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Müllers Forschung geht aber nicht nur zeitlich darüber hinaus, indem sie sich auf die Periode 1920 bis 1980 konzentriert, also auf das koloniale und postkoloniale, unabhängige Indien, sondern auch, indem sie ihren Blick auf den deutschsprachigen Raum beziehungsweise Deutschland und die Schweiz, richtet, zwei Länder, die in diesem Zeitraum keine Kolonialmächte waren: Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr und die Schweiz nie, obwohl sie in verschiedener Weise in koloniale Projekte und deren postkoloniale Nachwirkungen verwickelt war. «Davon ausgehend, dass Vorstellungen kolonialer und postkolonialer Verhältnisse wesentlich visuell waren» (S. 12), untersucht Angela Müller «wie Indien im 20. Jahrhundert in fotografischen Veröffentlichungen inszeniert wurde». Sie tut dies anhand verschiedener Fallstudien und konzentriert sich dabei auf «veröffentlichte Fotografien, die in populären Medien publiziert wurden» (S. 15), nämlich «Bildband, Kultur- und Reisezeitschrift sowie illustrierte Zeitschrift» (S. 13). In sechs Kapiteln führt die Autorin die Leser und Leserinnen aus einer Welt, in der Bilder des fernen Indien noch (fast) ausschliesslich über Printmedien vermittelt wurden und nur wenige Europäer selbst Fernreisen unternehmen konnten, bis in die 1980er Jahre, in denen das bewegte Bild, insbesondere das Fernsehen, zu einem wesentlichen Teil jene einst von den Printmedien besetzte Rolle der Vermittlung und Repräsentation übernommen hatte und immer mehr Menschen es sich leisten konnten, in ferne aussereuropäische Länder zu reisen. Angela Müller analysiert die Indienberichterstattung in den von ihr ausgewählten Printmedien mit einem wachen Blick auf Konstanten und Veränderungen. Dabei betont sie, dass es sich bei den «Indienbildern», ganz im Sinn einer bestimmten Lesart des Begriffs Repräsentation, «um spezifische Auseinandersetzungen mit Erscheinungen der europäischen Moderne handelt» (S. 12). Die ersten drei Kapitel sind dem «Wunderland Indien» gewidmet, das Müller im Vergleich verschiedener Medienprodukte – «des Fotobuchs, der Reise- und Kulturzeitschriften und der bürgerlichen Illustrierten mit hoher Auflage» (S. 28) – analysiert. In den Fokus rückt im ersten Kapitel der Zürcher Fotograf und Publizist Martin Hürlimann, der mit seinen Arbeiten für den Indienband in der Bildbandreihe Orbis Terrarum und die Zeitschrift Atlantis Indien als zeitlosen Sehnsuchtsort zelebrierte und damit eine Tradition fortsetzte, die schon im 19. Jahrhundert populäre Verbreitung gefunden hatte. Das zweite Kapitel widmet sich der von Hürlimann herausgegebenen Zeitschrift Atlantis, die zwischen 1929 und 1964 erschien. Die Zeitschrift vermittelte vorab ein modernekritisches Verständnis von Kultur, nicht nur der indischen, sondern auch anderer aussereuropäischer Länder, in einem Format und Konzept, das in der «Verbindung von wissenschaftlicher Informiertheit, literarischem Anspruch und Fotografie» (S. 92) im deutschsprachigen Raum ein Novum darstellte. Das dritte Kapitel zeigt, wie die Indienberichterstattung in den illustrierten Zeitschriften des deutschsprachigen Raums in der Zwischenkriegszeit einen Wandel erlebte. Das Oszillieren zwischen der Konstruktion und der Dekonstruktion des «Wunderlandes Indien» geschah in der Gegenüberstellung der indischen Gesellschaft, die in ihren Traditionen verhaftet schien und der europäischen Gesellschaften, die als modern und liberal imaginiert wurden. Als Beispiele für die Dekadenz einer überkommenen und in ihrer Religiosität und in ihrem Kastendenken erstarrten Welt zieht Müller die Figur des Maharadjas und des der Welt entsagenden sadhus (hinduistischer Asket) heran, als «zu Stereotypen übersteigerte gesellschaftliche Figuren» (S. 159). Das moderne Indien und politische Realitäten wie der erstarkende indische Nationalismus blieben jedoch nicht gänzlich ausgeblendet, wie