Einwohnergemeinde Aarberg: Aarberg

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Titel
Aarberg. Porträt einer Kleinstadt


Herausgeber
Einwohnergemeinde Aarberg
Erschienen
Anzahl Seiten
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ISBN
Christian Lüthi, Universitätsbibliothek Bern

Archäologische Ausgrabungen auf dem Aarberger Stadtplatz Anfang der neunziger Jahre gaben den Anstoss zu diesem Buch, das bereits seit längerem in verschiedenen Köpfen herumgeisterte. Der sehr schön gestaltete Band rollt die Geschichte der Kleinstadt von der Urzeit bis in die Gegenwart auf. Die meisten Autorinnen und Autoren sind Fachleute für ihre Kapitel. So berichten drei Mitarbeitende des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern über die neusten Ausgrabungsergebnisse. Dieser Abschnitt gehört für Aussenstehende zu den spannendsten. Er gibt nicht nur Einblicke in archäologische Methoden, sondern fasst die Erkenntnisse umfangreicher Grabungen und Auswertungen zusammen. Mit Hilfe dieser nichtschriftlichen Quellen lassen sich Aussagen über die Siedlung vor der Stadtgründung von 1220/25 machen: Pfostenlöcher unter dem Stadtplatz sind Zeugen eingeschossiger Walmdachhäuser, welche im 11. Jahrhundert errichtet wurden. Botanische Überreste und Pflugfurchen weisen zudem darauf hin, dass die mittelalterlichen Bewohner innerhalb der Stadtmauern Getreide anbauten. Erst nach dem Stadtbrand von 1477 entstand ein Stadtplatz mit der heutigen Ausdehnung, der als Gassenmarkt diente. Archäologische Funde bieten nicht nur Hinweise zur Siedlungsentwicklung, sondern auch zur Ernährung oder zum Hausbau in der mittelalterlichen Stadt.

1358 gelangte Aarberg in den Einflussbereich Berns, da Graf Peter von Aarberg seine Herrschaft wegen finanzieller Probleme verpfänden musste. 1379 kaufte Bern schliesslich Burg und Stadt. Roland Gerber zeigt hier beispielhaft, wie die Stadt Bern ihr Herrschaftsgebiet zielgerichtet ausweitete und ab dem Spätmittelalter unter eine einheitliche Verwaltungsstruktur zu stellen versuchte. Niklaus Bartlome schildert im Kapitel zum Zeitabschnitt 1528–1850 die Verwaltungsstrukturen sowie die Gesellschaft und die Wirtschaft Aarbergs. Ferner beleuchtet er die Anfänge der Schule. Das abschliessende Epochenkapitel behandelt die Zeit von 1850 bis 1999. Barbara Graf listet darin quellennah Themen auf, mit welchen sich die Gemeindeversammlung beschäftigt hat. Da dieses Kapitel chronologisch aufgebaut ist, ist es schwierig, einzelne Themen im Längsschnitt zu verfolgen. Hier wäre wohl eine thematische Gliederung und eine gezielte Ergänzung durch weitere Quellen nötig gewesen. Aarberg liegt spätestens seit dem Eisenbahnbau abseits der grossen Verkehrsachsen. Es wurde erst 1876 an eine Nebenlinie angeschlossen und bevölkerungsmässig bald vom benachbarten Lyss überrundet. Über diese einschneidenden Ereignisse würde man gerne mehr erfahren.

Rund um den roten Faden der Zeitachse sind weitere Kapitel angeordnet, welche Einzelaspekte beleuchten: das Wappen der Stadt Aarberg, Strassenbau und -planung im 19. Jahrhundert, Denkmalpflege im 20. Jahrhundert. Ferner enthält das Buch verschiedene Kasten, in denen teilweise über mehrere Seiten Personen, Firmen oder weitere Einzelaspekte behandelt werden. Eingerahmt wird die Publikation von zwei Kapiteln zur Gegenwart: Ganz am Anfang beschreiben Schülerinnen und Schüler ihren Wohnort, danach werden 21 Zeitgenossinnen und -genossen vorgestellt, und am Schluss des Bandes befinden sich drei Porträts zur Einwohner-, Burger- und Kirchgemeinde sowie ein Blick in die Zukunft.

Ein sehr lesenswerter Abschnitt ist das Kapitel des Architekturhistorikers Dieter Schnell. Er zeigt auf, wie Aarberg Anfang des 20. Jahrhunderts vom Heitmatschutz als «romantisches Kleinstadtbild» entdeckt wurde. Aufgrund der Ideen der Heimatschützer wurden in den folgenden Jahrzehnten die Fassaden mit farbigen Anstrichen versehen. Zudem ging man daran, die Hinterhöfe an den Aussenseiten der Altstadt von Anbauten wie Holzlauben, Schuppen und Toilettenhäuschen zu befreien. Die Altstadt wurde dadurch zu einer «mittelalterlichen» Stadt, wie sie aus der Sicht des 20. Jahrhunderts aussehen sollte.

Solche Verknüpfungen der Ortsgeschichte Aarbergs mit übergeordneten Entwicklungen sind eine der Stärken dieser Publikation. Obwohl rund 20 Personen Texte beigesteuert haben, ist das Buch eine abgerundete Sache. Hervorzuheben ist zudem die ausgezeichnete Qualität der Abbildungen. Insgesamt hebt sich die Geschichte Aarbergs aus einer Vielzahl bernischer Ortsgeschichten heraus. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Fachleute die Texte verfasst haben, die auf gründlicher Quellenarbeit basieren. Auf der Wunschliste bleiben schliesslich bloss zwei Dinge: Erstens fehlt ein Register und zweitens vermisst man besonders als Aussenstehender einen Ortsplan, der die räumliche Orientierung erleichtern würde.

Zitierweise:
Christian Lüthi: Rezension zu: Einwohnergemeinde Aarberg (Hrsg.): Aarberg. Porträt einer Kleinstadt, Aarberg 1999, 359 S., ill. Zuerst erschienen in: Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 62, Nr. 4, Bern 2000, S. 194f.

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Zuerst veröffentlicht in

Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 62, Nr. 4, Bern 2000, S. 194f.

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