosse Probleme zu folgen. Mit der Schilderung der Einstellungen Feldmanns und Barths zum Ost-West-Konflikt nach dem Berner Kirchenstreit wird dessen Darstellung schön abgerundet. Das bringt aber mit sich, dass die beiden letzten, stärker theologisch ausgerichteten Kapitel angehängt wirken. Diese sind für den mit dem theologischen Vokabular nicht vertrauten Leser denn auch weniger zugänglich als die vorangehenden Kapitel.

Insgesamt ist die Monographie aber gut verständlich geschrieben. Sie bietet ohne Vorkenntnisse seines immensen Werkes einen angenehmen Zugang zum (politischen) Theologen Karl Barth. Daneben ist sie nicht nur ein Buch zu einem theologischen Thema, sondern wirft zugleich ein interessantes Schlaglicht auf die Mentalitätsgeschichte in der Schweiz während der frühen Jahre des Kalten Krieges. Die Heftigkeit der Auseinandersetzung und die Gehässigkeit des Tonfalls während des Berner Kirchenstreits ist zwar letztlich nur vor dem Hintergrund der Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden sowjetischen Angriffs auf Westeuropa verständlich. Die Argumentation der Hauptpersonen ist aber auch heute noch spannend und aktuell, wenn es um die politische Ethik oder um Fragen des Verhältnisses von Kirche und Staat geht.

Zitierweise:
Peter Lehmann: Rezension zu: Ficker Stähelin, Daniel: Karl Barth und Markus Feldmann im Berner Kirchenstreit 1949–1951, Zürich, Theologischer Verlag Zürich 2006, 160 S. Zuerst erschienen in: Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 70, Nr. 2, Bern 2008, S. 47f.

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Zuerst veröffentlicht in

Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 70, Nr. 2, Bern 2008, S. 47f.

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