die Autorin im folgenden vierten Kapitel darlegt. Die dominanten Motive und unterschiedlichen Interpretationen des indischen antikolonialen Widerstandes in den Bildmedien werden auch hier wieder in ihrer Ambivalenz aufgespürt. Angela Müller zeigt dies am Beispiel der Figur Mahatma Gandis, über den die Berichterstattung in den illustrierten Zeitschriften zwischen Bewunderung und Exotisierung schwankt. Das fünfte Kapitel untersucht, wie sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Fokus vom «Wunderland Indien zum Hungerland Indien» (S. 309) verschiebt und richtet seinen Fokus auf die «Konstruktion von Hunger» (S. 321) sowie die zentrale Rolle, die der Schweizer Fotograf Werner Bischof dabei mit seinen Bildern der Hungersnot im nordindischen Bihar in den Jahren 1950 und 1951 spielte. Mit dem letzten Kapitel kehrt Angela Müller zurück zum Wunderland Indien, nun als Imaginationsort spiritueller Erfahrungen der in den 1960er Jahren aufblühenden Popkultur. Hier schliesst die Autorin an eine der Grundthesen ihrer Forschung an, dass nämlich der deutliche Wandel der Repräsentation Indiens, der in den 1960er und 1970er Jahren stattfand, die gesellschaftlichen Veränderungen in der Schweiz und Deutschland reflektierte. Insgesamt legt Angela Müller mit «Indien im Sucher» eine geschickt gegliederte und profund recherchierte Arbeit vor. Wünschenswert wäre vielleicht ein Ausblick auf den englischen und französischen Forschungsstand gewesen, ein Desiderat, das weiterführende Forschungen erfüllen mögen. Der Fülle des Materials geschuldet sind die Quellenanalysen eher zu kurz geraten; man hätte hier eine tiefer gehende Analyse des Bildmaterials erwartet. Trotz dieser Kritikpunkte: ein lesenswertes Buch! Zitierweise: Schneider, Jürg: Rezension zu: Müller, Angela: Indien im Sucher. Fotografien und Bilder von Südasien in der deutschsprachigen Öffentlichkeit, 1920–1980, Wien, Köln, Weimar 2019. Zuerst erschienen in: |http://www.sgg-ssh.ch/de/publikationen/schweizerische-zeitschrift-fuer-geschichte-szg|Schweizerische Zeitschrift für Geschichte| 70 (1), 2020, S. 160-161. Online: ." 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Müller argumentiert, dass die Darstellung Indiens in deutschsprachigen Illustrierten und Fotobänden stets durch Exotisierung gekennzeichnet war und dass über die Auseinandersetzung mit Indien die „europäische […] Moderne“ (S. 12) verhandelt wurde. Erschien Indien Müller zufolge lange als „Wunderland“, so wurde es nach dem Zweiten Weltkrieg vermehrt als „Hungerland“ gekennzeichnet, bevor durch die Hippies der Wunderland-Topos wiederbelebt wurde – nun jedoch mit einem Fokus auf die jungen westlichen Reisenden als Objekte des Exotismus. Die ersten drei Kapitel und damit die Hälfte des Buches widmet Müller dem Wunderland-Topos in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der durch Entzeitlichung, Ästhetisierung und – zum Teil – einen humoristisch bis pejorativen Ton inszeniert worden sei. Dabei geht sie zunächst auf die Arbeiten des Schweizer Fotografen Martin Hürlimann für die Buchreihe „Orbis Terrarum“ ein, deren Ziel es gewesen sei, „die Gleichwertigkeit des Menschen auf der Welt aus einer ästhetischen Perspektive“ (S. 12) zu zeigen. Zugleich stellt Müller jedoch eine Entzeitlichung in den Fotografien Hürlimanns fest, die gerade durch den hohen Grad der Ästhetisierung zustande gekommen sei. Im zweiten Kapitel betrachtet Müller die von Hürlimann mit herausgegebene Kulturzeitschrift _Atlantis_, die sich an ein gehobenes bürgerliches Publikum gewandt habe. Diese sei vor allem in den 1930er-Jahren, auch noch während der NS-Herrschaft, äußerst populär gewesen. Wie Hürlimanns Werk für „Orbis Terrarum“ hätten sich die Fotografien in _Atlantis_ durch einen ästhetisierenden Blick ausgezeichnet, verbunden erneut mit dem Anspruch interkultureller Vergleichbarkeit. Außereuropäische Kulturen seien als traditionell, jedoch von einer vermeintlich unaufhaltbaren Dynamik kultureller Homogenisierung bedroht dargestellt worden. Dieser modernisierungskritische Blick habe sich auch in Bildern des Eigenen, der sogenannten „Heimat“, gezeigt, wobei Müller hervorhebt, dass etliche Fotografen für _Atlantis_ auch in NS-Bildmedien publiziert hätten. Gleichwohl habe sich _Atlantis_ mit ihrem Akzent auf die Darstellung außereuropäischer Regionen betont apolitisch gegeben. Das dritte Kapitel untersucht den Wunderland-Topos in der illustrierten Presse in der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkrieges. In dieser Indien-Rezeption kristallisieren sich für Müller zwei zentrale, jeweils leicht pejorativ betrachtete Typen heraus: Maharajas, also Herrscher der formell nicht der britischen Kolonialregierung unterstellten „princely states“, und Sadhus, hinduistische Wandermönche. Habe der Maharaja primär für dekadenten Reichtum gestanden, so habe der Sadhu die vermeintliche Übermacht der Religion, ja den Aberglauben verkörpert, den man der indischen Bevölkerung zuschrieb. Schließlich hätten die Fotografen bestimmte Landschaften bevorzugt, die ebenfalls ein Indien fernab von der Moderne gezeigt hätten. Diese Perspektive zeichne auch die bildliche Berichterstattung über das indische Kastensystem aus, dessen Verfestigung durch die britische Herrschaft nicht zur Kenntnis genommen worden sei. Erneut konstatiert Müller in allen drei untersuchten Themenbereichen einen selektiven Blick, der das zeitgenössische Indien bewusst ausgeblendet habe. Im vierten Kapitel wendet sich Müller der bildlichen Darstellung des antikolonialen Widerstands in deutschsprachigen Printmedien zu. Müller analysiert zunächst Darstellungen des indischen Nationalkongresses und Gandhis, wobei sie vor allem bei Letzterem die ambivalente Haltung der deutschsprachigen Fotografen herausstellt. Gandhi sei als politische Leitfigur und Gegenentwurf zur europäischen Politik porträtiert, aber auch karikierend und delegitimierend dargestellt worden. Auch für die Darstellung von Widerstandskämpferinnen konstatiert Müller Ambivalenz: So sei der Einsatz von Frauen zum Teil als Ausweis der vermeintlichen Feigheit männlicher Widerstandskämpfer gedeutet worden. In der _Illustrierten Arbeiter Zeitung_ habe sich die Berichterstattung über antikolonialen Widerstand in Indien kaum an Führungsfiguren festgemacht. Stattdessen sei der Widerstand als Bewegung der indischen Arbeiter und Bauern inszeniert worden. In der Nachkriegszeit, so argumentiert Müller im folgenden Kapitel, ging die Darstellung Indiens in deutschsprachigen Zeitschriften vom Topos des Wunderlandes zu jenem des Hungerlandes über. Analysiert wird in diesem Kapitel die Reportage des Schweizer Fotografen Werner Bischoff über die Hungersnot in Bihar 1951, die Anlass zu Hilfsaktionen in der Schweiz und den USA gab, sowie weiteres Bildmaterial aus diesen Kampagnen. Seien die Akteur/innen in Bischoffs Kampagne noch stark erschienen, hätten spätere Bilder vor allem mit dem Bittstellergestus – dem Betrachter entgegengestreckten Händen – operiert. So seien Vorstellungen der Rückständigkeit und Abhängigkeit Indiens auch nach dem Ende der Kolonialherrschaft verfestigt worden, die dann direkt in Vorstellungen von der Dritten Welt übergegangen seien. Das sechste Kapitel behandelt die Darstellung Indiens in journalistischen Berichten über den sogenannten Hippie Trail. Hier sei es erneut zu einem exotisierenden Blick gekommen, der sich jedoch in diesem Fall weniger auf die Bevölkerung Indiens als auf die jungen westlichen Reisenden gerichtet habe. Damit einhergegangen sei eine Kritik an der westlichen Gesellschaft. In Reportagen über den Hippie Trail seien indische Yogis als Ikonen der europäischen Jugendbewegung erschienen, während westliche Jugendliche und Erwachsene in der Rolle von Schülern und Sinnsuchenden gezeigt worden seien. Zum Teil konstatiert Müller jedoch auch einen kritischen Blick auf die spirituelle Auseinandersetzung mit Indien, der an die pejorative Darstellung indischer Sadhus in der Zwischenkriegszeit angeschlossen habe. Insgesamt hat Angela Müller eine eingehende und ausführliche Studie vorgelegt, die zudem eine Forschungslücke schließt, denn in der Visual History überwiegen Studien zur Repräsentation von Kolonien, während Deutschland und die Schweiz – obwohl Teil des kolonialen Diskurses[1] – in keinem direkten Herrschaftsverhältnis zu Indien standen. Das Buch ist stringent gegliedert und gut lesbar. Jedoch weist es auch einige Schwachstellen auf und lässt Fragen offen. So sind die Quellenanalysen oft recht kurz, da die Autorin mit einer großen Menge Bildmaterial arbeitet, weshalb Zwischentöne und Ambivalenzen oder auch die Frage nach der Begrenztheit des Blicks der Fotografen in der Analyse einzelner Quellen kaum zur Sprache kommen. Interessant wäre auch gewesen, ob sich der Blick auf Indien in deutschsprachigen Publikationen von jenem in britischen Publikationen unterschied. Darüber hinaus erfährt der Leser kaum etwas darüber, welches Indien _nicht_ gezeigt wurde. Die Fotografen nahmen Indien als ausschließlich hinduistisches Land wahr und Müller hinterfragt diese Sicht kaum. So wird der selektive Blick der Fotografen reproduziert, anstatt die kulturelle Vielgestaltigkeit des Subkontinents hervorzuheben. Daneben weist Müller nicht darauf hin, dass auch in Indien die Fotografie seit dem 19. Jahrhundert aktiv genutzt wurde – und keineswegs ausschließlich von Briten, sondern auch von indischen Fotografen.[2] Auf diese Weise erscheint Indien allein als passives Objekt des westlichen Blicks. Zudem weist die Untersuchung kleinere Fehler auf, die zeigen, dass Müller eher mit europäischer denn mit südasiatischer Geschichte vertraut ist. So werden zum Beispiel auf S. 355 Hinduismus und Buddhismus gleichgesetzt. Auf S. 279 ist die Rede von einer „in eine Purdah (muslimische Verschleierung) gehüllte[n] Frau“. Purdah, wörtlich Schleier, wird jedoch primär als Metapher für räumliche Geschlechtertrennung gebraucht.[3] Auch ist die Forschung, die Müller zu Südasien heranzieht, zum Teil schon recht alt. Schließlich ist Müllers Behauptung, dass die Gurus der 1960er-Jahre die ersten gewesen seien, die alternative Bewegungen im Westen beeinflusst hätten, mittlerweile durch umfangreiche Forschungen widerlegt.[4] Überhaupt fragt die Geschichtswissenschaft, insbesondere die Globalgeschichte, mittlerweile nicht mehr nach gegenseitigen Wahrnehmungen, sondern vielmehr nach wechselseitigen Verflechtungen und Aneignungsprozessen – eine Frage, die eine wesentlich komplexere Untersuchung von Bildquellen und auch ein anderes Quellenkorpus erfordern würde. Im Rahmen einer solchen Untersuchung könnten dann „Indien“ und der „deutschsprachige Raum“ nicht mehr als in sich geschlossene, statische Einheiten betrachtet werden. Es müsste stattdessen Prozessen der Aneignung, Übersetzung, aber auch der Nicht-Übersetzung und Ausblendung sowie grenzüberschreitenden Akteursnetzwerken Aufmerksamkeit geschenkt werden. Insgesamt handelt es sich bei Müllers Buch trotz dieser Schwachstellen um einen ersten guten Einblick in ein Forschungsfeld, das allerdings noch viele Fragen offenlässt und Raum für künftige Untersuchungen bietet. Anmerkungen: [1] Patricia Purtschert / Harald Fischer-Tiné (Hrsg.), Colonial Switzerland. Rethinking Colonialism from the Margins, New York 2015. [2] Siehe z.B. Where Three Dreams Cross. 150 Years of Photography from India, Pakistan and Bangladesh, Göttingen 2010. [3] Maytrayee Chaudhuri, Feminism, in: Gita Dharampal-Frick u.a. (Hrsg.), Key Concepts in Modern Indian Studies, Washington 2015, S. 83–86, hier S. 85. [4] Einen guten Überblick über diese Forschungen bietet die Website des Forschernetzwerks Modern Yoga Research; siehe hier insbesondere die Forschungen Karl Baiers und Joseph Alters: http://www.modernyogaresearch.org (12.08.2019)." 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Müllers Forschung geht aber nicht nur zeitlich darüber hinaus, indem sie sich auf die Periode 1920 bis 1980 konzentriert, also auf das koloniale und postkoloniale, unabhängige Indien, sondern auch, indem sie ihren Blick auf den deutschsprachigen Raum beziehungsweise Deutschland und die Schweiz, richtet, zwei Länder, die in diesem Zeitraum keine Kolonialmächte waren: Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr und die Schweiz nie, obwohl sie in verschiedener Weise in koloniale Projekte und deren postkoloniale Nachwirkungen verwickelt war. «Davon ausgehend, dass Vorstellungen kolonialer und postkolonialer Verhältnisse wesentlich visuell waren» (S. 12), untersucht Angela Müller «wie Indien im 20. Jahrhundert in fotografischen Veröffentlichungen inszeniert wurde». 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Wünschenswert wäre vielleicht ein Ausblick auf den englischen und französischen Forschungsstand gewesen, ein Desiderat, das weiterführende Forschungen erfüllen mögen. Der Fülle des Materials geschuldet sind die Quellenanalysen eher zu kurz geraten; man hätte hier eine tiefer gehende Analyse des Bildmaterials erwartet. Trotz dieser Kritikpunkte: ein lesenswertes Buch! Zitierweise: Schneider, Jürg: Rezension zu: Müller, Angela: Indien im Sucher. Fotografien und Bilder von Südasien in der deutschsprachigen Öffentlichkeit, 1920–1980, Wien, Köln, Weimar 2019. Zuerst erschienen in: |http://www.sgg-ssh.ch/de/publikationen/schweizerische-zeitschrift-fuer-geschichte-szg|Schweizerische Zeitschrift für Geschichte| 70 (1), 2020, S. 160-161. Online: ." 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Müller argumentiert, dass die Darstellung Indiens in deutschsprachigen Illustrierten und Fotobänden stets durch Exotisierung gekennzeichnet war und dass über die Auseinandersetzung mit Indien die „europäische […] Moderne“ (S. 12) verhandelt wurde. Erschien Indien Müller zufolge lange als „Wunderland“, so wurde es nach dem Zweiten Weltkrieg vermehrt als „Hungerland“ gekennzeichnet, bevor durch die Hippies der Wunderland-Topos wiederbelebt wurde – nun jedoch mit einem Fokus auf die jungen westlichen Reisenden als Objekte des Exotismus. Die ersten drei Kapitel und damit die Hälfte des Buches widmet Müller dem Wunderland-Topos in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der durch Entzeitlichung, Ästhetisierung und – zum Teil – einen humoristisch bis pejorativen Ton inszeniert worden sei. Dabei geht sie zunächst auf die Arbeiten des Schweizer Fotografen Martin Hürlimann für die Buchreihe „Orbis Terrarum“ ein, deren Ziel es gewesen sei, „die Gleichwertigkeit des Menschen auf der Welt aus einer ästhetischen Perspektive“ (S. 12) zu zeigen. Zugleich stellt Müller jedoch eine Entzeitlichung in den Fotografien Hürlimanns fest, die gerade durch den hohen Grad der Ästhetisierung zustande gekommen sei. Im zweiten Kapitel betrachtet Müller die von Hürlimann mit herausgegebene Kulturzeitschrift _Atlantis_, die sich an ein gehobenes bürgerliches Publikum gewandt habe. Diese sei vor allem in den 1930er-Jahren, auch noch während der NS-Herrschaft, äußerst populär gewesen. Wie Hürlimanns Werk für „Orbis Terrarum“ hätten sich die Fotografien in _Atlantis_ durch einen ästhetisierenden Blick ausgezeichnet, verbunden erneut mit dem Anspruch interkultureller Vergleichbarkeit. 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Gandhi sei als politische Leitfigur und Gegenentwurf zur europäischen Politik porträtiert, aber auch karikierend und delegitimierend dargestellt worden. Auch für die Darstellung von Widerstandskämpferinnen konstatiert Müller Ambivalenz: So sei der Einsatz von Frauen zum Teil als Ausweis der vermeintlichen Feigheit männlicher Widerstandskämpfer gedeutet worden. In der _Illustrierten Arbeiter Zeitung_ habe sich die Berichterstattung über antikolonialen Widerstand in Indien kaum an Führungsfiguren festgemacht. Stattdessen sei der Widerstand als Bewegung der indischen Arbeiter und Bauern inszeniert worden. In der Nachkriegszeit, so argumentiert Müller im folgenden Kapitel, ging die Darstellung Indiens in deutschsprachigen Zeitschriften vom Topos des Wunderlandes zu jenem des Hungerlandes über. Analysiert wird in diesem Kapitel die Reportage des Schweizer Fotografen Werner Bischoff über die Hungersnot in Bihar 1951, die Anlass zu Hilfsaktionen in der Schweiz und den USA gab, sowie weiteres Bildmaterial aus diesen Kampagnen. Seien die Akteur/innen in Bischoffs Kampagne noch stark erschienen, hätten spätere Bilder vor allem mit dem Bittstellergestus – dem Betrachter entgegengestreckten Händen – operiert. So seien Vorstellungen der Rückständigkeit und Abhängigkeit Indiens auch nach dem Ende der Kolonialherrschaft verfestigt worden, die dann direkt in Vorstellungen von der Dritten Welt übergegangen seien. Das sechste Kapitel behandelt die Darstellung Indiens in journalistischen Berichten über den sogenannten Hippie Trail. Hier sei es erneut zu einem exotisierenden Blick gekommen, der sich jedoch in diesem Fall weniger auf die Bevölkerung Indiens als auf die jungen westlichen Reisenden gerichtet habe. Damit einhergegangen sei eine Kritik an der westlichen Gesellschaft. 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So sind die Quellenanalysen oft recht kurz, da die Autorin mit einer großen Menge Bildmaterial arbeitet, weshalb Zwischentöne und Ambivalenzen oder auch die Frage nach der Begrenztheit des Blicks der Fotografen in der Analyse einzelner Quellen kaum zur Sprache kommen. Interessant wäre auch gewesen, ob sich der Blick auf Indien in deutschsprachigen Publikationen von jenem in britischen Publikationen unterschied. Darüber hinaus erfährt der Leser kaum etwas darüber, welches Indien _nicht_ gezeigt wurde. Die Fotografen nahmen Indien als ausschließlich hinduistisches Land wahr und Müller hinterfragt diese Sicht kaum. So wird der selektive Blick der Fotografen reproduziert, anstatt die kulturelle Vielgestaltigkeit des Subkontinents hervorzuheben. Daneben weist Müller nicht darauf hin, dass auch in Indien die Fotografie seit dem 19. Jahrhundert aktiv genutzt wurde – und keineswegs ausschließlich von Briten, sondern auch von indischen Fotografen.[2] Auf diese Weise erscheint Indien allein als passives Objekt des westlichen Blicks. Zudem weist die Untersuchung kleinere Fehler auf, die zeigen, dass Müller eher mit europäischer denn mit südasiatischer Geschichte vertraut ist. So werden zum Beispiel auf S. 355 Hinduismus und Buddhismus gleichgesetzt. Auf S. 279 ist die Rede von einer „in eine Purdah (muslimische Verschleierung) gehüllte[n] Frau“. Purdah, wörtlich Schleier, wird jedoch primär als Metapher für räumliche Geschlechtertrennung gebraucht.[3] Auch ist die Forschung, die Müller zu Südasien heranzieht, zum Teil schon recht alt. Schließlich ist Müllers Behauptung, dass die Gurus der 1960er-Jahre die ersten gewesen seien, die alternative Bewegungen im Westen beeinflusst hätten, mittlerweile durch umfangreiche Forschungen widerlegt.[4] Überhaupt fragt die Geschichtswissenschaft, insbesondere die Globalgeschichte, mittlerweile nicht mehr nach gegenseitigen Wahrnehmungen, sondern vielmehr nach wechselseitigen Verflechtungen und Aneignungsprozessen – eine Frage, die eine wesentlich komplexere Untersuchung von Bildquellen und auch ein anderes Quellenkorpus erfordern würde. Im Rahmen einer solchen Untersuchung könnten dann „Indien“ und der „deutschsprachige Raum“ nicht mehr als in sich geschlossene, statische Einheiten betrachtet werden. Es müsste stattdessen Prozessen der Aneignung, Übersetzung, aber auch der Nicht-Übersetzung und Ausblendung sowie grenzüberschreitenden Akteursnetzwerken Aufmerksamkeit geschenkt werden. Insgesamt handelt es sich bei Müllers Buch trotz dieser Schwachstellen um einen ersten guten Einblick in ein Forschungsfeld, das allerdings noch viele Fragen offenlässt und Raum für künftige Untersuchungen bietet. Anmerkungen: [1] Patricia Purtschert / Harald Fischer-Tiné (Hrsg.), Colonial Switzerland. Rethinking Colonialism from the Margins, New York 2015. [2] Siehe z.B. Where Three Dreams Cross. 150 Years of Photography from India, Pakistan and Bangladesh, Göttingen 2010. [3] Maytrayee Chaudhuri, Feminism, in: Gita Dharampal-Frick u.a. (Hrsg.), Key Concepts in Modern Indian Studies, Washington 2015, S. 83–86, hier S. 85. [4] Einen guten Überblick über diese Forschungen bietet die Website des Forschernetzwerks Modern Yoga Research; siehe hier insbesondere die Forschungen Karl Baiers und Joseph Alters: http://www.modernyogaresearch.org (12.08.2019)." 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Müller: Indien im Sucher | infoclio - Rezensionen

A. Müller: Indien im Sucher

Cover
Titel
Indien im Sucher. Fotografien und Bilder von Südasien in der deutschsprachigen Öffentlichkeit, 1920–1980


Autor(en)
Müller, Angela
Erschienen
Köln 2019: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
444 S.
Preis
€ 70,00
von
Schneider Jürg

«Indien im Sucher» positioniert sich als «postkolonial informierte Visual History» (S. 22) in einem Forschungsfeld, das sich mit visuellen (fotografischen) Repräsentationen des kulturell Anderen und deren Rolle im kolonialen Projekt beschäftigt. Müllers Forschung geht aber nicht nur zeitlich darüber hinaus, indem sie sich auf die Periode 1920 bis 1980 konzentriert, also auf das koloniale und postkoloniale, unabhängige Indien, sondern auch, indem sie ihren Blick auf den deutschsprachigen Raum beziehungsweise Deutschland und die Schweiz, richtet, zwei Länder, die in diesem Zeitraum keine Kolonialmächte waren: Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr und die Schweiz nie, obwohl sie in verschiedener Weise in koloniale Projekte und deren postkoloniale Nachwirkungen verwickelt war.
«Davon ausgehend, dass Vorstellungen kolonialer und postkolonialer Verhältnisse wesentlich visuell waren» (S. 12), untersucht Angela Müller «wie Indien im 20. Jahrhundert in fotografischen Veröffentlichungen inszeniert wurde». Sie tut dies anhand verschiedener Fallstudien und konzentriert sich dabei auf «veröffentlichte Fotografien, die in populären Medien publiziert wurden» (S. 15), nämlich «Bildband, Kultur- und Reisezeitschrift sowie illustrierte Zeitschrift» (S. 13).

In sechs Kapiteln führt die Autorin die Leser und Leserinnen aus einer Welt, in der Bilder des fernen Indien noch (fast) ausschliesslich über Printmedien vermittelt wurden und nur wenige Europäer selbst Fernreisen unternehmen konnten, bis in die 1980er Jahre, in denen das bewegte Bild, insbesondere das Fernsehen, zu einem wesentlichen Teil jene einst von den Printmedien besetzte Rolle der Vermittlung und Repräsentation übernommen hatte und immer mehr Menschen es sich leisten konnten, in ferne aussereuropäische Länder zu reisen.

Angela Müller analysiert die Indienberichterstattung in den von ihr ausgewählten Printmedien mit einem wachen Blick auf Konstanten und Veränderungen. Dabei betont sie, dass es sich bei den «Indienbildern», ganz im Sinn einer bestimmten Lesart des Begriffs Repräsentation, «um spezifische Auseinandersetzungen mit Erscheinungen der europäischen Moderne handelt» (S. 12). Die ersten drei Kapitel sind dem «Wunderland Indien» gewidmet, das Müller im Vergleich verschiedener Medienprodukte – «des Fotobuchs, der Reise- und Kulturzeitschriften und der bürgerlichen Illustrierten mit hoher Auflage» (S. 28) – analysiert. In den Fokus rückt im ersten Kapitel der Zürcher Fotograf und Publizist Martin Hürlimann, der mit seinen Arbeiten für den Indienband in der Bildbandreihe Orbis Terrarum und die Zeitschrift Atlantis Indien als zeitlosen Sehnsuchtsort zelebrierte und damit eine Tradition fortsetzte, die schon im 19. Jahrhundert populäre Verbreitung gefunden hatte.

Das zweite Kapitel widmet sich der von Hürlimann herausgegebenen Zeitschrift Atlantis, die zwischen 1929 und 1964 erschien. Die Zeitschrift vermittelte vorab ein modernekritisches Verständnis von Kultur, nicht nur der indischen, sondern auch anderer aussereuropäischer Länder, in einem Format und Konzept, das in der «Verbindung von wissenschaftlicher Informiertheit, literarischem Anspruch und Fotografie» (S. 92) im deutschsprachigen Raum ein Novum darstellte.

Das dritte Kapitel zeigt, wie die Indienberichterstattung in den illustrierten Zeitschriften des deutschsprachigen Raums in der Zwischenkriegszeit einen Wandel erlebte. Das Oszillieren zwischen der Konstruktion und der Dekonstruktion des «Wunderlandes Indien» geschah in der Gegenüberstellung der indischen Gesellschaft, die in ihren Traditionen verhaftet schien und der europäischen Gesellschaften, die als modern und liberal imaginiert wurden. Als Beispiele für die Dekadenz einer überkommenen und in ihrer Religiosität und in ihrem Kastendenken erstarrten Welt zieht Müller die Figur des Maharadjas und des der Welt entsagenden sadhus (hinduistischer Asket) heran, als «zu Stereotypen übersteigerte gesellschaftliche Figuren» (S. 159).

Das moderne Indien und politische Realitäten wie der erstarkende indische Nationalismus blieben jedoch nicht gänzlich ausgeblendet, wie die Autorin im folgenden vierten Kapitel darlegt. Die dominanten Motive und unterschiedlichen Interpretationen des indischen antikolonialen Widerstandes in den Bildmedien werden auch hier wieder in ihrer Ambivalenz aufgespürt. Angela Müller zeigt dies am Beispiel der Figur Mahatma Gandis, über den die Berichterstattung in den illustrierten Zeitschriften zwischen Bewunderung und Exotisierung schwankt.

Das fünfte Kapitel untersucht, wie sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Fokus vom «Wunderland Indien zum Hungerland Indien» (S. 309) verschiebt und richtet seinen Fokus auf die «Konstruktion von Hunger» (S. 321) sowie die zentrale Rolle, die der Schweizer Fotograf Werner Bischof dabei mit seinen Bildern der Hungersnot im nordindischen Bihar in den Jahren 1950 und 1951 spielte.

Mit dem letzten Kapitel kehrt Angela Müller zurück zum Wunderland Indien, nun als Imaginationsort spiritueller Erfahrungen der in den 1960er Jahren aufblühenden Popkultur. Hier schliesst die Autorin an eine der Grundthesen ihrer Forschung an, dass nämlich der deutliche Wandel der Repräsentation Indiens, der in den 1960er und 1970er Jahren stattfand, die gesellschaftlichen Veränderungen in der Schweiz und Deutschland reflektierte.

Insgesamt legt Angela Müller mit «Indien im Sucher» eine geschickt gegliederte und profund recherchierte Arbeit vor. Wünschenswert wäre vielleicht ein Ausblick auf den englischen und französischen Forschungsstand gewesen, ein Desiderat, das weiterführende Forschungen erfüllen mögen. Der Fülle des Materials geschuldet sind die Quellenanalysen eher zu kurz geraten; man hätte hier eine tiefer gehende Analyse des Bildmaterials erwartet. Trotz dieser Kritikpunkte: ein lesenswertes Buch!

Zitierweise:
Schneider, Jürg: Rezension zu: Müller, Angela: Indien im Sucher. Fotografien und Bilder von Südasien in der deutschsprachigen Öffentlichkeit, 1920–1980, Wien, Köln, Weimar 2019. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 70 (1), 2020, S. 160-161. Online: <https://doi.org/10.24894/2296-6013.00054>.